ME/ CFS: 3D-Genomanalyse identifiziert LAG3 als Ansatzpunkt für Forschung
Veröffentlicht am: 04.10.2026 um 19:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die chronische Multisystemerkrankung ME/CFS stellt Betroffene, Angehörige und das Gesundheitssystem vor gravierende Herausforderungen. Im Podcast „Wiener Wissen“ schildern Verena Hackl von der MedUni Wien, der Angehörige Fabio Krois sowie Lisa Haderer, Projektleiterin bei der Caritas Socialis, die belastende Lebensrealität von Patienten und bestehende Versorgungslücken. Gleichzeitig untersuchen wissenschaftliche Arbeiten biologische Mechanismen und therapeutische Ansätze der komplexen Erkrankung.
Alltägliche Belastungen und Versorgungslücken
Im Podcast „Wiener Wissen“ beschreibt Verena Hackl von der MedUni Wien, dass für schwer an ME/CFS Erkrankte bereits alltägliche Vorgänge wie Zuhören oder Sprechen erhebliche Energie kosten.
Belastungen können bei Betroffenen einen sogenannten Crash auslösen, der zu einer massiven Zustandsverschlechterung führt. Schwer Betroffene seien teils nicht mehr in der Lage zu sprechen, zu gehen oder das Haus zu verlassen; selbst Arztbesuche könnten den Zustand weiter verschlimmern.
Hackl verweist zudem darauf, dass es an einer ausreichenden Versorgung fehle und ME/CFS während ihrer eigenen Ausbildung nicht thematisiert worden sei. Sie fordert, jegliche Belastung strikt an die individuelle körperliche Belastbarkeit anzupassen.
Die Folgen für das private Umfeld erläutert der Angehörige Fabio Krois. Seine Ehefrau leide unter 40 verschiedenen Symptomen. Nach einer früheren Besserung sei sie vor vier Jahren erneut erkrankt und könne an manchen Tagen das Bett nicht verlassen. Lisa Haderer von der Caritas Socialis verdeutlicht im Gespräch ebenfalls die Hürden, die den Alltag der Erkrankten bestimmen.
Genetische Netzwerke und Diagnostikansätze
Parallel zu den Schilderungen der Versorgungspraxis liefern genetische Analysen neue Forschungsansätze. Eine im „Journal of Translational Medicine“ veröffentlichte Untersuchung der University of East Anglia und Oxford BioDynamics analysierte Daten zu Long Covid, ME/CFS, PTSD, rheumatoider Arthritis und Multipler Sklerose mittels 3D-Genomanalyse.
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Die Autoren stellten fest, dass diese Krankheitsbilder trotz unterschiedlicher Auslöser gemeinsame Netzwerke der Immunfunktion, Entzündung, mitochondrialen Energie und des Stoffwechsels stören könnten.
Direkte Überschneidungen einzelner Gene fanden sich kaum, wohl aber gemeinsame regulatorische Netzwerke. Als zentrale Knotenpunkte wurden LAG3 und PPARGC1A identifiziert, wobei LAG3 als Ansatzpunkt für die weitere Erforschung von ME/CFS genannt wird.
Die Studie nutzte bestehende Genomdaten früherer Untersuchungen, ohne neue Patientenproben zu erheben. Künftige Anwendungen wie Bluttests oder Therapien bedürfen laut den Forschern weiterer Validierung. Ein früherer Bluttest habe ME/CFS mit einer Genauigkeit von 96 % von gesunden Kontrollen unterschieden.
Ein Social-Media-Beitrag kritisierte an der Untersuchung allerdings proprietäre, nicht unabhängig reproduzierbare Analyseverfahren. Eine Nutzerin auf der Plattform disabled.social verwies in der Debatte zudem auf die DecodeME-Studie mit 18.000 DNA-Proben von ME/CFS-Patienten.
Daten zu Mikronährstoffen und Risikofaktoren
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Neben genetischen Netzwerken werden auch supportive Ansätze untersucht. Eine in der Fachzeitschrift „Nutrients“ im Jahr 2026 publizierte randomisierte Studie untersuchte ME/CFS-Patienten nach COVID-19 oder einer Impfung, deren Vitamin-D-Werte unter 30 ng/mL lagen.
Über zwölf Wochen hinweg erhielt die Interventionsgruppe täglich zusätzlich 1.000 IU Vitamin D3 sowie Hinweise zu Ernährung, Sonnenlicht und Bewegung, woraufhin sich Blutwerte und selbstberichtete Symptome verbesserten.
Eine ergänzende Einordnung relativiert die Aussagekraft: Von 91 randomisierten Personen gingen 85 in die Auswertung ein, zudem erhielten beide Gruppen Alfacalcidol. Da der Versuch nicht verblindet war, belegt er weder eine allgemeine Wirksamkeit gegen Erschöpfung noch einen ursächlichen Zusammenhang mit Impfungen.
Weitere Berichte beleuchten zudem psychosoziale Faktoren in der Krankheitsgeschichte: Eine Untersuchung aus dem Jahr 2009 mit 113 CFS-Patienten und 124 Kontrollpersonen ergab bei Personen mit Kindheitstraumata ein etwa sechsfach erhöhtes CFS-Risiko.
Eine Studie von 2013 an 90 CFS-Patienten über 14 Tage zeigte, dass 54,4 % der Teilnehmenden von mindestens einem Kindheitstrauma berichteten, wobei mehr Traumaarten mit stärkerer Müdigkeit und Schmerzen einhergingen. Eine systematische Übersicht aus 31 Studien bezifferte das Risiko auf das etwa Zwei- bis Dreifache, belegt jedoch keine zwingende Ursache für den Ausbruch der Erkrankung.
