Massiver Spatzenrückgang in Berlin: Haussperlinge brechen um 70 Prozent ein
Veröffentlicht am: 15.09.2026 um 04:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSIn Berlin sind die Bestände des Haussperlings nach Beobachtung von Fachleuten innerhalb weniger Jahre drastisch eingebrochen.
Biologen melden massiven Bestandsrückgang
Der Biologe Jörg Böhner berichtet, die Zahl der Haussperlinge in der Hauptstadt sei inzwischen rund 70 Prozent niedriger als noch 2021. Auch der Naturschutzbund (Nabu) Berlin spricht auf Grundlage der Zählaktion "Stunde der Gartenvögel" von einem freien Fall der Spatzenbestände in der Stadt. Besonders alarmierend ist nach diesen Angaben, dass die Fachleute bislang keine eindeutige Ursache für den Einbruch benennen können.
Andere Singvögel bleiben stabil
Nahrungsmangel als Erklärung hält Böhner für wenig wahrscheinlich, da andere Singvogelarten keinen vergleichbaren Rückgang zeigen. Auch fehlende Nistplätze scheiden demnach als Hauptursache aus, viele geeignete Niststätten bleiben schlicht leer. Beim Nabu heißt es, es sei, als hätten sich die Spatzen in Luft aufgelöst.
Spatzenhauptstadt mit besonderen Bedingungen
Berlin gilt seit Langem als Spatzenhauptstadt Deutschlands. Anders als in Städten wie Hamburg und Köln gingen die Bestände dort lange Zeit nicht zurück. Als Grund nennt Böhner unter anderem, dass Berlin weniger steril sei: Grünflächen würden vergleichsweise selten gemäht, vielerorts gebe es fressbaren Abfall. Was vielen Menschen als schmuddelig gilt, verschaffe den Spatzen bislang gute Lebensbedingungen.
Rasanter Einbruch trotz hoher Ausgangszahlen
Nach Hochrechnungen der Berliner Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft gab es 2021 rund 190.000 Brutpaare des Haussperlings in der Stadt. Trotz dieser hohen Ausgangszahl sind die Bestände dem Vogelkundler zufolge seither drastisch gesunken, obwohl Berlin in den vergangenen Jahren kaum an "Schmuddelreiz" verloren habe.
Verdacht auf Krankheit und Rolle des Klimawandels
Angesichts des schnellen und massiven Rückgangs vermutet Böhner als mögliche Ursache eine Seuche, die die Bestände dezimiert. Als Kandidaten gelten bestimmte Plasmodien, Erreger der Vogelmalaria. Diese Parasiten und ihre Überträger, Stechmücken, fühlen sich nach seinen Angaben bei höheren Temperaturen besonders wohl und entwickeln sich schneller, sodass der Klimawandel ihr Vorkommen begünstigt.
Hinweise aus London, offene Fragen in Berlin
Eine 2019 im Fachjournal "Open Science" veröffentlichte Studie aus London zeigte einen Zusammenhang zwischen Plasmodium-Infektionen und den Überlebensraten von Spatzen. Die Erreger töten die Vögel demnach meist nicht direkt, können aber ihre Fitness deutlich vermindern. Für Berlin liegt eine entsprechende Analyse noch nicht vor, sie ist nach Böhners Angaben aber angedacht.
Global häufig, lokal im Rückzug
Weltweit gilt der Haussperling nicht als bedroht. Der Evolutionsbiologe Glenn-Peter Sætre beschreibt ihn in seinem Buch "Der Spatz" als Vogelart mit der größten Ausbreitung aller wild lebenden Vögel, möglicherweise sogar als zahlreichste Vogelspezies der Welt. Demnach kommt der Haussperling auf allen Kontinenten mit Ausnahme der Antarktis vor. Verbreitet wurde die Art oft durch den Menschen, der sie etwa nach Südamerika, Südafrika und Australien mitnahm.
Historische Schwankungen und neue Risiken
Im 19. Jahrhundert profitierten Spatzen in Großstädten wie London vom Pferdemist auf den Straßen, in dem reichlich Getreide als Futter lag. Mit dem Aufkommen des Autos verschwanden diese Nahrungsquellen, die Bestände gingen zurück und pendelten sich zunächst auf niedrigerem Niveau ein. Später kam es vor allem in den Städten Westeuropas erneut zu starken Rückgängen. Diskutiert werden unter anderem modernere Bauweisen mit weniger Nistplätzen, Umweltverschmutzung, mehr Beutegreifer wie Katzen und der Insektenschwund.
Der soziale Stadtbewohner verschwindet
Fachleute beschreiben den Haussperling als sehr sozialen Vogel, der in größeren Kolonien von 20 bis 30 Brutpaaren und ihrem Nachwuchs lebt. Wo sich ein Spatzenschwarm aufhält, ist er durch ständiges Tschilpen und Zetern gut zu hören. Die Vögel gelten zudem als sesshaft und nutzen oft über lange Zeit denselben Ort, bis hin zu einzelnen Imbissständen, an denen sie ständig zu finden sind.
Spatzenrückgang in Berlin als Warnsignal für Stadtökosysteme
Der drastische Rückgang der Haussperlinge in Berlin betrifft eine Art, die als besonders anpassungsfähig an urbane Lebensräume gilt. Wenn selbst dieser Kulturfolger innerhalb weniger Jahre um rund 70 Prozent einbricht, deutet dies auf tiefgreifende Veränderungen im Stadtökosystem hin. Auffällig ist, dass andere Singvogelarten von einem vergleichbaren Rückgang bislang verschont bleiben. Damit spricht vieles dafür, dass spezifische Faktoren den Haussperling treffen – etwa Krankheiten oder artspezifische Wechselwirkungen mit Nahrung, Parasiten und Lebensraum.
Mögliche Rolle von Krankheiten und Klimawandel
Der Verdacht auf eine Seuche, beispielsweise durch Plasmodien als Erreger der Vogelmalaria, fügt sich in ein größeres Bild: Stechmücken profitieren von höheren Temperaturen und längeren Vegetationsperioden. Steigen ihre Bestände und Ausbreitung, können sich Krankheitserreger leichter in Wildvogelpopulationen etablieren. Studien aus anderen Metropolen wie London zeigen, dass Plasmodium-Infektionen zwar selten direkt tödlich sind, aber die Fitness der Vögel mindern und damit ihre Überlebenschancen senken. Solche Effekte könnten erklären, warum Spatzenbestände relativ plötzlich einbrechen, ohne dass offensichtliche Veränderungen beim Futterangebot oder bei Nistplätzen festzustellen sind.
Lokale Krise, globale Verantwortung
Obwohl der Haussperling weltweit als eine der häufigsten Vogelarten gilt, kann sein Rückgang in einzelnen Regionen erhebliche ökologische und gesellschaftliche Folgen haben. Spatzen prägen vielerorts das Stadtbild, wirken als Insektenfresser und Samenverbreiter und sind für viele Menschen identitätsstiftende Alltagsbegleiter. Für Leserinnen und Leser bedeutet der Berliner Befund, dass selbst vermeintlich robuste Arten regional in Gefahr geraten können. Beobachtungsprogramme wie Gartenvogelzählungen, eine systematische Untersuchung möglicher Krankheitserreger und angepasste Stadtplanung mit vielfältigen, „nicht sterilen“ Lebensräumen könnten entscheidend sein, um Ursachen zu klären und geeignete Schutzmaßnahmen zu entwickeln.
