Mangelernährung, Krankenhaus

Mangelernährung im Krankenhaus: MHH und TK starten systematisches Screening

Veröffentlicht am: 06.11.2026 um 19:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ein Vertrag von MHH und TK führt Ernährungskontrollen für versicherte Klinikpatienten ein; Fachgesellschaften verlangen ein bundesweites Konzept bis Ende 2027.
Ein heller, leerer Krankenhausflur mit neutralen Wänden und reflektierendem Boden in einer sterilen, ruhigen Umgebung. Illustration mit AI erstellt.

Krankheitsbedingte Mangelernährung gilt in der stationären Versorgung als gravierendes, im Versorgungsalltag jedoch häufig vernachlässigtes Problem. Ein Qualitätsvertrag zwischen der Klinik für Gastroenterologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und der Techniker Krankenkasse (TK) soll diese Lücke schließen.

Die Vereinbarung sieht ein systematisches Ernährungsscreening für versicherte Patientinnen und Patienten der TK vor. Die Erfassung erfolgt bei der Krankenhausaufnahme, im Verlauf eines längeren Aufenthalts sowie vor der Entlassung und wird über zweckgebundene Zuschläge finanziert.

Erhebliche Diskrepanz zwischen Häufigkeit und Diagnosestellung

Dem Qualitätsvertrag ging eine wissenschaftliche Untersuchung der MHH und des Universitätsklinikums Würzburg voraus, die auf deutliche Versorgungsdefizite und daraus resultierende Folgeschäden hinwies. Laut prospektiven Studien liegt die Mangelernährungsrate in deutschen Krankenhäusern bei mindestens 30–70%. In der klinischen Abrechnungspraxis schlägt sich diese Quote bisher kaum nieder.

Eine Analyse repräsentativer Krankenkassendaten durch das Institut für angewandte Gesundheitsforschung Berlin belegt die Untererfassung: Nur bei 1,16–1,30% der stationären Patientinnen und Patienten wird die Diagnose Mangelernährung überhaupt gestellt. Hinzu kommt eine therapeutische Lücke bei den identifizierten Fällen, da hiervon lediglich 2,77–4,45% eine gezielte Ernährungstherapie erhalten.

Anzeige

Wer sich mit dem Thema Mangelernährung und Vitalstoffdefiziten befasst, sollte seine persönlichen Werte genau im Blick behalten. Dieser kostenlose Ratgeber erklärt verständlich, welche Laborwerte wirklich wichtig sind und wie man drohende Mängel frühzeitig erkennt. Kostenlosen Laborwerte-Selbstcheck jetzt anfordern

Folgen für Sterblichkeit, Rückfallquoten und Versorgungskosten

Die Unterversorgung führt zu messbaren Nachteilen für die Betroffenen sowie zu einer finanziellen Mehrbelastung des Gesundheitssystems. Aus den zugrundeliegenden Daten des Projekts geht hervor, dass die Sterblichkeit von Patientinnen und Patienten mit Mangelernährung nach 90 Tagen bei 18,2% lag, während die Quote in der Kontrollgruppe 7,3% betrug.

Auch das Risiko einer erneuten stationären Einweisung erhöhte sich spürbar: Die Wiederaufnahmerate nach 90 Tagen lag bei 44,9% gegenüber 37,8% in der Vergleichsgruppe.

Zusätzlich belasten die Krankheitsfolgen die Kostenträger. Die Gesundheitskosten beliefen sich über den Verlauf eines Jahres auf durchschnittlich 18.052 Euro pro Person. Damit lagen die Ausgaben für mangelernährte Patientinnen und Patienten um 4.396 Euro über den Aufwendungen für die Kontrollgruppe.

Anzeige

Oft bleiben Mängel und deren Folgen im Körper lange unentdeckt, da Blutwerte häufig nicht umfassend genug interpretiert werden. Erfahren Sie in diesem 25-seitigen PDF-Report, welche zehn entscheidenden Vitalstoff-Werte Sie kennen sollten, um Ihre Gesundheit aktiv zu schützen. Gratis-Report: Blutwerte richtig verstehen

Bundesweiter Handlungsbedarf in der stationären Ernährungstherapie

Die in Hannover adressierten Probleme decken sich mit Einschätzungen medizinischer Fachgesellschaften. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) schätzt die Zahl der jährlichen Todesfälle infolge von Mangelernährung in Deutschland auf rund 50.000. Nach Angaben der Fachgesellschaft sind rund 30% aller stationär behandelten Patientinnen und Patienten von einer Mangelernährung betroffen oder bedroht. Demgegenüber wird jedoch nur rund 1% systematisch auf ein Nährstoffdefizit untersucht und therapiert.

Um diesen Zustand dauerhaft zu verändern, fordert die Fachgesellschaft verbindliche Maßnahmen. Bis Ende 2027 sollen Politik und Fachverbände ein einheitliches Konzept erarbeiten, das die Erkennung und gezielte Behandlung krankheitsbedingter Mangelernährung in deutschen Krankenhäusern strukturell verankert.

Disclaimer...
de | wissenschaft | 70471849 |