Makuladegeneration, Chip

Makuladegeneration: Neuer Chip stellt 80% Sehkraft wieder her

Veröffentlicht am: 20.09.2026 um 17:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Das Prima-System erzielte bei vielen AMD-Patienten bessere Lesewerte, während Zelltherapie und KI-Diagnostik noch offene Forschungsfragen bleiben.

Prima-Implantat verbessert Sehen bei AMD, birgt aber Risiken
Ein steriler, minimalistischer Forschungslabor-Arbeitsplatz mit einer Glasschale auf einem Metalltisch. Illustration mit AI erstellt.

Für Menschen mit fortgeschrittener altersbedingter Makuladegeneration (AMD) galt der Verlust des zentralen Sehvermögens lange als unumkehrbar. Ein System aus einem winzigen Netzhaut-Chip und einer KI-gestützten Brille, das Ärzte in mehreren Ländern erprobt haben, zeigt nun, dass sich zumindest ein Teil dieses Sehvermögens wiederherstellen lässt. Es steht exemplarisch für einen breiteren Trend: Immer mehr Forschungsgruppen kombinieren Implantate, Zellbiologie und künstliche Intelligenz, um Augenerkrankungen früher zu erkennen und ihre Folgen zu lindern.

Das Prima-Implantat: Ergebnisse aus der klinischen Studie

Im Zentrum steht das Prima-Implantat des Unternehmens Science Corporation, ein etwa 2 Millimeter großer Chip, der unter die Netzhaut eingesetzt wird und gemeinsam mit einer speziellen Brille funktioniert, die visuelle Informationen aufbereitet. Das Verfahren richtet sich an Patienten mit geografischer Atrophie, der trockenen Spätform der AMD, für die es bislang kaum wirksame Therapien gibt.

Die Ergebnisse einer im New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie mit 38 Teilnehmern im Alter von 78 bis 79 Jahren aus fünf Ländern fielen bemerkenswert aus: 81 Prozent der Probanden gewannen mindestens 10 Lesebuchstaben hinzu, bei 80 Prozent verbesserte sich die Sehkraft nach einem Jahr Beobachtungszeit.

Zugleich zeigte die Studie, dass das Verfahren nicht ohne Risiken ist. Bei 19 der 38 Teilnehmer traten Nebenwirkungen wie erhöhter Augeninnendruck oder Netzhautablösungen auf – Komplikationen, die bei der Bewertung des Verfahrens mitbedacht werden müssen.

Das Implantat erhielt die CE-Kennzeichnung der europäischen Gesundheitsbehörden zur Behandlung der Makuladegeneration und wird seither schrittweise in Europa eingeführt, auch in Deutschland.

Grundlagenforschung: Wie Netzhautzellen auf Reize reagieren

Parallel zur klinischen Anwendung arbeiten Grundlagenforscher daran, das Zusammenspiel von Implantaten und Nervenzellen besser zu verstehen. Am Institut für Biomedizinische Elektronik der TU Wien untersuchte ein Team um Paul Werginz, wie Nervenzellen der Netzhaut auf elektrische Signale reagieren.

Die Forscher fanden, dass Nervenzellen in Mäuse-Retinas auch ohne Lichteinfall, allein durch elektrische Stromsignale, ähnliche Aktivitätsmuster erzeugen wie bei natürlicher Lichtstimulation.

Diese Aktivität blieb auch bei blinden Mäusen erhalten – ein Befund, der direkte Relevanz für die Weiterentwicklung von Retinaimplantaten wie Prima hat, da er zeigt, dass elektrische Stimulation grundsätzlich geeignet ist, um die fehlende Lichtwahrnehmung zu ersetzen.

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Auch auf zellbiologischer Ebene gibt es Fortschritte: Eine in der Fachzeitschrift eLife veröffentlicht e Studie beschreibt, wie sich Müller-Gliazellen der Mausretina durch Hemmung des sogenannten Notch-Signalwegs in Kombination mit erzwungener Zellteilung in bipolare und amakrine Neuronen umwandeln lassen.

Einzelne Eingriffe allein zeigten kaum Wirkung, die kombinierte Methode ließ die neu entstandenen Zellen zwar langfristig überleben, jedoch nicht vollständig ausreifen. Eine tatsächliche Lichtwahrnehmung der umgewandelten Zellen konnte die Studie nicht nachweisen – ein Hinweis darauf, dass Zellregeneration als Ansatz zur Sehrestauration noch am Anfang steht.

Künstliche Intelligenz als Werkzeug und Grenze

Künstliche Intelligenz spielt bei der Weiterentwicklung von Sehprothesen eine doppelte Rolle: als Werkzeug zur Bildverarbeitung und als Gegenstand kritischer Prüfung ihrer eigenen Grenzen.

Eine im Fachjournal iScience veröffentlichte Studie der NYU Grossman School of Medicine unter Beteiligung von Biyu He und Mugihiko Kato testete mehr als 200 KI-Modelle auf ihre Fähigkeit, visuelle Formen zu erkennen.

Die Modelle erkannten Gesamtsilhouetten deutlich schlechter als Menschen; wurden Umrisse etwa mit Kreuzchen gefüllt, deuteten die Systeme eine Katze zum Teil als Kreuzworträtsel. Die Autoren betonen die Relevanz solcher Schwächen für Bereiche wie autonomes Fahren, Robotik und eben auch Sehprothesen, bei denen KI-Systeme visuelle Information zuverlässig interpretieren müssen.

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An der MedUni Wien untersucht ein Team um Ursula Schmidt-Erfurt, wie KI-Algorithmen anhand von Netzhaut-Scans nicht nur Augenerkrankungen wie grünen Star oder Makuladegeneration, sondern auch systemische Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Leiden und Parkinson bereits vor dem Auftreten von Symptomen erkennen könnten.

Die Netzhaut fungiert dabei als eine Art Fenster in den restlichen Körper – ein Prinzip, das sich auch in anderen Forschungsfeldern wiederfindet: Am Karolinska Institutet transplantierte ein Team um Per-Olof Berggren dreidimensionale Leberzellsphäroide in die vordere Augenkammer von Mäusen und nutzte die Hornhaut als Beobachtungsfenster, um Marker für Fettlebererkrankungen sichtbar zu machen.

Einordnung

Die Kombination aus Implantat-Technologie, Zellbiologie und KI-gestützter Diagnostik zeigt, dass die Augenheilkunde derzeit an mehreren Fronten zugleich Fortschritte macht.

Während das Prima-System bereits in der Anwendung ist und in kontrollierten Studien belegbare Sehverbesserungen bei einem Teil der Patienten erzielt, bleiben Zellregeneration und KI-basierte Bildinterpretation Forschungsfelder, deren praktischer Nutzen erst in den kommenden Jahren klarer werden dürfte.

Für Patienten mit fortgeschrittener Makuladegeneration bedeutet dies: Es gibt erstmals eine zugelassene technische Option, die jedoch mit einem Risiko für Komplikationen einhergeht und individuell abgewogen werden muss.

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