Magersucht und Bulimie: Weltweite Fallzahlen seit 1990 um 71 Prozent gestiegen
Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 22:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie weltweiten Fallzahlen von Magersucht und Bulimie haben in den vergangenen Jahrzehnten massiv zugenommen. Eine umfassende Auswertung von Gesundheitsdaten aus 204 Ländern und Territorien im Rahmen der GBD-2023-Analyse, die im Fachjournal JAMA Psychiatry erschien, verzeichnet bei Anorexia nervosa und Bulimia nervosa einen Anstieg der Gesamtfälle um 71,0 Prozent seit dem Jahr 1990. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung fordern deutsche Forscher einen deutlichen Ausbau von Präventionsangeboten an Schulen, zusätzliche Therapieplätze sowie einen verbesserten Jugendschutz in sozialen Netzwerken.
Junge Menschen und Frauen besonders häufig betroffen
Laut den Daten der GBD-2023-Analyse lebten im Jahr 2023 weltweit rund 18,1 Millionen Menschen mit einer der beiden erfassten Essstörungen (95%-UI 13,9–24,0).
Der überwiegende Teil entfällt auf weibliche Betroffene: 12,6 Millionen Frauen machen 69,4 Prozent der Fälle aus, während bei Männern 5,5 Millionen Fälle verzeichnet wurden, was einem Anteil von 30,6 Prozent entspricht.
Ein erheblicher Teil der Krankheitslast konzentriert sich auf das Jugend- und frühe Erwachsenenalter. Demnach traten 41,2 Prozent aller Fälle – also rund vier von zehn – im Alter zwischen 10 und 24 Jahren auf, wobei der Häufigkeitsgipfel in der Altersgruppe der 20- bis 24-Jährigen lag.
Aufgeteilt nach den Krankheitsbildern bildete die Bulimie im Jahr 2023 mit 14,2 Millionen Fällen die größere Gruppe, was einem Zuwachs von 75,1 Prozent seit 1990 entspricht. Anorexie wurde bei 3,92 Millionen Menschen verzeichnet, ein Anstieg um 57,9 Prozent.
Die weltweite Krankheitslast beziffert die Untersuchung auf 3,83 Millionen DALYs (behinderungsbereinigte Lebensjahre, 95%-UI 2,23–5,69). Sowohl die altersstandardisierte Prävalenz- als auch die DALY-Rate stiegen seit 1990 um jeweils rund 21 Prozent.
Regionale Unterschiede und langfristige Prognosen
Die Verbreitung der Erkrankungen variiert regional stark. Die höchste altersstandardisierte Prävalenz verzeichnete die Analyse in Australasien mit 946,4 Fällen je 100.000 Einwohner, gefolgt von Westeuropa mit einer Rate von 502,4. Die stärksten relativen Zuwächse zeigten sich unterdessen in Ost-, Süd- und Südostasien sowie weiteren wirtschaftlich aufstrebenden Regionen Asiens.
Die Zahlen aus der aktuellen Auswertung machen deutlich, wie wichtig frühes Hinschauen ist: Fast vier von zehn Betroffenen sind zwischen 10 und 24 Jahre alt. Wer die frühen Anzeichen kennt, kann eingreifen, bevor sich das Verhalten festsetzt. Unser kostenloser Leitfaden zeigt Ihnen die wichtigsten Warnsignale und wie Sie das Gespräch mit Ihrem Kind beginnen. Warnsignale jetzt im kostenlosen Leitfaden nachlesen
Insgesamt stieg die Prävalenz in 156 von 204 untersuchten Territorien; den stärksten Anstieg wies Äquatorialguinea mit einem Plus von 92,6 Prozent auf. Einen Rückgang gab es lediglich in 11 Ländern, angeführt von Venezuela mit einem Minus von 27,2 Prozent.
Nationale Berichte wie das mexikanische Boletín Epidemiológico verdeutlichen das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern auch auf lokaler Ebene: Dort wurden für die Woche 8/2026 vorläufig kumuliert 650 Fälle unter dem Diagnoseschlüssel ICD-10 F50 erfasst, darunter 485 Frauen (74,6 Prozent) und 165 Männer (25,4 Prozent).
Modellrechnungen der GBD-Analyse deuten auf eine Fortsetzung des weltweiten Trends hin. Bis zum Jahr 2050 prognostizieren die Modellierungen einen weiteren Anstieg auf fast 22 Millionen beziehungsweise 21,8 Millionen Betroffene.
Handlungsbedarf und wissenschaftliche Limitationen
Das Autorenteam der GBD-2023-Analyse empfiehlt den Verantwortlichen im Gesundheitswesen, Essstörungen konsequenter in die globale Überwachung, Prävention und Versorgungsplanung psychischer Erkrankungen zu integrieren. In Deutschland drängen Wissenschaftler zudem auf konkrete Maßnahmen vor Ort, darunter mehr Aufklärung und Präventionsprogramme im Schulalltag sowie gezielte Interventionen im digitalen Raum.
Viele Eltern stehen allein da, wenn sie an der Schule mehr Aufklärung und Prävention einfordern wollen — oder einen Therapieplatz suchen, der schwer zu finden ist. Dieser Leitfaden gibt Ihnen eine Checkliste für das Gespräch mit der Schule und einen klaren Wegweiser durch die Therapieplatz-Suche. Checkliste und Wegweiser jetzt kostenlos anfordern
In externen Experteneinschätzungen wird die methodische Qualität der globalen Untersuchung zwar als hochwertig eingestuft, zugleich wird jedoch auf relevante Limitationen verwiesen.
So sind verbreitete Störungsbilder wie die Binge-Eating-Störung sowie sonstige näher bezeichnete Fütter- oder Essstörungen (OSFED) in der Erhebung nicht berücksichtigt. Zudem bestehen in einigen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen erhebliche Datenlücken, weshalb Prognosen bis 2050 mit entsprechender Vorsicht zu interpretieren seien.
