Magersucht und Binge-Eating: Neue Genstudie belegt eigenständige Krankheiten
Veröffentlicht am: 25.08.2026 um 08:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die wissenschaftliche Untersuchung der biologischen Ursachen von Essstörungen hat in den vergangenen Monaten signifikante Fortschritte erzielt. Eine großangelegte internationale Forschungsarbeit unter Federführung des schwedischen Karolinska-Instituts, die im August 2026 in der Fachzeitschrift Nature Mental Health veröffentlicht wurde, liefert neue Einblicke in die genetische Architektur von Magersucht (Anorexia nervosa) und Essanfällen (Binge-Eating-Störung).
Parallel dazu verdeutlichen biochemische Analysen des französischen Forschungsinstituts INSERM die Rolle spezifischer Proteine bei der Steuerung des Hungergefühls und der Impulskontrolle.
Identifikation spezifischer genetischer Marker
In der im August 2026 vorgestellten Genstudie untersuchten die Wissenschaftler des Karolinska-Instituts einen Datensatz von insgesamt 39.279 Personen mit Essanfällen sowie 24.223 Personen mit Magersucht. Diesen wurden mehr als 1,2 Millionen Kontrollpersonen gegenübergestellt.
Durch diese breite Datenbasis konnten die Forscher sechs genetische Marker identifizieren, die spezifisch mit Essanfällen in Verbindung stehen. Für die Magersucht wurden acht Marker ausgemacht, wobei zwei davon im Rahmen dieser Untersuchung neu entdeckt wurden.
Ein zentrales Ergebnis der Arbeit ist die Erkenntnis, dass die genetische Veranlagung für diese Störungen nur bedingt mit der Genetik des Body-Mass-Index (BMI) korreliert.
Den Analysen zufolge überlappen lediglich etwa 12 Prozent der genetischen Varianz bei Essanfällen und zirka 10 Prozent bei Magersucht mit den Erbanlagen, die den BMI beeinflussen. Dies deutet darauf hin, dass Essstörungen als eigenständige psychiatrische Erkrankungen zu betrachten sind, deren Ursprung über die reine Regulation des Körpergewichts hinausgeht.
Korrelationen mit psychiatrischen Krankheitsbildern
Die Forschungsergebnisse legen zudem eine enge Verknüpfung zwischen Essstörungen und anderen psychischen Merkmalen nahe. Den Untersuchungen des Karolinska-Instituts zufolge korrelieren Essanfälle auf genetischer Ebene deutlich mit der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Im Gegensatz dazu zeigten sich bei der Magersucht genetische Übereinstimmungen mit Zwangsstörungen (OCD).
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Im Bereich der Essanfälle konnten die Wissenschaftler zudem das FTO-Gen nachweisen, welches bereits in früheren Studien mit der Regulation des Körpergewichts und des Appetits in Verbindung gebracht wurde. Die internationale Zusammenarbeit verschiedener Institutionen unterstreicht dabei die Komplexität der zugrundeliegenden genetischen Strukturen.
Biochemische Mechanismen und das Rückfallrisiko
Ergänzend zu den genetischen Markern lieferten Forscher des INSERM unter der Leitung von Dr. Virginie Tolle beim FENS Forum 2026 neue Daten zur biochemischen Steuerung des Essverhaltens. Im Fokus stand dabei das Protein LEAP2, das als natürlicher Gegenspieler zum Hungerhormon Ghrelin fungiert. Die Untersuchungen zeigten, dass Patienten mit Anorexie erhöhte LEAP2-Spiegel aufweisen, welche die Wirkung des Hungersignals Ghrelin blockieren.
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Laut den Analysen des INSERM könnten diese Werte klinische Relevanz für den Behandlungserfolg besitzen. Höhere LEAP2-Werte standen in der Beobachtung mit einer verbesserten Impulskontrolle nach einer Therapiephase in Verbindung. Die Forscher gehen davon aus, dass LEAP2 künftig als Indikator dienen könnte, um das individuelle Rückfallrisiko von Patienten besser vorherzusagen.
Dennoch mahnen die Experten zur Vorsicht bei möglichen therapeutischen Anwendungen: In Versuchen mit Mäusen führte eine Behandlung mit LEAP2 zu Schwierigkeiten bei der Regulierung des Blutzuckerspiegels. Dies verdeutlicht, dass weitere Forschung notwendig ist, um die Wechselwirkungen zwischen Hormonhaushalt, Genetik und Stoffwechsel bei der Behandlung von Essstörungen vollständig zu verstehen.
