Männergesundheit, OST

Männergesundheit: OST entwickelt digitales Screening für Hausarztpraxen

Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 18:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine OST-Studie untersucht Hürden bei der Hilfesuche und entwickelt ein gendersensibles digitales Verfahren zur Früherkennung psychischer Belastungen.
Ein leerer, ruhiger Wartebereich in einer Arztpraxis mit neutraler Einrichtung und natürlichem Lichteinfall. Illustration mit AI erstellt.

An der OST – Ostschweizer Fachhochschule widmet sich das Forschungsprojekt «Beyond the Barriers» unter der Leitung von Dr. Shauna Rohner der Früherkennung psychischer Belastungen bei Männern.

Im Rahmen des Projekts entsteht ein gendersensibles digitales Screening-Tool, das speziell für den Einsatz in Hausarztpraxen konzipiert wird. Finanziert wird die Forschungsarbeit durch den Schweizerischen Nationalfonds im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms NFP 83 «Gender Medicine and Health».

Rollenbilder und Barrieren bei der Hilfesuche

Grundlage des Projekts an der Fachhochschule ist eine Onlinebefragung unter 525 Erwachsenen aus der Deutschschweiz, darunter 246 Männer und 279 Frauen. Die Auswertung zeigte, dass Männer deutlich häufiger als Frauen angaben, bislang noch nie professionelle Hilfe in Anspruch genommen zu haben.

Als wesentliche Faktoren machten die Forschenden traditionelle Männlichkeitsnormen sowie Prozesse der Selbststigmatisierung aus. Zur Vertiefung dieser Befunde wurden ergänzend qualitative Interviews mit zwölf Männern geführt.

Dass Männer psychologische Unterstützung seltener nutzen oder Behandlungen vorzeitig beenden, spiegelt sich auch in internationalen Erhebungen wider. Nach Angaben des Gesundheitsunternehmens Bupa brechen laut Forschung 45 Prozent der Männer eine Therapie vor dem regulären Abschluss ab, während Frauen Regierungsdaten zufolge 40 Prozent häufiger psychologische Praxen aufsuchen.

Eine im American Journal of Men’s Health veröffentlichte Untersuchung von Billy Grace, Noel Richardson vom Institute of Technology Carlow und Paula Carroll vom Waterford Institute of Technology beleuchtet ergänzend die Perspektive von Dienstleistern in Irland. Dort bilden junge Männer die Bevölkerungsgruppe mit dem höchsten Suizidrisiko, nehmen bestehende Hilfsangebote jedoch am seltensten wahr.

Externalisierende Symptome erschweren Diagnosen

Ein wesentliches Problem bei der Erkennung seelischer Krisen liegt im Erscheinungsbild. Der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) wies darauf hin, dass depressive Erkrankungen bei Männern häufig unentdeckt bleiben, da sie sich oft über externalisierende Symptome wie erhöhte Gereiztheit, Aggressivität, gesteigerte Risikobereitschaft und vermehrten Alkoholkonsum äußern.

Die Dringlichkeit einer verbesserten Diagnostik unterstreicht der Verweis des ÖBVP auf den Suizidbericht 2025 des österreichischen Gesundheitsministeriums: Im Jahr 2024 wurden in Österreich 1.219 Suizidtodesfälle registriert, von denen 972 Männer und 247 Frauen betrafen – ein Männeranteil von knapp 80 Prozent. Der Verband fordert daher eine verstärkte Früherkennung in der hausärztlichen Primärversorgung sowie bezahlbare Therapieplätze.

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Regionale Daten der AOK Nord West zeigen ähnliche Tendenzen. In Bochum leben nach Angaben der Kasse rund 44.000 Menschen mit einer Depression oder einer chronischen depressiven Verstimmung, wobei die Erkrankung bei Männern durch Symptome wie Suchtverhalten, Aggressionen oder körperliche Beschwerden oft spät diagnostiziert wird.

Zudem gehen laut AOK lediglich 40 Prozent der Männer regelmäßig zu Früherkennungsuntersuchungen, verglichen mit gut 67 Prozent bei den Frauen – obwohl rund drei Viertel der Männer über die Vorsorgeleistungen ihrer Kassen informiert sind. Weltweit sterben Männer im Durchschnitt fast fünf Jahre früher als Frauen.

Neue Ansätze in Praxis, Beratung und Weiterbildung

Um diesen Versorgungsdefiziten zu begegnen, entstehen unterschiedliche Interventionsansätze. Die AOK Nord West kündigte für den Movember 2026 Informationsveranstaltungen und Online-Programme zur mentalen Männergesundheit an.

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In Potsdam initiierte der Familientherapeut Jannis Seidemann im Karl-Liebknecht-Stadion des SV Babelsberg 03 den „Karli Kiosk“, um Männer in einem vertrauten Umfeld niedrigschwellig anzusprechen.

Auf institutioneller Ebene stellte die Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz (BFKM) im Rahmen einer Online-Veranstaltung ihre Nutzungsstatistik für 2025 vor und verwies darauf, dass bislang in acht von 16 Bundesländern spezielle Gewaltschutzeinrichtungen für Männer existieren, die künftig in das beschlossene Gewalthilfegesetz eingebunden werden sollen.

Parallel dazu rückt die Schulung von medizinischem und therapeutischem Fachpersonal in den Mittelpunkt. Bupa startete in Australien eine Kooperation mit der Organisation Movember, bei der Fachkräfte das Fortbildungsprogramm „Men in Mind“ durchlaufen.

Erste Ergebnisse zeigen, dass sich 94 Prozent der Teilnehmenden im Umgang mit männlichen Klienten sicherer fühlten und 98 Prozent Verbesserungen auf der EMITS-Skala erzielten.

Das Unternehmen verwies darauf, dass 87 Prozent der australischen Männer, die durch Suizid starben, im Jahr vor ihrem Tod eine Gesundheitseinrichtung aufgesucht hatten. Bupa plant für das Jahr 2027 den Aufbau von landesweit 60 Mindplace-Standorten.

In Schottland entwickelt Care Reality im Projekt SAFE-XR zusammen mit dem Suicidal Behaviour Research Laboratory der University of Glasgow sowie weiteren Partnern technologiegestützte Trainings über die Plattform FLO-XR, um Fachkräfte mittels virtueller Szenarien auf Krisengespräche vorzubereiten; entsprechende Evaluationen zur Wirksamkeit dauern gegenwärtig an.

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