Lynch-Syndrom: Nur 6,9 Prozent nutzen Aspirin zur Krebsprävention
Veröffentlicht am: 13.10.2026 um 06:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Obwohl internationale Untersuchungsergebnisse eine präventive Wirkung von niedrig dosierter Acetylsalicylsäure bei Personen mit Lynch-Syndrom belegen, kommt diese Therapieform im Versorgungsalltag nur selten zum Einsatz.
Zu diesem Ergebnis kommt die LYNX-Studie, an der das Universitätsklinikum Bonn (UKB), die Universität Bonn, das Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) Bonn sowie die Patientenorganisation SemiColon beteiligt waren. Die Ergebnisse wurden als wissenschaftlicher Letter in der Fachzeitschrift The Lancet Gastroenterology & Hepatology veröffentlicht (DOI: 10.1016/S2468-1253(26)00216-5).
Diskrepanz zwischen Darmspiegelung und medikamentöser Prävention
Die Erhebung der LYNX-Studie verdeutlicht eine erhebliche Lücke bei der medikamentösen Vorbeugung. Lediglich 10,4% der befragten Personen nahmen zum Zeitpunkt der Erhebung aktuell Acetylsalicylsäure ein. Nur 6,9% nutzten den Wirkstoff ausdrücklich zur Krebsprävention bei bestehendem Lynch-Syndrom.
Demgegenüber steht ein hohes Bewusstsein für mechanische Früherkennungsmaßnahmen: 97% der Befragten kannten die offiziellen Vorsorgeempfehlungen, und fast alle nahmen regelmäßig an Darmspiegelungen teil.
Als ausschlaggebende Gründe für die seltene Inanspruchnahme von Acetylsalicylsäure nannten die Studienteilnehmer eine geringe Beschäftigung mit dem Thema, die Sorge vor unerwünschten Nebenwirkungen sowie Unsicherheiten bezüglich der wissenschaftlichen Evidenz.
Zugleich zeigte sich in der Befragung eine ausgeprägte Bereitschaft für innovative Ansätze. Rund 75% der Befragten äußerten sich offen für die Teilnahme an einer präventiven mRNA-Krebsimpfungsstudie; nach Bereitstellung entsprechender Informationen stieg dieser Anteil auf rund 80%. Mehr als 92% gaben an, eine solche Impfung im Falle einer offiziellen Zulassung nutzen zu wollen.
Die wissenschaftliche Evidenz aus CAPP2 und CaPP3
Dass Acetylsalicylsäure das Erkrankungsrisiko senken kann, belegen frühere Großstudien. In der CAPP2-Studie wurden 861 Personen auf 600 mg Aspirin pro Tag oder ein Placebo randomisiert.
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Nach einem mittleren Follow-up von rund 10 Jahren trat Darmkrebs bei 9% der Behandelten in der Aspirin-Gruppe gegenüber 13% in der Placebo-Gruppe auf. Dies entspricht einer relativen Risikoreduktion von 35% und etwa 4 Fällen weniger je 100 Behandelten, womit die Dosis von 600 mg pro Tag das langfristige Darmkrebsrisiko senkte.
Zur Frage der Dosierung lieferte die CaPP3-Studie weitere Anhaltspunkte, in die 1.879 Personen rekrutiert und 1.866 in die Hauptanalyse aufgenommen wurden. Untersucht wurden Dosierungen von 100, 300 und 600 mg täglich.
Wie Dr. Robert Hüneburg einordnete, könnte eine Dosis von 100 mg pro Tag einen vergleichbaren präventiven Effekt wie höhere Dosen bieten, verbunden mit weniger Blutungskomplikationen. Allerdings sei die formale statistische Nicht-Unterlegenheit nicht in allen Analysen nach sämtlichen statistischen Kriterien belegt worden.
Bei schweren Blutungskomplikationen innerhalb von fünf Jahren zeigten sich in der CaPP3-Studie deutliche Unterschiede: Bei 100 mg lag die Rate bei 0%, bei 300 mg bei 0,5% und bei 600 mg bei 1,5%.
Krankheitsbild, Risiken und Leitlinienempfehlungen
Das Lynch-Syndrom ist eine erbliche Erkrankung, die durch Veränderungen in den Genen MLH1, MSH2, MSH6 und PMS2 verursacht wird. Sie erhöht das Risiko für Darm-, Gebärmutter- und Eierstockkrebs und ist für rund 3% der kolorektalen Tumoren verantwortlich. Laut Guy's and St Thomas' gehen rund 2 von 100 Darmkrebsfällen auf das Lynch-Syndrom zurück.
Nach Angaben von NHS England ist 1 von 400 Menschen in England betroffen (rund 175.000 Personen), wovon jedoch nur etwa 5% von ihrer Veranlagung wissen. Das Lebenszeitrisiko für Darmkrebs beziffert NHS England auf bis zu 80%, was rund 1.100 Darmkrebsfällen pro Jahr in England entspricht.
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Die Vererbungswahrscheinlichkeit pro Kind beträgt 50%, und die Diagnose erfolgt über einen Bluttest. In den Jahren 2021 bis 2023 erhielten durchschnittlich 94% der an Darm- und Gebärmutterkrebs Diagnostizierten diesen initialen Test, verglichen mit 47% im Jahr 2019.
In europäischen Leitlinien wird eine Chemoprävention mit mindestens 75 bis 100 mg Acetylsalicylsäure pro Tag als diskutabel eingestuft. Fachleute weisen darauf hin, dass die Entscheidung für oder gegen eine solche Prophylaxe stets individuell und unter Berücksichtigung von Begleiterkrankungen sowie des persönlichen Blutungsrisikos getroffen werden muss.
