Lungenkrebs: Konsolidierende Therapie bringt keinen Überlebensvorteil
Veröffentlicht am: 12.09.2026 um 15:53 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine Reihe aktueller Fachberichte gibt Einblick in den Stand der personalisierten Onkologie: von Brustkrebs über Bauchspeicheldrüsen- und Lungenkrebs bis hin zu neuen Ansätzen in der Immuntherapie. Die Ergebnisse zeigen ein gemischtes Bild – deutliche Fortschritte in einzelnen Indikationen stehen enttäuschenden Resultaten in anderen gegenüber.
Brustkrebs: Erfolge und Rückschläge bei AstraZeneca
Für AstraZeneca zeichnen zwei Studien ein widersprüchliches Bild. In der Phase-III-Studie SERENA-4 mit 1.371 Patientinnen mit ER-positivem, HER2-negativem fortgeschrittenem Brustkrebs verfehlte die Kombination aus Etcamah (Camizestrant) und Palbociclib gegenüber Anastrozol plus Palbociclib den primären Endpunkt des progressionsfreien Überlebens, trotz eines numerischen Vorteils. Neue Sicherheitsbedenken traten laut einem Bericht vom 11. September 2026 nicht auf.
Deutlich positiver fiel die Studie SERENA-6 mit 315 Patientinnen aus: Hier erreichte Etcamah ein progressionsfreies Überleben von 16,8 gegenüber 9,2 Monaten unter Standardtherapie (Hazard Ratio 0,45; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,34–0,59), was einer Risikoreduktion von 55 Prozent entspricht. Auf dieser Basis ist Etcamah für HR-positive, HER2-negative Fälle mit ESR1-Mutation nach Vorbehandlung zugelassen.
Auch beim triple-negativen Brustkrebs liefern Forscher der Universitäten Frankfurt und Marburg differenzierte Befunde: Der Checkpoint-Inhibitor Atezolizumab brachte in ihrer Studie keinen signifikanten Überlebensvorteil – das ereignisfreie Überleben nach vier Jahren lag bei 85 Prozent mit gegenüber 82 Prozent ohne Wirkstoff, die pathologische Komplettremission bei 63 gegenüber 57 Prozent.
Ein Nutzen zeigte sich vor allem bei Lymphknotenbefall und hoher Dichte tumorinfiltrierender Lymphozyten, begleitet von teils gravierenden Nebenwirkungen.
Eine Real-World-Studie von Forschern der Universitäten Iowa und Wisconsin im Rahmen des PCORnet-Netzwerks untersuchte an 878 Frauen mit frühem triple-negativem Brustkrebs im Stadium I bis III den Zeitraum 2012 bis 2024. Anthrazykline zusätzlich zu Carboplatin und Taxan brachten demnach keinen signifikanten Vorteil bei der pathologischen Komplettremission, während Pembrolizumab die Erfolgschancen nahezu verdoppelte. Die Carboplatin-Nutzung stieg im Beobachtungszeitraum von 7,1 auf 72,8 Prozent.
Einen chemotherapiefreien Ansatz verfolgt die Phase-1/2-Studie ASPIRE, veröffentlicht im Journal of the National Cancer Institute: Ein Vierfach-Regime aus Anastrozol, Trastuzumab, Pertuzumab und Palbociclib erzielte bei 29 Patientinnen mit HR-positivem, HER2-positivem metastasiertem Brustkrebs eine klinische Benefit-Rate von 97 Prozent bei einer medianen Dauer von 19,6 Monaten.
Fünf Patientinnen erreichten eine komplette, 16 eine partielle Remission, das mediane progressionsfreie Überleben lag bei 24,9 Monaten. Grad-3/4-Nebenwirkungen traten bei 62 Prozent auf, vor allem Neutropenien, ohne therapiebedingte Todesfälle.
Lungenkrebs: Konsolidierende Therapie ohne Zusatznutzen
Bei der IASLC-Weltkonferenz zu Lungenkrebs in Seoul präsentierte Ergebnisse der Phase-III-Studie LONESTAR relativieren den Nutzen lokaler konsolidierender Therapien.
Nach dualer Immuntherapie mit Nivolumab und Ipilimumab bei metastasiertem nicht-kleinzelligem Lungenkrebs zeigte eine zusätzliche lokale Konsolidierung nach zwölfwöchiger Induktion keinen Überlebens- oder Progressionsvorteil: Das mediane Gesamtüberleben lag bei 52,8 gegenüber 43,2 Monaten, das progressionsfreie Überleben bei 24,3 gegenüber 31,3 Monaten – jeweils ohne statistische Signifikanz.
Die Studie wurde nach 166 von geplanten 216 Patienten wegen Aussichtslosigkeit vorzeitig beendet. Pneumonitis trat im Behandlungsarm häufiger auf. Die Autoren sprechen sich gegen den routinemäßigen Einsatz außerhalb klinischer Studien aus.
Ebenfalls in Seoul vorgestellt wurden Daten zu einem investigationalen EGFR-x-HER3-Antikörper-Wirkstoff-Konjugat bei vorbehandeltem, EGFR-mutiertem nicht-kleinzelligem Lungenkrebs.
Bei der für Phase III vorgesehenen Dosis von 2,5 mg/kg erreichte der Wirkstoff eine objektive Ansprechrate von 33,3 Prozent und ein medianes progressionsfreies Überleben von 6,9 Monaten – bei Patienten, die zuvor auf Drittgenerations-EGFR-Inhibitoren und größtenteils auch platinbasierte Chemotherapie nicht mehr ansprachen. Eine Phase-III-Studie ist geplant.
Eine Studie der Universität Bologna, veröffentlicht in Cancer Immunology, Immunotherapy, untersuchte an 40 Patienten mit fortgeschrittenem nicht-kleinzelligem Lungenkrebs unter Erstlinien-Immuntherapie Blutproteine als mögliche Vorhersagemarker.
Hohe Werte des Proteins sRAGE waren mit längerem progressionsfreiem und Gesamtüberleben assoziiert, während erhöhtes FGF21 mit schlechterem Gesamtüberleben verbunden war. In einer Validierungskohorte mit 76 Patienten bestätigte sich der FGF21-Zusammenhang, der sRAGE-Befund hingegen nicht.
Die Studienlage bei fortgeschrittenem Brustkrebs ist widersprüchlich: Während Etcamah in der SERENA-6-Studie das progressionsfreie Überleben auf 16,8 Monate verdoppelte, verfehlte dieselbe Wirkstoffklasse in SERENA-4 den primären Endpunkt. Wer die eigene Therapieentscheidung auf eine belastbare Grundlage stellen will, findet in diesem kostenlosen Überblick die wichtigsten Studien und die Fragen, die im Onkologie-Gespräch zählen. Kostenlosen Therapie-Überblick anfordern
Bauchspeicheldrüsenkrebs: Operationsvolumen und personalisierte Ansätze
Die Uniklinik Heidelberg führt nach eigenen Angaben fast 700 Bauchspeicheldrüsen-Operationen pro Jahr durch – deutlich mehr als etwa Göttingen mit rund 160 oder Bochum mit 221 Eingriffen. Das Fünf-Jahres-Überleben operierter Patienten liegt laut einem Bericht vom 11. September 2026 bei 25 Prozent, unter Einbeziehung inoperabler Fälle bei 8 Prozent.
Die gesetzliche Mindestmenge für Pankreas-Resektionen beträgt 20 Eingriffe pro Jahr, bei Lungenkrebs sind es 75. Heidelberg ist Teil des Palacros-Netzwerks aus 14 Kliniken, das mit 10 Millionen Euro aus dem EU-Programm Horizon gefördert wird.
In der EU werden demnach jährlich rund 55.000 Neuerkrankungen an Bauchspeicheldrüsenkrebs registriert, für 2035 wird ein Anstieg auf etwa 77.000 prognostiziert.
Am UKSH Lübeck und der Universität Lübeck haben Forscher eine Methode entwickelt, die Chemotherapie-Wirkstoffe an lebensfähigen Gewebeschnitten frisch operierter Patienten testet, noch bevor die eigentliche Behandlung beginnt.
Die im Fachjournal npj Precision Oncology veröffentlichte Arbeit zeigt, dass Patienten mit gutem Laboransprechen länger ohne Fortschreiten der Erkrankung lebten. Eine Ausgründung ist geplant, die Forschung wurde von der Else Kröner-Fresenius-Stiftung gefördert.
Weitere Entwicklungen: Darmkrebs, Prostatakrebs und Grundlagenforschung
Die Phase-III-Studie ATOMIC mit 721 Patienten im Stadium III mit dMMR-Kolonkarzinom nach Resektion untersuchte den Zusatz des PD-L1-Hemmers Atezolizumab zur Chemotherapie mit mFOLFOX6. Das dreijährige krankheitsfreie Überleben lag bei 86,3 Prozent gegenüber 76,2 Prozent unter alleiniger Chemotherapie (Hazard Ratio 0,50), bei einem medianen Follow-up von 40,9 Monaten. Grad-3/4-Nebenwirkungen traten bei 72,5 gegenüber 61,7 Prozent auf, Daten zum Gesamtüberleben liegen noch nicht vor.
Forscher der Universität Adelaide berichteten von smarten mRNA-Nanopartikeln, die im Mausmodell für Brustkrebs das Immunsystem gegen Tumore aktivieren konnten.
Mit Antikörpern beschichtete Lipidnanopartikel reduzierten immunsuppressive Makrophagen um 63,2 Prozent gegenüber unbehandelten Tieren und erhöhten die Konzentration des Botenstoffs CXCL9 im Tumor etwa vierfach. Eine Heilung wurde jedoch nicht erreicht, und eine zusätzliche Checkpointblockade brachte keinen weiteren Wachstumsvorteil.
Forscher der Università della Svizzera italiana und des Istituto Oncologico della Svizzera Italiana im Tessin identifizierten einen Mechanismus, durch den der Darmpilz Nakaseomyces glabratus Prostatakrebs gegen Therapie resistent machen kann: Nach einer Androgenentzugstherapie wandert der Pilz vom Darm über den Blutkreislauf in den Prostatatumor und begünstigt dort Wachstum und Therapieresistenz. In Mausversuchen konnte ein orales Hydrogel die Pilzwanderung blockieren und das Tumorwachstum verlangsamen, weitere Studien seien jedoch nötig.
Datenplattformen und Förderprogramme als Basis künftiger Fortschritte
Neben klinischen Studien treiben auch Dateninfrastrukturen die Entwicklung voran. Das Unternehmen Owkin hat seine Partnerschaft mit dem Pharmakonzern Servier, die ursprünglich 2023 geschlossen wurde, um einen Lizenzvertrag für den KI-Wissenschaftler K Pro sowie multimodale Patientendaten aus dem MOSAIC-Netzwerk erweitert.
Die Datenbasis umfasst 2.725 Patienten aus elf Therapiegebieten mit sechs Datenmodalitäten und rund 100 klinischen Variablen pro Patient, darunter 2.371 Spatial-Omics- und 2.168 Single-Cell-Omics-Datensätze. K Pro soll bei Zielentdeckung, Biomarker-Identifizierung, der Optimierung von Patienten-Subgruppen und dem Design klinischer Studien helfen.
In Nordrhein-Westfalen erhielten das Universitätsklinikum Bonn, die Universität Bonn und das Lamarr-Institut eine Förderzusage über 25 Millionen Euro für KI-gestützte Krebsforschung, Teil eines Gesamtprogramms von 200 Millionen Euro mit sieben Universitätsmedizin-Standorten und der TU Dortmund unter dem Namen AI4CancerCure.NRW.
Nach der Diagnose bleibt oft wenig Zeit, um zwischen Chemotherapie, zielgerichteter Therapie und chemotherapiefreien Regimen abzuwägen — und die Nebenwirkungen unterscheiden sich erheblich. Dieser Leitfaden bündelt die aktuelle Studienlage und liefert eine Checkliste für ESR1-Testung und Zweitmeinung, damit Sie keine Option übersehen. Checkliste ESR1-Testung und Zweitmeinung jetzt sichern
Ziel ist der Aufbau eines Zentrums für KI-gestütztes Design und die experimentelle Prüfung neuer Wirkstoffkandidaten wie Antikörper, Miniproteine, Peptide und kleine Moleküle.
Insgesamt zeigen die vorliegenden Berichte, dass Fortschritte in der Onkologie selten linear verlaufen: Neben klaren Erfolgen bei einzelnen Wirkstoffen und Kombinationstherapien stehen ernüchternde Ergebnisse bei anderen Ansätzen – ein Befund, der die Bedeutung großer, gut kontrollierter Studien sowie datengetriebener Forschungsinfrastrukturen unterstreicht.
