Lugolsche, Lösung

Lugolsche Lösung: TikTok-Trend verursacht schwere Schilddrüsenschäden

27.05.2026 - 18:31:21 | boerse-global.de

Der Markt für Supplemente wächst rasant, doch Mediziner warnen vor Überdosierung und gefährlichen Wechselwirkungen durch Social-Media-Trends.

Lugolsche Lösung: TikTok-Trend verursacht schwere Schilddrüsenschäden - Foto: über boerse-global.de
Lugolsche Lösung: TikTok-Trend verursacht schwere Schilddrüsenschäden - Foto: über boerse-global.de

Der Markt boomt – doch Experten warnen vor Überdosierungen und riskanten Wechselwirkungen.

Milliardenschwerer Trend mit Social-Media-Power

Das Geschäft mit Nahrungsergänzungsmitteln läuft besser denn je. Laut Grand View Research erreichte der globale Markt 2025 ein Volumen von rund 517 Milliarden US-Dollar. Bis 2033 soll er auf knapp 863 Milliarden US-Dollar steigen.

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In der Schweiz nimmt bereits jeder dritte Erwachsene wöchentlich entsprechende Präparate ein. Das zeigt das Ernährungsbulletin des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit von 2023.

Ein Grund für den Boom: soziale Netzwerke. Wenn Kim Kardashian in einem Podcast von 35 täglichen Supplementen schwärmt, prägt das die öffentliche Wahrnehmung.

Der Toxikologe Dr. Georg Aichinger von der ETH Zürich sieht das kritisch. „Es gibt kaum ein medizinisches Szenario, in dem eine solche Menge sinnvoll ist", sagt er. Besonders das sogenannte „Supplement Stacking" – die Kombination vieler Mittel – berge das Risiko unvorhersehbarer Wechselwirkungen.

Gefährliche Trends: Wenn natürliche Inhaltsstoffe schaden

Viele glauben: Was natürlich ist, kann nicht schaden. Ein Trugschluss, warnt Aichinger. Pflanzliche Extrakte wie Ashwagandha, Curcumin oder Grüntee-Extrakte können bei falscher Anwendung Leberschäden verursachen.

Auch synthetische Vitamine sind nicht harmlos. Chronisch überdosiertes Vitamin D schädigt die Nieren, zu viel Zink führt zu Vergiftungserscheinungen.

Ein aktuelles Beispiel für gefährliche Social-Media-Trends: die Lugolsche Lösung. Swissmedic warnte kürzlich vor dem Präparat, das auf TikTok und Instagram gegen Jodmangel angepriesen wird. Die Lösung enthält extrem hohe Jodkonzentrationen von bis zu fünf Prozent. Ein einziger Tropfen kann das Vielfache der empfohlenen Tagesdosis abdecken und schwere Schilddrüsenschäden verursachen.

Der Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl warnte heute vor einem weiteren Trugschluss: Produkte wie AG1 mit über 70 Inhaltsstoffen könnten keine ausgewogene Ernährung ersetzen – trotz eines Preises von rund 87 Euro pro Monat.

Wann Supplemente wirklich helfen

Trotz aller Risiken: In bestimmten Fällen sind Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll. Die COSMOS-Studie der Harvard University zeigte 2024, dass Multivitamine bei über 60-Jährigen das episodische Gedächtnis verbessern können. Auch Vitamin D (besonders im Winter), Magnesium und Omega-3-Fettsäuren haben eine solide klinische Datenlage.

Spannende Forschung kommt aus der Alternsforschung. Wissenschaftler des Leibniz-Instituts in Jena veröffentlichten 2026 eine Studie in Nature Communications zum Wirkstoff Phosphatidylcholin. In Versuchen mit Fadenwürmern regenerierte die Gabe die Energieverteilung in den Zellen innerhalb von zwei Tagen. Ein direkter Beweis für einen Anti-Aging-Effekt beim Menschen steht allerdings noch aus.

Andere Versprechen halten wissenschaftlicher Prüfung nicht stand. Grüner Tee wird oft als Wundermittel gegen Übergewicht beworben. Eine Studie mit 92 Typ-2-Diabetikern zeigte jedoch keinen nennenswerten Unterschied beim Sättigungshormon GLP-1 zwischen Grüntee-Extrakt und Placebo.

Jugendliche besonders gefährdet

Besonders alarmierend: der Einfluss digitaler Empfehlungen auf Jugendliche. Eine Studie im British Medical Journal zeigt: 31 Prozent der Jugendlichen kaufen Supplemente aufgrund von Social-Media-Empfehlungen, 13 Prozent greifen sogar zu Medikamenten.

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Sarah Stidwill von der Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen warnt: Strikte Ernährungspläne und die Einteilung von Lebensmitteln in „gut" und „schlecht" könnten Essstörungen fördern.

Experten fordern deshalb bessere Gesundheitsbildung – bereits in der Schule. Denn die Regulierung von Nahrungsergänzungsmitteln ist lückenhaft. Die FDA und vergleichbare Behörden kontrollieren nur eingeschränkt. In der Schweiz regelt die Verordnung über Nahrungsergänzungsmittel (VNem) die Abgabe mit einer Positivliste zulässiger Inhaltsstoffe.

Ernährung bleibt die Basis

In der Medizin herrscht Konsens: Supplemente ersetzen keinen gesunden Lebensstil. Gehirnexperte Professor Gary Small von der UCLA betont: Bewegung, Schlaf und soziale Kontakte bleiben die zuverlässigsten Mittel für kognitive Gesundheit.

Häufige Unterversorgungen in Deutschland und der Schweiz betreffen Vitamin D, Eisen, Jod, Folsäure und Vitamin B12 – letzteres besonders bei veganer Ernährung. Auch bei chronischen Krankheiten, Schwangerschaft oder im Alter kann der Bedarf erhöht sein.

Experten raten: Vor der Einnahme ein Blutbild machen lassen. Nur so lässt sich ein tatsächlicher Mangel feststellen. Das Prinzip „viel hilft viel" gilt in der Ernährungsmedizin nicht. Eine isolierte Einnahme von Aminosäuren kann sogar das körpereigene Gleichgewicht stören.

Was bleibt?

Der Trend zur Selbstdiagnose und Supplementierung per Mausklick dürfte sich fortsetzen. Die Branche reagiert mit immer spezialisierteren Produkten zu hohen Preisen – wissenschaftlich nicht immer belegt.

Die Digitalisierung des Gesundheitsmarktes bietet Chancen für personalisierte Ernährung, aber auch Risiken durch Desinformation. Entscheidend wird sein, ob die Regulierung mit der Dynamik des Online-Marktes Schritt hält.

Für Verbraucher bleibt der Gang zum Arzt das wichtigste Sicherheitsinstrument. Denn egal, wie viele Pillen man schluckt: Eine ausgewogene Ernährung ersetzen sie nicht.

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