Longevity-Trend: 86% der Deutschen wollen lange gesund bleiben
Veröffentlicht am: 10.09.2026 um 07:41 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die alternde Weltbevölkerung und der wachsende Markt für Longevity-Trends zwingen Finanzdienstleister, Versicherungen und staatliche Rentensysteme derzeit zu weitreichenden strukturellen Anpassungen.
Wie Branchenbeobachter Anfang September feststellten, gewinnen Konzepte zur Verlängerung der gesunden Lebensspanne zunehmend an wirtschaftlicher Bedeutung, während die demografische Entwicklung die Tragfähigkeit bestehender Sozialsysteme herausfordert.
Rentenreformen und neue Vorsorgemodelle im Fokus
In Österreich und Deutschland stehen die staatlichen Pensionssysteme unter erheblichem Reformdruck. Der Ökonom Johannes Berger von EcoAustria verwies darauf, dass die deutsche Rentenreform, die eine Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung sowie eine verpflichtende Kapitaldeckung vorsieht, als Denkanstoß für Österreich dienen könne.
Dort stiegen die Pensionsausgaben von 4,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2019 auf aktuell 6,4 Prozent. Laut einem Strategiebericht wird bis zum Jahr 2031 ein weiterer Anstieg auf 6,9 Prozent erwartet. Bei einem BIP von 500 Milliarden Euro entspricht eine Erhöhung um 1,5 Prozentpunkte zusätzlichen Kosten von 7,5 Milliarden Euro.
Die österreichische Bundesregierung plant zur Entlastung des Arbeitsmarktes ab dem 1. Januar 2027 die Einführung einer sogenannten Aktivpension. Diese sieht für Personen, die über das Regelpensionsalter hinaus arbeiten, einen steuerlichen Freibetrag von 1.250 Euro pro Monat vor.
Zudem soll der Dienstnehmerbeitrag von 10,25 Prozent entfallen. Davon könnten Schätzungen zufolge rund 28.000 unselbstständige und 40.000 selbstständige Zuverdiener profitieren.
Wettbewerb am Markt für private Altersvorsorge
In Deutschland hat die Bundesregierung die Einführung eines Altersvorsorgedepots beschlossen, das ab Januar 2027 verfügbar sein soll. Damit endet das Neugeschäft für die Riester-Rente zum 31. Dezember 2026. Das neue Modell sieht staatliche Zulagen vor, die bei einem Eigenbeitrag von bis zu 360 Euro bei 50 Cent je Euro liegen und bei höheren Beiträgen bis 1.800 Euro auf 25 Cent sinken. Die maximale Förderung beträgt 540 Euro pro Jahr.
Finanzdienstleister wie Smartbroker, Quirion, Scalable, Deka und Union Investment bereiten sich auf den Start dieses Marktes für rund 45 Millionen berechtigte Deutsche vor. Die Kosten für Standarddepots sollen dabei auf 1 Prozent pro Jahr gedeckelt werden.
Während Anbieter wie Smartbroker mit dem Wegfall von Depotgebühren werben, kalkuliert Union Investment mit Kosten von 0,65 Prozent. Das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo schlägt unterdessen für Österreich die Abschaffung der Kapitalgarantie bei der Zukunftsvorsorge und die Einführung eines steuerfreien Vorsorgedepots mit jährlichen Einzahlungen von bis zu 5.000 Euro vor.
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Fachkräftemangel und Wissensmanagement in Unternehmen
Der Übergang der Babyboomer-Generation in den Ruhestand stellt Unternehmen vor operative Herausforderungen. Die talentsconnect AG aus Köln bietet etwa Plattformlösungen an, um den drohenden Wissensverlust abzufedern. Analysen des Unternehmens zeigen, dass bei einigen Kunden innerhalb der nächsten zehn Jahre rund 25 Prozent der Belegschaft in Rente gehen werden.
Eine Studie des Center for Human Resources & Leadership (HWZ) zum Altersmanagement bei Deutschschweizer Kantonalbanken ergab, dass knapp 80 Prozent der Mitarbeitenden ein Pensionierungsalter zwischen 60 und 65 Jahren anstreben. Die Bedürfnisse der über 50-Jährigen lägen dabei weniger im finanziellen Bereich, sondern vielmehr bei Aspekten wie Flexibilität und Wertschätzung.
Longevity als Trendfaktor für Gesundheit und Immobilien
Der Wunsch nach einem langen, gesunden Leben beeinflusst zunehmend das Konsumverhalten und den Immobilienmarkt. Eine Untersuchung von heristo aus dem Frühjahr 2026 zeigt, dass 74 Prozent der Befragten einen starken Einfluss der Ernährung auf die Gesundheit sehen und 86 Prozent das Ziel verfolgen, lange gesund zu bleiben.
Das Münchner Start-up LNGVTY adressiert diesen Trend im Tourismussektor durch ein Bewertungssystem für Hotels, das Dimensionen wie Schlafqualität, Luftqualität und Ernährung umfasst.
Auch im Immobiliensektor hinterlässt die Demografie Spuren. Laut einer Analyse von Jacasa befinden sich rund 4,8 Millionen Eigentumsimmobilien im Besitz der Babyboomer-Generation, was etwa 32 Prozent des betrachteten Bestands entspricht.
Parallel dazu entwickelt sich altersgerechtes Wohnen zu einem langfristigen Investmenttrend, wobei insbesondere das Segment des betreuten Wohnens als Bindeglied zwischen klassischem Wohnraum und Pflegeheimen an Bedeutung gewinnt.
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In Deutschland wurden laut Destatis im Jahr 2024 Erbschaften und Schenkungen im Wert von 113,2 Milliarden Euro steuerlich berücksichtigt, wovon 27,4 Milliarden Euro auf Grundvermögen entfielen.
