Longevity-Pillen: Für Rapamycin und NAD+ fehlt der Nachweis beim Menschen
Veröffentlicht am: 25.10.2026 um 14:02 Uhr | Redaktion boerse-global.deDas Versprechen eines längeren und gesünderen Lebens durch Pillen, Pulver oder Infusionen boomt. Doch führende Altersmediziner dämpfen überzogene Hoffnungen. Michael Denkinger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, warnt davor, das Altern als Krankheit zu betrachten.
Für viele als Verjüngungsmittel vermarktete Nahrungsergänzungsmittel, Vitamine und experimentelle Peptide fehle bisher jeder belastbare Nachweis einer lebensverlängernden Wirkung beim Menschen. Weder erfolgreiche Tierversuche noch ein rechnerisch gesunkenes biologisches Alter seien als wissenschaftlicher Beleg dafür tauglich.
Zweifel an gängigen Wirkstoffen der Longevity-Szene
Mediziner kritisieren zunehmend die Argumentationsmuster der Branche. Anna Chodos von der University of California San Francisco (UCSF) sieht typische Vorgehensweisen darin, Ergebnisse nach dem Muster „hat bei Mäusen funktioniert“ oder „hilft Kranken, also allen“ unkritisch auf gesunde Menschen zu übertragen.
Chodos plädiert dafür, das Altern über die sogenannte Gesundheitsspanne statt über eine schlichte Ausdehnung der Lebensdauer zu definieren. Eine massive Lebensverlängerung sei derzeit keine realistische Erwartung. Anti-Aging-Versprechen rund um Infusionen, Bluttests, Eisbäder, Nahrungsergänzungsmittel und Proteinshakes seien wissenschaftlich nicht ausreichend untermauert.
So verlängerte der Wirkstoff Rapamycin zwar das Leben von Mäusen, Nachweise für eine entsprechende Wirkung beim Menschen fehlen jedoch. Ähnlich verhält es sich mit NAD+-Präparaten: Bisherige Humanstudien waren klein, dauerten lediglich wenige Wochen und zeigten keine Verbesserung der körperlichen Funktion.
Eine Studie aus dem Jahr 2026 ergab zudem, dass die NAD+-Spiegel im Blut bei älteren Menschen stabil bleiben. Auch der Biochemiker Nick Lane vom University College London hält Rapamycin und NAD+ ohne Humanbelege für unbewiesen hinsichtlich einer Lebensverlängerung. Lane betrachtet eine maximale menschliche Lebensspanne von etwa 120 Jahren als plausibel, ein unbegrenztes Leben jedoch nicht.
Weitere Substanzen halten einer genauen Prüfung kaum stand. Bei Metformin zeigte eine randomisierte Studie, dass ältere Erwachsene unter Krafttraining weniger Muskelmasse aufbauten als unter einem Placebo; zudem existiert keine Lebensverlängerungsstudie.
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Die als Abnehmspritzen bekannten GLP-1-Rezeptoragonisten besitzen einen belegten Nutzen bei Adipositas und Diabetes, jedoch nicht bei Personen mit durchschnittlichem Risiko, bei denen zudem ein Verlust von Muskelmasse droht.
Beim Intervallfasten ist ebenfalls kein lebensverlängernder Effekt beim Menschen belegt. Eine Übersichtsarbeit zu Wachstumshormonen (HGH) zeigte bei gesunden älteren Personen zudem ein höheres Risiko für Gelenkschmerzen, Schwellungen und das Karpaltunnelsyndrom.
Ungewisse Datenlage bei Spermidin und Peptiden
Auch der körpereigene Stoff Spermidin, der die zelluläre Müllabfuhr anregen soll, bringt offene Fragen mit sich. Eine altersverlangsamende Wirkung beim Menschen ist nicht nachgewiesen, zudem gibt es keine empfohlene Tagesdosis. In einer Untersuchung mit täglich 15 Milligramm Spermidin über fünf Tage stieg im Blut lediglich das verwandte Spermin, nicht aber Spermidin selbst.
Freiverkäufliche Präparate enthalten meist deutlich geringere Dosen. Zwar zeigte eine 20-jährige Beobachtungsstudie an 1.000 Personen zwischen 45 und 84 Jahren eine Verbindung zwischen hoher Spermidin-Zufuhr und geringerer Sterblichkeit, allerdings ließ sich dieser Effekt nicht von einem allgemein gesunden Lebensstil trennen.
Natürliche Spermidinquellen sind unter anderem Weizenkeime mit etwa 243 Milligramm pro Kilogramm, Sojabohnen mit rund 207 Milligramm und gereifter Cheddar mit etwa 200 Milligramm.
Vor Risiken warnen Experten auch im Bereich experimenteller Peptide. Der Mediziner Caleb Alexander von der Johns Hopkins University verweist darauf, dass verlässliche Belege vor allem wegen fehlender robuster Humanstudien ausblieben.
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Fachleute raten von nicht behördlich zugelassenen injizierbaren Peptiden dringend ab, da Produkte aus dem Graumarkt unerwünschte Substanzen oder Bakterien enthalten können. Das Peptid BPC-157 wird von der US-Arzneimittelbehörde FDA auf einer Liste geführt, die erhebliche Sicherheitsrisiken für Injektionen nennt.
Eingeschränkte Aussagekraft biologischer Uhren
Häufig werben Anbieter mit einer Verjüngung anhand von DNA-Methylierungstests. Fachleute betonen jedoch, dass diese biologischen Alterstests zwar für die Forschung wertvoll seien, sich aber nicht für individuelle Bewertungen eignen. Die Messwerte schwanken abhängig von Schlaf, der letzten Mahlzeit und dem jeweiligen Testverfahren.
Da die DNA aus dem Blut von weißen Blutkörperchen stammt, erlaubt sie keine direkten Rückschlüsse auf Organe wie Gehirn, Leber oder Bauchspeicheldrüse. Standardmäßige Überprüfungen von Cholesterin und Blutzucker gelten daher als aussagekräftiger.
Eine Untersuchung des Universitätsklinikums Freiburg an 48 gesunden Erwachsenen verglich eine vegane mit einer fleischreichen Ernährung über vier Wochen. Nach Korrektur für multiple statistische Tests ließen sich keine signifikanten Einzelergebnisse bei den untersuchten Alterungsuhren feststellen; ein Anti-Aging-Effekt blieb unbelegt.
Fundierte Alternativen für ein gesundes Altern
Während hochdosierte Supplemente wie Vitamin D, Kurkuma oder Multivitamine laut Untersuchungen bei Gesunden oft keinen messbaren Nutzen stiften und in hohen Dosen Nieren oder Leber belasten können, bleibt die klassische Lebensstilmedizin das wirksamste Instrument.
Geriater Michael Denkinger hebt hervor, dass die wirksamsten Maßnahmen längst wissenschaftlich gesichert sind: eine ausgewogene Ernährung, der Verzicht auf das Rauchen, geringer Alkoholkonsum, soziale Kontakte sowie Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen. Von zentraler Bedeutung ist die körperliche Aktivität mit speziellem Krafttraining für die Beine und das Gleichgewicht.
Dass dies messbare Erfolge bringt, belegte die LIFE-Studie an über 1.600 körperlich eingeschränkten Menschen im Alter von 70 bis 89 Jahren: Strukturierte Bewegungsprogramme sicherten die Selbstständigkeit und verhinderten bei etwa jedem 19. Teilnehmenden den Verlust der Gehfähigkeit.
