Longevity-Boom, Biotech-Firmen

Longevity-Boom: Biotech-Firmen werben 18,4 Milliarden Dollar ein

Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 15:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Studien zeigen begrenzte Effekte, während für viele Longevity-Behandlungen bei gesunden Menschen ein wissenschaftlicher Nutzennachweis fehlt.
Ein minimalistischer, heller Raum in einer modernen medizinischen Einrichtung mit Blick auf einen vertikalen Garten. Illustration mit AI erstellt.

Die wachsende Longevity-Bewegung verspricht ein längeres Leben bei stabiler Gesundheit, wirft im klinischen Alltag jedoch grundlegende ökonomische und ethische Fragen auf.

In einem Streitgespräch des ÄrzteTag-Podcasts debattierten Prof. Bernd Kleine-Gunk, Gynäkologe und Ehrenpräsident der German Society of Anti-Aging Medicine (GSAAM), sowie Prof. Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), über das Potenzial und die Grenzen dieser Medizinrichtung.

Beide Mediziner stimmten darin überein, dass das aktuelle Vergütungssystem primär auf Reparaturmedizin ausgelegt sei und präventive Ansätze strukturell benachteilige.

Konflikt zwischen Versorgungsstrukturen und Lifestyle-Angeboten

In der Diskussion plädierte Kleine-Gunk für die Etablierung praxisparalleler Gesundheitszentren, in denen Ärztinnen und Ärzte gezielt präventive Longevity-Konzepte anbieten können.

Kluge äußerte demgegenüber deutliche Bedenken hinsichtlich der zunehmenden Verbreitung unseriöser Interventionen. Er beklagte gezielte Falschinformationen auf Social-Media-Plattformen, durch die Menschen zu wissenschaftlich zweifelhaften Maßnahmen wie Vitamin-Infusionen oder Aufenthalten in Kältekammern verleitet würden.

Das Gespräch thematisierte zudem das statistische Maß der sogenannten Number needed to treat, den Einfluss kommerzieller Industrieinteressen sowie die Rolle wohlhabender Personen, die sich im Bereich der Langlebigkeitsforschung faktisch als Versuchskaninchen zur Verfügung stellen. Einig waren sich die Fachleute bezüglich einfacher Lebensstilmaßnahmen: So wurde regelmäßiges Saunieren als wirksames Training für die Blutgefäße hervorgehoben.

Mythen und fehlende klinische Belege

Der Hype um Lebensverlängerung wird zunehmend durch prominente Geldgeber und Influencer angeheizt. Auf dem Silbersalz-Festival in Halle referierte Prof. Dr. Ursula Müller-Werdan von der Berliner Charité über weitverbreitete Mythen der Bewegung, die durch Investitionen von Tech-Milliardären wie Mark Zuckerberg sowie Auftritte von Influencern wie Bryan Johnson Auftrieb erhalte.

Als biologische Obergrenze verwies sie auf die Französin Jeanne Calment, die mit 122 Jahren und 164 Tagen (1875–1997) als bislang ältester verifizierter Mensch gilt.

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Auch internationale Fachvertreter warnen vor überzogenen Heilsversprechen. Die Chef-Geriaterin des russischen Gesundheitsministeriums, Olga Tkatschowa, bezeichnete auf dem Kongress Nationale Gesundheit Verfahren wie NAD+-Infusionen, Verjüngungs-Stammzellen oder hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel in Privatkliniken als reine Spekulation.

Klinisch geprüfte Methoden hätten in diesem Bereich keine Wirksamkeit gezeigt. Vitamingaben seien ausschließlich bei nachgewiesenem Mangel sinnvoll. Als wissenschaftlich gesichert gelte dagegen konsequente Gewichtskontrolle, da der Abbau von Bauchfett Entzündungswerte und Blutdruck senke.

Zudem reichten 10.000 Schritte am Tag für den Erhalt der Muskulatur nicht aus; erforderlich sei eine Kombination aus Herz-Kreislauf- und speziellem Krafttraining.

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Stand der Forschung und Marktwachstum

Auf molekularer Ebene identifizierte eine Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift Cell im Jahr 2023 zwölf Kennzeichen des Alterns, darunter DNA-Schäden und chronische Entzündungen. Viele medikamentöse Ansätze bleiben jedoch experimentell: Während Wirkstoffe wie Rapamycin die Lebensspanne von Mäusen verlängern, ist die Evidenz beim Menschen stark limitiert.

Für Metformin liegen lediglich Beobachtungsdaten ohne Kausalnachweis vor, und die zelluläre Reprogrammierung über Yamanaka-Faktoren birgt erhebliche Tumorrisiken. Zudem bedeuten Verbesserungen bei biologischen Altersuhren nicht zwingend eine tatsächliche Verlängerung der Lebenszeit.

Ernährungsstudien zeigen moderate Effekte: In der im Fachjournal Nature Aging veröffentlichten CALERIE-Studie aus dem Jahr 2023 verlangsamte eine zweijährige Kalorienreduktion bei 220 Probanden die Alterungsrate nach dem DunedinPACE-Score um etwa 2 bis 3 Prozent.

Eine Analyse der DO-HEALTH-Studie aus dem Jahr 2025 mit 777 Teilnehmenden zeigte über drei Jahre eine Verschiebung epigenetischer Marker um etwa 3 bis 4 Monate durch Omega-3-Fettsäuren, verstärkt durch Sport und Vitamin D.

Trotz ausstehender Zulassungen – Altern gilt medizinisch nicht als behandelbare Krankheit – expandiert der kommerzielle Sektor. Longevity-Biotech-Unternehmen warben im Jahr 2025 weltweit 18,4 Milliarden US-Dollar ein, mehr als in den gesamten zehn Vorjahren. Parallel dazu verlangen private Einrichtungen hohe Beträge für nicht standardisierte Behandlungen, während ein wissenschaftlicher Nutzennachweis für gesunde Menschen weiterhin aussteht.

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