Long COVID: Nur 17 Prozent genesen innerhalb eines Jahres vollständig
Veröffentlicht am: 01.10.2026 um 09:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Das wissenschaftliche Verständnis der Ursachen von Long COVID hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen, während die therapeutischen Optionen weiterhin begrenzt bleiben.
Schätzungen des Altea-Netzwerks zufolge entwickeln etwa 10 % der Menschen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 entsprechende Langzeitfolgen. Aktuelle Forschungsdaten und internationale Leitlinien verdeutlichen die Komplexität des Krankheitsbildes und die Notwendigkeit differenzierter Behandlungsstrategien.
Aktuelle Erkenntnisse zu Verbreitung und Risikofaktoren
Eine im Jahr 2026 veröffentlichte Studie des Forschungsteams um Frost, Peter und Glaser (Sci Rep 16, 28492) untersuchte die Prävalenz langanhaltender Beschwerden nach Atemwegsinfektionen.
Den Ergebnissen zufolge wiesen 8,6 % der Teilnehmenden – was rund 4.300 Personen entspricht – noch mehr als zwölf Wochen nach einer Infektion Symptome auf. Das allgemeine Risiko, nach einer Atemwegsinfektion lang anhaltende Beschwerden zu entwickeln, liege laut den Autoren bei 16 %. Bei Personen, die eine Erkältung durchliefen, litten 19 % nach zwölf Wochen weiterhin unter Symptomen.
Die Untersuchung differenziert zudem nach den auslösenden Erregern: Während 17,2 % der Fälle auf SARS-CoV-2 zurückzuführen waren, entfielen 3,7 % auf Influenza und 1,3 % auf das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV). Bei einem Großteil der Betroffenen (75,5 %) blieb der Erreger hingegen unbekannt.
Die Daten zeigen zudem eine ungleiche Verteilung innerhalb der Bevölkerung: Frauen sind demnach doppelt so häufig betroffen wie Männer. Ebenso weisen Personen über 50 Jahren ein zweifach erhöhtes Risiko im Vergleich zu jüngeren Altersgruppen auf.
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Belastung und Genesungsverläufe bei PAIS
Lang anhaltende Beschwerden, die über zwölf Wochen hinausgehen, werden fachsprachlich als Post-Acute Infection Syndromes (PAIS) zusammengefasst. Diese sind nicht auf einen spezifischen Erreger beschränkt. Die gesundheitlichen Auswirkungen sind für die Betroffenen oft gravierend: 87 % der Patienten fühlen sich mäßig bis sehr stark belastet. Neun von zehn Betroffenen gaben an, in ihrem Alltag beeinträchtigt zu sein.
Trotz des hohen Leidensdrucks suchten laut den vorliegenden Studien nur 58 % der Personen mit anhaltenden Symptomen medizinische Hilfe auf. Die Prognose hinsichtlich einer schnellen Genesung bleibt verhalten. Den Daten zufolge heilten die Symptome innerhalb eines Jahres nur bei 17 % der Betroffenen vollständig aus. Da keine spezifische Standardtherapie existiert, erfolgt die medizinische Betreuung derzeit primär symptomorientiert.
Evidenz therapeutischer Ansätze und Leitlinien
Eine systematische Übersichtsarbeit, die 24 Studien mit insgesamt 3.695 Teilnehmenden auswertete, identifizierte drei Therapieansätze mit einer moderaten Sicherheit der Belege. Dazu zählen Online-Programme mit kognitiver Verhaltenstherapie, die Kombination aus körperlicher und mentaler Rehabilitation sowie intermittierendes aerobes Training.
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Eine im Jahr 2026 veröffentlichte internationale Leitlinie, an deren Erstellung 60 Fachleute aus zehn Ländern und zehn verschiedenen Fachgebieten nach dem GRADE-Verfahren beteiligt waren, betont jedoch das Fehlen von Empfehlungen mit hoher Evidenzsicherheit.
Die Leitlinie spricht lediglich bedingte Empfehlungen aus. Zur Vorbeugung werden die Covid-19-Impfung sowie gegebenenfalls antivirale Medikamente genannt. Bei Patienten, die unter Fatigue leiden, können laut dem Expertengremium Multispezies-Probiotika und kognitive Verhaltenstherapie in Erwägung gezogen werden.
Gleichzeitig enthält die Leitlinie bedingte Ablehnungen für bestimmte Wirkstoffe bei bestehendem Long COVID. So wird der Einsatz von Nirmatrelvir/Ritonavir sowie die Gabe von Glukokortikoiden bei Atemwegsbeschwerden oder Geruchsstörungen negativ bewertet.
Für Patienten mit einer Belastungsintoleranz (Post-Exertional Malaise, PEM) empfehlen Fachleute Strategien wie Aktivitätsmanagement, gezielte Erholungsphasen und Pacing, um eine Verschlechterung des Zustands zu vermeiden.
