Lesen und Alzheimer: Hohe geistige Aktivität senkt das Risiko um 38 Prozent
Veröffentlicht am: 04.10.2026 um 10:53 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle wissenschaftliche Analysen verdeutlichen die zentrale Rolle des vertieften Lesens für die Plastizität des menschlichen Gehirns. Die regelmäßige Beschäftigung mit komplexen Texten trainiert kognitive Netzwerke, schärft die Empathiefähigkeit und kann als wirksamer Faktor zur Prävention neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer dienen.
Während neurologische Befunde die langfristigen Vorzüge des Lesens belegen, zeichnen Bildungsstudien zugleich ein kritisches Bild der gegenwärtigen Lesekompetenz.
Neuronale Anpassung und der Einfluss des Lesens
Dass Leseprozesse tiefgreifende strukturelle Veränderungen im Gehirn bewirken, belegen neurowissenschaftliche Untersuchungen. Nach Angaben des Psychologen Falk Huettig vom Max-Planck-Institut in Leipzig erhöht das Lesen die Intelligenz und beansprucht unter anderem Hirnareale, die ursprünglich der Gesichts- und Objekterkennung dienen.
MRT-Untersuchungen an Frauen, die erst im Erwachsenenalter das Lesen erlernten, machten die Bildung gänzlich neuer neuronaler Netzwerke sichtbar. Ein gut vernetztes Gehirn ist in der Lage, Symptome einer Alzheimer-Erkrankung länger hinauszuzögern.
Zudem spielt das Trägermedium eine Rolle für die kognitive Verarbeitung: Untersuchungen zum sogenannten Bildschirm-Unterlegenheitseffekt zeigen, dass das Lesen auf Papier die Konzentrationsfähigkeit im Vergleich zu digitalen Anzeigen erleichtert.
Kognitive Reserve verzögert Demenzsymptome
Welche langfristige Schutzwirkung geistige Aktivität entfalten kann, zeigt eine im Fachjournal Neurology veröffentlichte Untersuchung des Rush University Medical Center in Chicago unter Leitung von Andrea Zammit.
In einer Kohorte von 1.939 Erwachsenen mit einem Durchschnittsalter von 80 Jahren, die zu Beginn frei von Demenz waren und im Schnitt acht Jahre beobachtet wurden, entwickelten 551 Probanden Alzheimer und 719 eine leichte kognitive Beeinträchtigung.
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Beim Vergleich der Teilnehmenden mit der höchsten geistigen Stimulation über die Lebensspanne hinweg mit der am wenigsten aktiven Gruppe zeigten sich deutliche Unterschiede: In der Spitzengruppe erkrankten 21 Prozent an Alzheimer, in der Vergleichsgruppe 34 Prozent.
Nach Bereinigung um Alter, Geschlecht und Bildung entsprach dies einem um 38 Prozent verringerten Alzheimer-Risiko sowie einem um 36 Prozent niedrigeren Risiko für leichte kognitive Beeinträchtigungen.
Der Ausbruch von Alzheimer erfolgte in der hochaktiven Gruppe im Schnitt mit 94 Jahren, verglichen mit 88 Jahren in der Kontrollgruppe. Autopsien ergaben, dass Personen mit intensiver kognitiver Vorgeschichte kurz vor dem Tod trotz des Vorliegens signifikanter Amyloid-Plaques und Tau-Tangles stärkere kognitive Fähigkeiten aufwiesen.
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Rückläufige Lesegewohnheiten im gesellschaftlichen Kontext
Diesen neurobiologischen Vorteilen steht ein messbarer Wandel des Leseverhaltens gegenüber. Einer Erhebung der Universität Basel zufolge, auf die die Soziologin Carolin Amlinger verweist, lesen 18 Prozent der Schweizer Erwachsenen nie ein Buch; 62 Prozent lesen gar nicht oder nur selten.
Laut den Ergebnissen der Pisa-Studie ist zudem ein Drittel der Schweizer Jugendlichen nicht imstande, die Hauptaussage eines Textes zu erfassen. Parallel dazu beobachten Forscher eine Umkehr des Flynn-Effekts, nachdem der Intelligenzquotient im 20. Jahrhundert weltweit noch um rund 30 Punkte angestiegen war.
Auch Branchenvertreter wie Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, warnen vor den Folgen: Wenn Schüler nicht mehr sinnentnehmend lesen können, steige die gesellschaftliche Anfälligkeit für Polarisierung und Falschmeldungen.
Um dem bei Zehn- bis 15-Jährigen festgestellten Einbruch beim Buchkauf von 30 Prozent zu begegnen, wird unter anderem eine verbindliche tägliche Lesezeit von 15 bis 20 Minuten im Schulunterricht gefordert.
