Lesefähigkeit: Stilles Lesen senkt Stress um 68 Prozent
Veröffentlicht am: 13.09.2026 um 11:03 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Ergebnisse der PISA-Studie 2025 verdeutlichen eine besorgniserregende Entwicklung der schulischen Basiskompetenzen in Europa. Insbesondere die Lesefähigkeit 15-Jähriger ist auf einen historischen Tiefstand gesunken, während die tägliche Nutzung digitaler Medien und Künstlicher Intelligenz (KI) massiv zunimmt.
Fachleute und Bildungsorganisationen sehen einen direkten Zusammenhang zwischen veränderten Konsumgewohnheiten und der sinkenden Fähigkeit, komplexe Texte zu erfassen.
Dramatische Rückgänge im deutschsprachigen Raum
In der Schweiz zeigt die Untersuchung eine deutliche Schwäche in der Lesekompetenz: Mittlerweile können 28,8 Prozent der 15-Jährigen die Kernaussage eines mittelschweren Textes nicht mehr erfassen. Damit erreicht das Land den tiefsten Stand seit Beginn der PISA-Erhebungen im Jahr 2000. Auch in Deutschland ist die Lage prekär.
Hier verfehlt jeder dritte Jugendliche die grundlegende Kompetenzstufe im Lesen sowie in Mathematik. In den Naturwissenschaften ist es etwa jeder vierte Schüler.
Die Punktwerte unterstreichen diesen Negativtrend. Deutschland erreichte im Lesen 465 Punkte, was einem Rückgang von 15 Punkten gegenüber der Erhebung von 2022 entspricht.
In den Naturwissenschaften sank der Wert um 7 Punkte auf 486, in der Mathematik um 11 Punkte auf 464. Damit liegt Deutschland im Lesen zwar noch knapp über dem OECD-Durchschnitt von 461 Punkten, verliert aber kontinuierlich an Boden.
Österreich verzeichnete zwar Ergebnisse, die erstmals über dem OECD-Schnitt lagen, meldete jedoch ebenfalls historische Tiefstwerte in allen Kernbereichen. Besonders auffällig ist dort die Zunahme von Schülern, die zwar schnell, aber ungenau lesen; dieser Anteil hat sich zwischen 2018 und 2025 auf 9 Prozent fast verdoppelt.
Der Einfluss von Digitalisierung und KI-Nutzung
Die OECD konstatiert eine globale Verschlechterung bei der kritischen Textprüfung und der Bewertung von Informationsquellen. Ein wesentlicher Faktor scheint die Verlagerung in den digitalen Raum zu sein. Der Deutschdidaktiker Maik Philipp betonte in diesem Zusammenhang, dass digitales Lesen grundsätzlich anspruchsvoller sei als das Lesen auf Papier.
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Regionale Daten, etwa aus Castilla-La Mancha, stützen diese Einschätzung. Dort sank das Leseverständnis seit 2015 kontinuierlich. Eine begleitende Umfrage unter Lehrkräften und Schülern ergab, dass Jugendliche täglich mehr als drei Stunden in sozialen Netzwerken verbringen.
Die Nutzung von KI für Schularbeiten ist mittlerweile Standard: Neun von zehn Schülern nutzen entsprechende Tools, wobei knapp 30 Prozent der Befragten die Ergebnisse häufig ungeprüft übernehmen. Dennoch sehen rund 75 Prozent der Jugendlichen in der KI eine wertvolle Lernhilfe.
Smartphone-Kultur und kognitive Auswirkungen
Die Verbreitung mobiler Endgeräte beginnt immer früher. Laut der KIM-Studie 2024 besitzen bereits 46 Prozent der 6- bis 13-Jährigen ein eigenes Smartphone.
Die JIMplus-Studie 2026 zeigt eine ambivalente Haltung der Jugendlichen zu dieser Entwicklung: Während 82 Prozent soziale Medien als Informationsquelle nutzen, gaben 40 Prozent an, dass ihre Konzentration dadurch beeinträchtigt werde. Zudem berichteten 71 Prozent über die Konfrontation mit Falschinformationen.
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Interessanterweise führen strenge Handyverbote an Schulen laut einer Untersuchung des NBER, die Daten von über 40.000 Schulen auswertete, kaum zu besseren Noten. Zwar ging die Nutzung im Unterricht zurück, doch stiegen im ersten Jahr der Verbote die Disziplinarmaßnahmen sowie das Stressempfinden der Schüler.
Demgegenüber steht die positive Wirkung des klassischen Lesens: Eine Studie der University of Sussex belegt, dass bereits sechs Minuten stilles Lesen das Stresslevel um 68 Prozent senken können.
Soziale Faktoren und Forderungen der Praxis
Neben der Digitalisierung rücken strukturelle Herausforderungen in den Fokus. In Deutschland stieg der Anteil der 15-Jährigen mit Migrationshintergrund seit 2015 von 22 Prozent auf 29 Prozent. Gleichzeitig wuchs der Leistungsabstand in Mathematik zwischen einheimischen Schülern und Zuwanderern der ersten Generation signifikant an.
Realschullehrer wie Jonas Schreiber aus Bayern berichten von Schulen mit Migrationsanteilen zwischen 50 und 80 Prozent und fordern verpflichtende Vorklassen für Schüler ohne Deutschkenntnisse sowie zusätzliche Förderstunden.
Die PISA-Initiatoren und Bildungsgewerkschaften wie die GEW Sachsen plädieren angesichts der Ergebnisse für massive Investitionen in die frühkindliche Bildung und eine verstärkte Förderung im Vorschulalter.
Bundesbildungsministerin Karin Prien verwies darauf, dass bereits an entsprechenden Maßnahmen gearbeitet werde, um dem Abwärtstrend entgegenzuwirken. In der Zivilgesellschaft bilden sich derweil Gegenbewegungen wie "Silent Reading Clubs", die als bewusste Strategie gegen die permanente Smartphone-Nutzung fungieren.
