Lernen mit Zeichnungen: 720 Schüler zeigen tieferes Verständnis beim Erklären
Veröffentlicht am: 08.11.2026 um 16:35 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie gleichzeitige Aktivierung verschiedener Sinne kann Lernprozesse nachhaltig verbessern. Einen zentralen Ansatz bildet hierbei das sogenannte VAKT-Modell, das auf der gezielten Verknüpfung von vier Sinneskanälen basiert: visuellen Reizen wie Bildern und Diagrammen, auditiven Elementen wie Zuhören und Diskussionen, kinästhetischen Impulsen durch Bewegung sowie taktilen Eindrücken durch Berührung.
Werden Lerninhalte parallel über diese unterschiedlichen Kanäle transportiert, entstehen im Gehirn multiple neuronale Spuren. Diese vernetzte Abspeicherung verringert die Vergessensrate messbar und erleichtert den späteren gezielten Wissensabruf.
Methodische Umsetzung im Lernalltag
In der Praxis lässt sich das VAKT-Modell mit unterschiedlichen Werkzeugen abbilden. Häufig zum Einsatz kommen Mindmaps, systematische Farbcodierungen, Audioaufnahmen, Rollenspiele sowie physische Tastkarten. Besondere Vorteile bietet dieser multisensorische Zugriff bei Legasthenie, beim Erlernen von Fremdsprachen sowie bei der Erarbeitung komplexer wissenschaftlicher Zusammenhänge.
Individuelle Lerntypen – ob visuell, auditiv oder schreibend orientiert – bestimmen, welche Techniken im Einzelfall am wirksamsten greifen. Insbesondere der Faktor Bewegung wird beim Lernen häufig unterschätzt.
Fachleute empfehlen neben physischer Aktivität auch die kontinuierliche Aktualisierung bereits vorhandenen Wissens, die Gliederung des Lernstoffs in überschaubare Blöcke sowie eine iterative Vertiefung.
Ergänzt werden sollte dieser Ablauf durch eine großzügige Zeitplanung und feste Erholungspausen nach jeder Lerneinheit. Praktische Übungen, beispielsweise durch Praktika oder fiktive Buchführungsvorgänge, gelten sowohl in Einzel- als auch in Gruppenarbeit als unverzichtbar.
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Synergien aus Zeichnen und Erklären
Dass die Kombination visueller und sprachlicher Tätigkeiten das Verständnis vertieft, belegen auch empirische Untersuchungen. Im Rahmen des Projekts GRAIL der DFG-Forschungsgruppe FOR 5254 untersuchten Forschende um Russ et al. (publiziert 2025 im Journal of Educational Psychology) 720 Schülerinnen und Schüler aus 30 Klassen an elf Schulen.
Bei einer bereinigten Stichprobe von 590 Teilnehmenden zeigte sich: Wer einer fiktiven Mitschülerin einen Sachverhalt sowohl mündlich als auch anhand eigener Zeichnungen erklärte, wies unmittelbar danach ein tieferes konzeptuelles Verständnis auf als Kontrollgruppen, die nur verbal erklärten, vorgegebene Visualisierungen nutzten oder Stoff lediglich wiederholten. Langfristige Lerneffekte blieben dabei allerdings eine methodische Herausforderung.
Dieses Prinzip korrespondiert mit dem Protegé-Effekt, demzufolge das Vermitteln von Stoff an andere die Behaltensleistung steigert. Bereits eine Untersuchung von Fiorella und Mayer aus dem Jahr 2013 demonstrierte, dass Personen, die mit der Erwartung lernten, den Stoff anschließend zu lehren, nach einer Woche besser abschnitten als Probanden, die ausschließlich für einen Test oder rein zur eigenen Information lernten.
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In der praktischen Lernberatung wird daher empfohlen, Podcasts aufzunehmen, eigene Skizzen anzufertigen und Sachverhalte laut zu formulieren. Das Erklären erzwinge den aktiven Wissensabruf und das Formulieren in eigenen Worten. Als Grenze gilt dabei jedoch das Risiko, dass fehlerhafte Annahmen überzeugend vorgetragen werden können, weshalb Kontrollmechanismen erforderlich bleiben.
Strukturierte Reize und mentale Modelle
Auch die gezielte Darbietung visueller Informationen beeinflusst die kognitive Belastung. Wie wissenschaftliche Arbeiten zur Wissenskonstruktion darlegen, fungieren Diagramme als abstrakte Bildzeichen.
Während automatisierte Prozesse die grafische Anordnung erfassen, führt die semantische Weiterverarbeitung – angeleitet durch begleitenden Text – zum Aufbau mentaler Modelle, bei denen räumliche Beziehungen auf inhaltliche Bedeutungen übertragen werden.
Eine Eye-Tracking-Untersuchung im Journal of Computer Assisted Learning mit 40 japanischen Studierenden im Alter von 18 bis 24 Jahren (Durchschnittsalter 21) zeigte am Beispiel einer 20-minütigen Biologievorlesung deutliche Unterschiede in der Präsentationsform: Wurden Bildelemente schrittweise kumulativ eingeblendet, erzielten die Probanden im Posttest 17,70 von 20 Punkten, während die Präsentation kompletter Folien zu 16,70 Punkten führte (Effektstärke 0,49).
Der Wissenszuwachs lag bei rund 6,4 gegenüber 4,2 Punkten. Zudem richtete sich der Blick bei schrittweiser Einblendung bereits nach rund einer Sekunde auf das relevante Element, verglichen mit 5,75 Sekunden bei statischen Folien.
Zusammen mit aktiven Lernstrategien wie dem Schließen der Unterlagen für einen reinen Gedächtnisabruf verdeutlichen diese Befunde, dass strukturierte und sensorisch vielschichtige Methoden die Informationsverarbeitung wirksam unterstützen können.
