Leopoldina, Standards

Leopoldina fordert verbindliche Standards: Gesundheitsdatensilo kostet Milliarden

09.06.2026 - 23:25:57 | boerse-global.de

Ein Leopoldina-Papier verlangt verbindliche Regeln für Datenaustausch. Praxisprojekte zeigen bereits Erfolge, doch Regulierung und Sicherheit bleiben Herausforderungen.

Gesundheitswesen: Experten fordern verbindliche Datenstandards
Leopoldina - Ein stilisiertes digitales Netzwerk verbindet medizinische Symbole und Bildschirme, das die Interoperabilität im Gesundheitswesen darstellt. 09.06.2026 - Bild: über boerse-global.de

Experten fordern verbindliche Standards, um Versorgungsqualität und Effizienz zu sichern.

Leopoldina drängt auf verbindliche Regeln

Ein heute veröffentlichtes Fokuspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina macht Druck. Die Autoren Prof. Sylvia Thun und Prof. Daniel Rückert betonen: Nur mit dem FAIR-Prinzip (Findable, Accessible, Interoperable, Reusable) und internationalen Schnittstellen wie FHIR lässt sich der Nutzen digitaler Medizin voll ausschöpfen.

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Branchenanalysen beziffern das Einsparpotenzial durch durchgängige Interoperabilität auf einen zweistelligen Milliardenbetrag. Bisherige Gesetze wie das E-Health-Gesetz von 2015 oder das Digitale-Versorgung-Gesetz hätten die nötige Standardisierung nicht ausreichend forciert.

Auch der aktuelle Entwurf des Gesundheits-Digital-Gesetzes (GeDIG) fällt durch. Konkrete Fristen und Sanktionen fehlen. Die Forderung: Das Bundesministerium für Gesundheit und die Gematik müssen einheitliche, offene Standards für die elektronische Patientenakte verbindlich vorschreiben.

Praxis zeigt: Vernetzung funktioniert schon

Während die Politik debattiert, liefern Projekte aus der Praxis konkrete Ergebnisse. Gestern wurde bekannt: Der Verbund Pflegehilfe hat 218 Einrichtungen des Betreibers Korian an einen digitalen Anfragen-Manager angebunden. Die FHIR-basierte Integration mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ermöglicht medienbruchfreien Datenaustausch zwischen Kliniken und Pflegeeinrichtungen.

Weitere Beispiele zeigen das Potenzial:

  • Wundversorgung: Die IT-Labs GmbH stellte Anfang Juni eine Komplettlösung vor, die den Außendienst täglich um rund 50 Minuten entlastet.
  • Onkologie: Das Europäische Institut für Onkologie entwickelt mit dem IT-Dienstleister Reply spezialisierte Sprachmodelle für Diagnostik bei Brust- und Uroonkologie.
  • Antibiotika-Resistenzen: Das Uniklinikum Frankfurt implementiert ein KI-Dashboard auf Basis von SAS Viya. Es analysiert Patientendaten aus verschiedenen Quellen in Echtzeit und soll bis Jahresende voll einsatzbereit sein.
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Regulatorische Hürden und Sicherheitslücken

Trotz technischer Fortschritte bleiben regulatorische Rahmenbedingungen ein Problem. Industrieverbände wie bvitg und ZVEI forderten gestern bei einem Branchentreffen die Einrichtung regulatorischer Reallabore. Nur so kämen Innovationen schneller in den Markt.

Gleichzeitig setzt die NIS-2-Richtlinie die Kliniken unter Druck. Laut BSI-Informationen vom März hatten sich bis dahin erst 11.000 der geschätzten 30.000 betroffenen Organisationen gemeldet. Eine DKI-Studie aus 2025 belegt zudem: Bereits 20 Prozent der Krankenhäuser mit mehr als 100 Betten waren von Cybervorfällen betroffen.

Vertrauen als Schlüsselfaktor

Die Akzeptanz digitaler Angebote hängt maßgeblich vom Vertrauen der Nutzer ab. Eine aktuelle AOK-Bayern-Umfrage zeigt: 83 Prozent der Bürger suchen online nach Gesundheitsinformationen – aber ein Drittel fühlt sich dabei verunsichert.

Ein seit 2025 initiiertes Qualitätssiegel soll Orientierung bieten. Siegel von Ärztegesellschaften (88 Prozent Vertrauen) und Krankenkassen (80 Prozent) genießen höchste Glaubwürdigkeit. KI-generierte Suchergebnisse nutzen dagegen nur 15 Prozent der Befragten.

Innerhalb der Fachberufe sorgt die digitale Transformation für Diskussionen. Der Virchowbund kritisierte im Juni Bestrebungen der Apothekerschaft, Aufgaben in der Primärversorgung zu übernehmen. Die klare Forderung: Eine saubere Trennung zwischen Diagnose und Arzneimittelversorgung muss erhalten bleiben.

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