Lehrkräfte-Belastung, Pädagogen

Lehrkräfte-Belastung: 160.000 Pädagogen arbeiten 5+ Stunden unbezahlt

Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 16:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Das Bundesverwaltungsgericht verhandelt Niedersachsens Revision zur Lehrerarbeitszeit, während Studien erhebliche Überstunden im Schulwesen belegen.

Bundesverwaltungsgericht prüft unbezahlte Mehrarbeit an Schulen
Ein leerer, ruhiger Klassenraum in einem alten Schulgebäude mit Holztischen und Stühlen bei natürlichem Lichteinfall. Illustration mit AI erstellt.

Die Arbeitsbelastung an deutschen Schulen ist Gegenstand einer Grundsatzauseinandersetzung vor der obersten Verwaltungsgerichtsbarkeit. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig verhandelt die Revision des Landes Niedersachsen gegen ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg zur Mehrarbeit von Lehrkräften.

Die zentrale Streitfrage des Verfahrens lautet, ob der Dienstherr den tatsächlichen Arbeitsumfang empirisch untersuchen muss, um unzulässige Überstunden zu vermeiden. Nach Einschätzung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft betrifft die anstehende Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts rund 160.000 Lehrkräfte.

Das Ausgangsverfahren um unvergütete Überstunden

Ausgangspunkt des Rechtsstreits ist die Klage von Frank Post, einem mittlerweile pensionierten Grundschulrektor aus Hannover. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hatte dem ehemaligen Schulleiter für den Zeitraum von November 2017 bis zum 31. Juli 2022 eine Entschädigung für Mehrarbeit in Höhe von 31.435,59 Euro zugesprochen.

Während der Kläger eine Mehrarbeit von 8 Stunden und 42 Minuten pro Woche geltend gemacht hatte, stufte das Oberverwaltungsgericht einen Umfang von 5 Stunden und 42 Minuten wöchentlich als strukturell bedingt ein. In der medialen Berichterstattung kursierte bezüglich des anerkannten Umfangs teils auch eine abweichende Angabe von 5 Stunden und 48 Minuten pro Woche.

Erhebungen belegen strukturelle Belastungsspitzen

Die juristische Auseinandersetzung trifft auf eine breite Basis wissenschaftlicher Erhebungen, die überdurchschnittliche Arbeitszeiten im Schulwesen dokumentieren. Einer niedersächsischen Studie zufolge kommen Grundschulen während der Schulwochen auf eine durchschnittliche Arbeitszeit von 46 Stunden und 38 Minuten pro Woche. Grundschulleitungen liegen demnach um 5 Stunden und 20 Minuten wöchentlich über dem Soll.

Untersuchungen der Universität Göttingen zeichnen ein ähnliches Bild. Bei einer Erhebung unter 735 Hamburger Vollzeit-Lehrkräften wurde eine Überschreitung des Solls um rund 75 Stunden pro Jahr ermittelt. Für Gymnasiallehrer in Niedersachsen bezifferte die Universität Göttingen das jährliche Arbeitsvolumen auf 1.899 Stunden, während das Soll für Landesbeamte bei 1.776 Stunden liegt – eine Differenz von 123 Stunden.

In Sachsen ergab eine Studie, dass rund 50 Prozent der Lehrkräfte wöchentlich 8 Stunden unbezahlte Mehrarbeit leisten und 17 Prozent der Schulleitungen auf mehr als 48 Wochenstunden kommen.

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Die Belastungen wirken sich auch auf das Privatleben aus: In einer Umfrage von Lehrer-Online und dem Deutschen Philologenverband gaben 38 Prozent der Lehrkräfte an, Beruf und Privatleben nur schwer trennen zu können; 92 Prozent sahen hierfür strukturelle Ursachen.

Diskussionen über Zeiterfassung und Entlastung

Vor diesem Hintergrund nimmt die Debatte über eine verpflichtende Erfassung der Arbeitszeit zu. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg verzeichnete für ihre App mit dem Namen LehrZeit bereits nach wenigen Tagen rund 2.700 Anmeldungen. Der baden-württembergische Kultusminister Andreas Jung von der CDU verwies derweil darauf, dass er auf ein entsprechendes Bundesgesetz zur Arbeitszeiterfassung von Lehrkräften warte.

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Einige Bundesländer erproben bereits praktische Modelle. Bremen startet im Schuljahr 2026/2027 ein Pilotprojekt zur Arbeitszeiterfassung an neun Schulen unter Einsatz der App Untis Arbeitszeit. Senator Mark Rackles von der SPD betonte hierzu die bestehende Rechtsverpflichtung zur Zeiterfassung.

An der Bremer Oberschule Lerchenstraße, an der das Vollzeit-Deputat 25 bis 28 Unterrichtsstunden umfasst, berichtete der Lehrer Björn Wolf von Spitzenbelastungen von rund 50 Wochenstunden zu Schuljahresbeginn. Begleitend zu Zeiterfassungsmodellen verlangt die GEW Bremen zusätzliche Ressourcen und fordert mehr Verwaltungskräfte sowie einen Ausbau der Schulsozialarbeit.

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