Lebensmittelversorgung: Deutschland deckt nur 84 bis 85 Prozent selbst
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 16:08 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Sicherung der Lebensmittelversorgung und die Transformation der Landwirtschaft bleiben zentrale Streitpunkte in der deutschen Bundespolitik. Im September 2026 befasste sich der Bundestagsausschuss für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat mit mehreren Anträgen zur Ernährungssicherheit, wobei deutliche Differenzen in den Strategien der Fraktionen zutage traten. Letztlich fanden die Vorlagen der Opposition im Ausschuss keine Mehrheit.
Divergierende Ansätze der Oppositionsfraktionen
Zwei Anträge der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (21/6662 und 21/6663) zielten darauf ab, den Begriff der Ernährungssicherheit neu zu definieren. Die Fraktion forderte, die Sicherheit nicht allein am Selbstversorgungsgrad zu messen, sondern in den umfassenderen Ansatz der Welternährungsorganisation (FAO) einzubetten.
Zu den Kernforderungen gehörten eine ressortübergreifende Sicherheitspolitik, wassersparende Produktionsweisen, ein dezentraler Wasserrückhalt sowie der Einsatz robuster Sorten in Mischkulturen.
Zudem wurde eine Reduktion synthetischer Dünge- und Pflanzenschutzmittel angestrebt. Im Ausschuss erhielten diese Initiativen lediglich die Zustimmung der Linksfraktion, während CDU/CSU, SPD und AfD dagegen stimmten.
Die AfD-Fraktion verfolgte mit ihrem Antrag (21/6931) ein anderes Ziel: Die Ernährungssicherheit sollte als Staatsziel im Grundgesetz verankert werden, um die Landwirtschaft als essenzielle Versorgungsgrundlage rechtlich aufzuwerten.
Die Fraktion warnte vor einem zunehmenden Flächenverlust durch Infrastrukturprojekte, Siedlungsbau sowie den Ausbau von Windenergie- und Solarparks. Auch strengere EU-Vorgaben zum Einsatz von Betriebsstoffen wurden kritisch angeführt. Dieser Antrag fand außer der AfD-Fraktion keine Unterstützer im Ausschuss.
Regierungsstrategie und wirtschaftliche Resilienz
Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) skizzierte im Umfeld einer Fachkonferenz in Berlin die Prioritäten der Bundesregierung. Demnach liege der durchschnittliche Selbstversorgungsgrad bei Lebensmitteln in Deutschland aktuell bei rund 84 bis 85 Prozent.
Um die Resilienz des Systems zu erhöhen, nannte der Minister drei wesentliche Säulen: Die Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Höfe durch Liquiditätshilfen und Bürokratieabbau, die Anpassung an klimatische Risiken durch trockenresistente Sorten sowie eine gestärkte Notfallvorsorge.
Letztere sieht vor, staatliche Reserven bei Grundnahrungsmitteln wie Weizen, Reis und Hülsenfrüchten zu erweitern und der Bevölkerung eine Vorratshaltung für mindestens zehn Tage nahezulegen.
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Unterstützung für den Fokus auf Wirtschaftlichkeit kam von der Unionsfraktion. Albert Stegemann (CDU/CSU) erklärte bei einem Podiumsgespräch, dass die Versorgung im Inland brüchig werde, wenn landwirtschaftliche Betriebe aufgrund steigender Energie-, Arbeits- und Bürokratiekosten nicht mehr konkurrenzfähig seien. Er verwies darauf, dass Deutschland dank günstiger Bedingungen grundsätzlich in der Lage sei, mehr zu erzeugen, als es selbst benötige.
Forderungen nach einer ökologischen Agrarwende
Parallel zur parlamentarischen Debatte forderten Umweltverbände wie der NABU und der LBV eine grundlegende Kehrtwende in der Förderpolitik. Anlässlich der Agrarministerkonferenz in Würzburg plädierte NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger für Investitionen in intakte Böden und Artenvielfalt statt reaktiver Kriseninterventionen.
Eine Studie des NABU ergab zudem, dass der Selbstversorgungsgrad bei Weizen in Deutschland bei etwa 129 Prozent liegt und somit weit über dem Eigenbedarf. Der Verband forderte für die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) ab 2028 eine Bindung öffentlicher Mittel an gesellschaftliche Leistungen wie Humusaufbau und Wasserrückhalt anstelle pauschaler Flächenprämien.
Auch die Fraktion Die Linke positionierte sich gegen die aktuelle Subventionspraxis. Marcel Bauer, Sprecher für Lebensmittel und nachhaltige Landnutzung, forderte ein Ende der Milliardenzahlungen an große Agrarkonglomerate.
Stattdessen sollten 100 Millionen Euro gezielt in den kombinierten Agrar-Naturschutz fließen. Angesichts von Dürren und Hitzewellen in Europa müsse öffentliches Geld primär für gesunde Lebensmittel und den Erhalt natürlicher Ressourcen eingesetzt werden.
Impulse aus Industrie und Gesundheitsvorsorge
Ein breites Bündnis von über 90 Organisationen und Unternehmen, darunter Nestlé, Danone und Lidl, forderte zudem auf EU-Ebene einen Aktionsplan für nachhaltige Lebensmittelsysteme.
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In einem in Brüssel vorgestellten Papier wird unter anderem die Einführung von Beschaffungskriterien für Kantinen in öffentlichen Einrichtungen auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse der EAT-Lancet-Kommission vorgeschlagen. Der Einzelhandel forderte in diesem Kontext zudem eine Mehrwertsteuerparität für pflanzliche Alternativen.
Ergänzend rückte die Bedeutung gesunder Ernährung für die Gesundheitsvorsorge in den Fokus. Fachorganisationen wiesen im Rahmen der Nationalen Krebspräventionswoche darauf hin, dass etwa 40 Prozent der jährlich rund 500.000 Krebsneuerkrankungen in Deutschland durch eine gesunde Lebensweise vermeidbar wären. Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann betonte in diesem Zusammenhang das lebensrettende Potenzial einer konsequenten Vorsorge.
