Lebensmittelverpackungen, Chemikalien

Lebensmittelverpackungen: 2.160 Chemikalien migrieren ungeprüft

Veröffentlicht am: 11.09.2026 um 11:42 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Eine Analyse erfasst 15.159 Verpackungschemikalien, darunter 1.222 mit schweren Gefahrenmerkmalen und vielen fehlenden Sicherheitsdaten.

Studie warnt vor Gefahren durch Chemikalien in Lebensmittelverpackungen
Nahaufnahme von frischen, biologischen Lebensmitteln wie Getreide und Gemüse auf einer rustikalen Holzoberfläche. Illustration mit AI erstellt.

Eine Studie der Food Packaging Forum Foundation, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Environmental Science & Technology", wirft ein Schlaglicht auf ein bislang wenig systematisch erfasstes Risiko: Chemikalien, die aus Verpackungsmaterialien in Lebensmittel übergehen können.

Laut einem Bericht vom 10. September 2026 untersuchte die Studie insgesamt 15.159 Lebensmittelkontakt-Chemikalien und kam zu dem Ergebnis, dass 1.222 davon – rund 8 Prozent – die Kriterien des UN-Systems zur Einstufung und Kennzeichnung von Chemikalien (GHS) für schwere Gefahren erfüllen. Dazu zählen krebserregende, erbgutverändernde, fortpflanzungsschädigende, organtoxische und hormonell wirksame Eigenschaften.

Migration in Lebensmittel und fehlende Daten

Besonders relevant für Verbraucher: Mindestens 2.160 dieser Chemikalien migrieren nachweislich in Lebensmittel, wie die Foundation feststellt. Gleichzeitig offenbart die Studie eine erhebliche Datenlücke – für 13.211 Chemikalien, also 87 Prozent der untersuchten Substanzen, liegen keine harmonisierten Gefahrendaten vor. Das bedeutet, dass für den überwiegenden Teil der in Verpackungen eingesetzten Stoffe schlicht nicht bekannt ist, wie gefährlich sie tatsächlich sind.

Die Autoren gruppierten zudem 70 Prozent der über 4.000 geprüften Chemikalien in 38 sogenannte Prioritätsgruppen, zu denen unter anderem Phthalate und PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) zählen.

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Innerhalb dieser Struktur identifizierten die Forschenden laut einem Bericht vom 10. September 2026 94 Chemikalien der sogenannten Tier-1-Kategorie – darunter PFAS, Styrol, Phthalate und Bisphenol A (BPA) –, die bereits in Muttermilch oder Blut nachgewiesen wurden.

Eine weitere Tier-2-Kategorie umfasst 264 zusätzliche Substanzen. Auch hier gilt: Rund 70 Prozent der über 4.200 Chemikalien in diesen 38 Prioritätsgruppen liegen ohne belastbare Daten vor.

Das Problem des „bedauerlichen Ersatzes"

Ein zentraler Kritikpunkt der Foundation betrifft ein Muster, das in der Chemikalienregulierung als „regrettable substitution" bekannt ist – zu Deutsch etwa „bedauerlicher Ersatz". Gemeint ist die Praxis, einen regulierten und als schädlich erkannten Stoff durch einen chemisch verwandten, aber kaum untersuchten Ersatzstoff zu ersetzen.

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Als Beispiel nennt die Foundation den Übergang von Bisphenol A zu Bisphenol S (BPS), wie ein Bericht vom 11. September 2026 zu einer Warnung der Foundation vom 10. September 2026 festhält.

Die EU hatte BPA in Lebensmittelkontaktmaterialien 2025 verboten, in den USA gilt ein entsprechendes Verbot bislang nur für Babyflaschen, Trinkbecher und Säuglingsnahrung. Kritiker befürchten, dass strukturell ähnliche Ersatzstoffe ähnliche Risiken bergen könnten, ohne dass dies durch ausreichende Prüfungen belegt oder widerlegt wäre.

Die Foundation verweist zudem darauf, dass die FDA-Rückrufdatenbank aktuell keine offenen Rückrufe im Bereich Lebensmittelverpackung ausweist – ein Befund, der angesichts der beschriebenen Datenlücken eher auf lückenhafte Überwachung als auf tatsächliche Sicherheit hindeuten könnte.

Prüftempo bei Weitem nicht ausreichend

Besonders alarmierend ist die Einschätzung von Experten, wonach eine vollständige Testung aller identifizierten Chemikalien beim gegenwärtigen Tempo Hunderte bis Tausende Jahre dauern würde.

Angesichts von über 15.000 erfassten Substanzen und der Tatsache, dass für den Großteil keine harmonisierten Gefahrendaten existieren, zeigt sich hier eine strukturelle Diskrepanz zwischen der Zahl der im Umlauf befindlichen Chemikalien und der Kapazität regulatorischer Systeme, diese zu bewerten.

Die aktuelle Untersuchung reiht sich in frühere Arbeiten der Foundation ein: Eine vorangegangene Studie hatte bereits über 330 Chemikalien in Babybrei-Beuteln identifiziert, von denen nach Einschätzung der Forschenden fast 80 als gefährlich einzustufen waren.

Die neue, breiter angelegte Analyse verdeutlicht, dass es sich dabei nicht um Einzelfälle, sondern um ein systemisches Muster in der Lebensmittelverpackungsindustrie handeln dürfte – mit tausenden Chemikalien, deren Wirkung auf die menschliche Gesundheit bislang unzureichend erforscht ist.

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