Lavendelöl Silexan: Studie zeigt Ansprechraten auf Augenhöhe mit Sertralin
Veröffentlicht am: 01.11.2026 um 10:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deSteigende Belastungen im Alltag führen dazu, dass Apotheken und Fachartikel verstärkt Möglichkeiten zur Stimmungsregulierung und Stressreduktion aufgreifen. Neben Lebensstil- und Verhaltensanpassungen stehen dabei insbesondere pflanzliche Präparate und ätherische Öle im Fokus der Betrachtung.
Die Phytotherapie nutzt die Wirkstoffe von Arzneipflanzen – etwa Blüten, Wurzeln und Blättern –, um Beschwerden zu lindern oder Krankheiten vorzubeugen. Verabreicht werden diese sogenannten Phytopharmaka unter anderem als Tees, ätherische Öle, Trockenextrakte, Presssäfte oder Tinkturen.
Spektrum pflanzlicher Wirkstoffe und ihre Anwendungsformen
Zur Linderung von innerer Unruhe und Nervosität werden traditionell unterschiedliche Heilpflanzen herangezogen. Hopfen, Passionsblume, Lavendel, Melisse, Pfefferminze und Fenchel kommen beispielsweise als Aufguss, Duftöl oder Badezusatz zum Einsatz.
Gegen nervöse Anspannung, Unruhe und Reizbarkeit steht zudem Baldrian in Form von Tropfen oder Dragees zur Verfügung. Ergänzend werden unter anderem Thymian, Basilikum, Süßholzwurzel und Rosenwurzel genutzt.
Als wesentlicher Vorteil pflanzlicher Vielstoffgemische gilt aus Sicht von Apotheken die Möglichkeit, mehrere Symptome parallel anzusprechen, verbunden mit einem generell niedrigen Nebenwirkungspotenzial und geringen Wechselwirkungsrisiken.
Gleichwohl ist die tatsächliche Qualität solcher Präparate für Laien nur schwer einzuschätzen, da sie von Faktoren wie Anbau, Reinheit, Extraktqualität, dem Droge-Extrakt-Verhältnis und den Verpackungsmaterialien abhängt.
Grenzen, Risiken und wissenschaftliche Evidenz
Trotz ihres pflanzlichen Ursprungs sind solche Mittel nicht frei von Risiken und Gegenanzeigen, was insbesondere während der Schwangerschaft und Stillzeit zu beachten ist. Bei Johanniskraut tritt eine spürbare Wirkung erst nach mindestens einigen Wochen regelmäßiger Einnahme ein.
Zudem kann die Pflanze die Zuverlässigkeit empfängnisverhütender Präparate beeinträchtigen. Grundsätzlich gilt, dass depressive Erkrankungen einer fachärztlichen Behandlung bedürfen.
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Auch bei Schlafproblemen ist die Evidenzlage differenziert zu betrachten. Nach Angaben der Schlafforscherin Christine Blume von der Universität Basel sind je nach Erhebung rund 30 Prozent der Bevölkerung von Ein- und Durchschlafstörungen betroffen, wobei Stress als maßgeblicher Störfaktor fungiert.
Während Baldrian wissenschaftlich nicht ausreichend belegt ist, kann er bei leichten, akuten Schlafschwierigkeiten erprobt werden. Melatonin wiederum kommt bei leichten Störungen als Option infrage.
Schlafmittel sollten demgegenüber nicht dauerhaft genutzt werden. Bei chronischer Insomnie empfiehlt die Expertin eine kognitive Verhaltenstherapie, zu der unter anderem eine Komprimierung der Schlafzeit auf sechs Stunden gehört.
Technische Hilfsmittel wie Smartwatches liefern hingegen keine konkreten Schlaf-Tipps, und Klanggeräte im Wert von rund 30 Franken gelten laut Untersuchungen als nicht hilfreich; ein ruhiges Schlafzimmer und Ohrenstöpsel stellen bessere Alternativen dar.
Klinische Studienlage zu standardisierten Extrakten
Für spezifische Extrakte existieren detaillierte klinische Untersuchungen. Eine 2024 im International Journal of Neuropsychopharmacology publizierte explorative Auswertung der LEAD-Studie untersuchte 498 Erwachsene mit leichter bis mittelschwerer Major Depression über einen Zeitraum von acht Wochen. Dabei erhielten 170 Personen täglich 80 mg des standardisierten Lavendelöls Silexan, 171 Probanden nahmen täglich 50 mg Sertralin ein und 157 Teilnehmende erhielten ein Placebo.
Sowohl Silexan als auch Sertralin erwiesen sich dem Placebo beim Gesamtscore der Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale (MADRS) als statistisch signifikant überlegen.
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Bei fünf von neun MADRS-Symptomen – darunter depressive Stimmung, Konzentration, Traurigkeit, Appetit und Antriebslosigkeit – erzielte das Lavendelpräparat signifikant bessere Resultate als Placebo, während der Unterschied bei innerer Anspannung und Freudlosigkeit die Signifikanzschwelle knapp verfehlte.
Die Ansprechraten lagen bei 53,5 Prozent für Silexan, 54,0 Prozent für Sertralin und 41,5 Prozent für Placebo. Finanziert wurde die Untersuchung vom Hersteller Dr. Willmar Schwabe GmbH & Co. KG. Die Ergebnisse lassen sich nicht auf gewöhnliche Drogerie- oder Raumöle übertragen; zudem stellt das Präparat keinen generellen Ersatz für Antidepressiva oder Psychotherapien dar.
Auch über rein pflanzliche Gaben hinaus reichen einfache Entspannungsverfahren oft nicht aus, um tief sitzende innere Anspannung abzubauen, da persönliche Überzeugungen und Erwartungen das Stresserleben maßgeblich verstärken können. Ein bewusster Umgang mit eigenen Mustern und gezielte Reflexion bleiben daher ein zentraler Baustein der Stressbewältigung.
Globale Initiativen zur traditionellen Medizin
Auf internationaler Ebene rückt die Regulierung und Erforschung pflanzlicher Heilmethoden weiter in den Fokus. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellte nach der im Oktober 2026 in Peking abgehaltenen Weltkonferenz für traditionelle Medizin mit knapp 2.000 Teilnehmenden aus 103 Ländern und Gebieten mehrere zentrale Beschlüsse vor.
Dazu gehören die Beijing Initiative on the Conservation and Sustainable Use of Traditional Medicinal Plant Resources, das New-Era Shennong Herbal Project sowie die Gründung der Global Alliance for Traditional and Integrative Medicine (GATIM).
Zudem wurde ein Bericht über den Einsatz künstlicher Intelligenz in der traditionellen Medizin vorgelegt, eingebettet in die Globale Strategie für traditionelle Medizin 2025–2034.
WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus betonte in diesem Zusammenhang, es gehe nicht um eine Wahl zwischen Tradition und Wissenschaft, sondern um die Verbindung von Forschung, Innovation, Regulierung und Qualitätssicherung. Die Verabschiedung dieser Erklärungen bedeutet jedoch keine formelle Neuzulassung einzelner Medikamente.
