Kritische, Infrastruktur

Kritische Infrastruktur: 1200 Umspannwerke in Deutschland ungeschützt

Veröffentlicht am: 03.09.2026 um 17:35 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Angriffe auf Umspannwerke verschärfen die Debatte über Kritis-Schutz, fehlende Verordnungen, hohe Kosten und begrenzte technische Möglichkeiten.

Sabotage an Stromanlagen: Streit über Schutz kritischer Infrastruktur
Ein Umspannwerk mit Hochspannungsmasten und Transformatoren bei Dämmerung in einer weitläufigen Landschaft. Illustration mit AI erstellt.

Nach den jüngsten Sabotageakten auf Stromanlagen in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen hat eine intensive Debatte über den Schutz kritischer Infrastruktur (Kritis) in Deutschland begonnen.

Während das Bundesinnenministerium die Gefährdungslage als hoch einstuft, betonen Verbände und Experten die Notwendigkeit neuer Sicherheitskonzepte und gesetzlicher Rahmenbedingungen. BEE-Präsidentin Heinen-Esser erklärte in diesem Zusammenhang, dass ein vollständiger Schutz zwar unmöglich sei, die Risiken jedoch konsequent minimiert werden müssten.

Angriffe auf Umspannwerke lösen Sicherheitsdiskussion aus

Hintergrund der aktuellen Auseinandersetzung sind Anschläge auf Umspannwerke in Turnow-Preilack in Brandenburg sowie in Bergheim in Nordrhein-Westfalen. Ermittler fanden vor Ort Abschussvorrichtungen und sehen deutliche Parallelen zwischen den Taten, weshalb verfassungsfeindliche Sabotage vermutet wird.

Ein Bekennerschreiben liegt bislang nicht vor. Brandenburgs Innenminister Redmann wies darauf hin, dass man bisher keine konkreten Geheimdiensthinweise habe. Er konstatierte zudem, dass man Glück gehabt habe, da von mehr als einem Dutzend eingesetzten Flugkörpern lediglich einer sein Ziel erreicht habe.

Das Bundesinnenministerium sieht die kritische Infrastruktur durch derartige Akte stark gefährdet. NRW-Innenminister Reul forderte angesichts der Vorfälle ein Umdenken bei den Rechten der Infrastrukturbetreiber sowie beim Datenschutz. Er kritisierte, dass Deutschland unheimlich leicht angreifbar sei, und sprach sich dafür aus, den Betreibern den Einsatz von Videoüberwachung und Drohnenabwehr zu erlauben. Als mögliche Hintergründe für die Taten nannte er fremdstaatliche Akteure oder linksextremistische Motive.

Forderungen nach gesetzlichen Verordnungen und Sofortmaßnahmen

In der politischen Diskussion gerät auch das Kritis-Dachgesetz in den Fokus, das zwar seit März 2026 in Kraft ist, dem jedoch nach Ansicht von Kritikern wesentliche Rechtsverordnungen fehlen.

Die Grünen-Politikerin Mihalic warf Innenminister Dobrindt Versäumnisse vor und forderte ein schlüssiges Gesamtkonzept. Auch der Gründer der AG KRITIS, Atug, bezeichnete das Gesetz als leere Hülle und warnte davor, die Drohnenabwehr privaten Firmen zu überlassen. Diese müsse eine hoheitliche Aufgabe bleiben.

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Ähnlich äußerte sich der SPD-Innenpolitiker Stohn, der betonte, dass für eine hoheitliche Drohnenabwehr zunächst die erforderlichen gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden müssten. Die Deutsche Polizeigewerkschaft vertritt hingegen die Auffassung, dass der Schutz der Anlagen primär in der Verantwortung der Betreiber liege.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) fordert unterdessen ein Sofortpaket, das unter anderem Flugverbotszonen über kritischen Anlagen vorsieht. BDEW-Chefin Andreae sprach sich zudem dafür aus, Pläne der Infrastruktur nicht mehr frei zugänglich zu machen und den Datenschutz für Kameraüberwachungen anzupassen.

Wirtschaftliche Folgen und technische Grenzen

Der Schutz der Infrastruktur dürfte mit erheblichen Kosten verbunden sein. Nach Einschätzung des BSKI-Vize Borries könnten sich die Ausgaben für Sicherheitsmaßnahmen vervier- bis versechsfachen. Das BSKI kritisierte zudem einen mangelhaften Perimeterschutz; so seien aktuell etwa 1200 Umspannwerke ungeschützt.

Experten der Technischen Universitäten Dortmund und Darmstadt sowie des Fraunhofer-Instituts dämpfen jedoch die Erwartungen an einen lückenlosen Schutz. Eine flächendeckende Drohnenabwehr oder die vollständige Überwachung jedes Strommasts sei keine realistische Option.

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Stattdessen müsse eine Kombination aus Prävention, Schadensbegrenzung und einer schnellen Wiederherstellung der Versorgung im Vordergrund stehen. Während regionale Ausfälle möglich seien, schätzen die Fachleute das Risiko eines nationalen Blackouts als eher gering ein.

Als technisches Backup schlug der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) vor, verstärkt auf Bioenergie und Wasserkraft zu setzen, da diese schwarzstartfähig seien. Auch Batteriespeicher könnten im Notfall kurzfristig zur Netzstabilität beitragen.

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