Krebsmedikamente: Ifosfamid fehlt an 94 Prozent der US-Krebszentren
Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 23:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Berichte thematisieren die zunehmende Problematik von Lieferstopps bei Krebsmedikamenten infolge von Firmeninsolvenzen sowie die Markteinführung neuer onkologischer Präparate ohne zusätzliche Warnhinweise. Neben regulatorischen Fortschritten bei neuartigen Krebstherapien stehen die Gesundheitssysteme weltweit vor erheblichen logistischen und strukturellen Versorgungsrisiken.
Belastete Versorgungsketten in der Onkologie
Die Anfälligkeit der Krebsversorgung zeigt sich international. Eine am 10. September 2026 veröffentlichte und Ende August 2026 erhobene Umfrage des National Comprehensive Cancer Network (NCCN) unter US-Krebszentren ergab, dass alle antwortenden Einrichtungen mindestens einen Engpass meldeten.
Über 20 % verzeichneten gleichzeitig mindestens fünf Engpässe. Konkret fehlte Ifosfamid an 94 % der befragten Zentren, Carboplatin an 71 % und Cisplatin an 16 %. Mehr als die Hälfte registrierte Engpässe beim Impfstoff BCG. Seit 2023 stuften 96 % der Zentren die Lage als unverändert und lediglich 4 % als verbessert ein.
Bei erforderlichen Therapieanpassungen benötigten 90 % der Zentren eine erneute Vorabgenehmigung, während 61 % Gegenmaßnahmen ergreifen mussten. Als Konsequenz fordert das Netzwerk wirtschaftliche Anreize für eine verlässliche Generikaherstellung.
Lieferstörungen zeigen sich auch in weiteren Bereichen. Bayer berichtete von vorübergehenden Engpässen bei bestimmten Präparaten in ukrainischen Apotheken, ausgelöst durch Angriffe auf die Infrastruktur und logistische Verzögerungen.
In Spanien registrierte die Behörde Aemps Engpässe bei Hormontherapien wie Lenzetto, wo die Abgaben von rund 13.000 Einheiten im Jahr 2018 auf etwa 123.000 im Jahr 2024 stiegen. Der Hersteller Gedeon Richter begründete dies mit einer Nachfrage über den Kapazitäten und fehlenden Applikatoren.
Debatte um Zytostatika-Ausschreibungen in Deutschland
In Deutschland steht die Organisation der onkologischen Versorgung ebenfalls im Fokus politischer Diskussionen. Ein Änderungsantrag von Union und SPD zur Reform der Notfallversorgung sieht vor, apothekenbezogene Ausschreibungen für patientenindividuelle Zytostatika wiedereinzuführen.
Kassenverbände sollen hierbei landesweit gemeinsam handeln, während Auswahlverfahren, Mindestapothekenzahlen und Lieferwege im Entwurf ungeregelt bleiben. Diese Praxis war bereits 2017 abgeschafft worden.
Die NCCN-Umfrage zeigt: Alle antwortenden US-Krebszentren meldeten mindestens einen Engpass, Ifosfamid fehlte an 94 Prozent. Für Praxen und Klinikapotheken heißt das, Abläufe für Therapieanpassungen und erneute Vorabgenehmigungen vorzubereiten, bevor der Engpass akut wird. Der kostenlose Leitfaden führt in drei Schritten durch Erkennung, Alternativenprüfung und Dokumentation. Leitfaden Lieferengpässe jetzt anfordern
Am 7. Oktober 2026 lehnte ABDA-Präsident Thomas Preis in einer Anhörung des Bundestags-Gesundheitsausschusses diese Pläne ab. Er verwies auf ausgefallene Therapien, Wartezeiten und Zwischenfälle bei früheren Ausschreibungen. Viele Wirkstoffe müssten sofort oder binnen weniger Stunden angewendet werden; spezialisierte Reinraumlabore ließen sich nicht kurzfristig hoch- oder herunterfahren.
Laut ABDA gibt es bundesweit rund 250 spezialisierte Apotheken. Zudem erklärte die ABDA am 5. Oktober 2026, dass die Hilfstaxe eine wirtschaftliche Versorgung sichere, und forderte eine Befristung der Erhöhung des Kassenabschlags, der ab Januar 2027 auf 2,07 Euro steigen soll.
Pharma Deutschland kritisierte das Vorhaben nach der Anhörung ebenfalls und forderte eine Streichung der Ausschreibungen sowie geplanter Vergütungskürzungen für digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA). Die Finanzkommission Gesundheit bezifferte 2026 bei einem Marktvolumen von rund 1 Mrd. Euro und angenommenen Rabatten von 20–30 % mögliche Einsparungen auf 200–300 Mio. Euro.
Der Verband Zytostatika herstellender Apothekerinnen und Apotheker (VZA) hält dem entgegen, dass die neue Hilfstaxe 2027 über 160 Mio. Euro einspare, während Rabattverträge mindestens 36 Mio. Euro jährlich erbringen.
Neue Marktzulassungen und Standortfragen
Parallel zu Lieferrisiken schreitet die Zulassung neuer Therapien voran. Roche erhielt in den USA die FDA-Zulassung für Atezolizumab (Tecentriq) in Kombination mit Chemotherapie zur adjuvanten Behandlung bei reseziertem Kolonkarzinom im Stadium III mit dMMR.
In der Phase-III-Studie ATOMIC sank das Rückfall- oder Sterberisiko gegenüber alleiniger Chemotherapie um 50 %. Bei fast 30 % der Patienten in diesem Stadium tritt laut Roche binnen fünf Jahren ein Rückfall auf; etwa 15 % weisen dMMR/MSI-H-Tumoren auf. Eine Zulassung bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA wird ebenfalls angestrebt.
Am 2. Oktober 2026 erteilte Armenien zudem weltweit erstmals separate, bedingte Marktzulassungen für Botvymo (Botensilimab) und Evamplix (Balstilimab) des Herstellers Agenus zur Behandlung von metastasiertem Kolorektalkarzinom. Die Zulassungen gelten für jeweils ein Jahr auf Basis von Phase-1b- und Phase-2-Daten.
In Deutschland sieht ein Änderungsantrag zur Notfallreform apothekenbezogene Ausschreibungen für patientenindividuelle Zytostatika vor — Auswahlverfahren, Mindestapothekenzahlen und Lieferwege bleiben im Entwurf ungeregelt. Wer die eigene Beschaffung jetzt prüfen will, findet im kostenlosen Leitfaden eine Übersicht der geplanten Regeln und der Kritik aus der Anhörung vom 7. Oktober. Übersicht Zytostatika-Ausschreibungen sichern
Gleichzeitig verweisen Branchenvertreter auf veränderte globale Rahmenbedingungen. Roche-Pharma-Vorstand Daniel Steiners betonte in einem Meinungsbeitrag, dass die Entwicklung neuer Arzneimittel zehn bis 15 Jahre dauere bei einer Ausfallwahrscheinlichkeit von über 90 %.
Während die USA über 50 % des weltweiten Marktes ausmachen, entfallen auf Deutschland vier bis fünf Prozent, während Europas Anteil an klinischen Studien binnen eines Jahrzehnts auf 9 % gesunken sei.

