Kreatives Schreiben: UMG startet neun Termine für Frauen mit Krebs
Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 02:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deKreatives und expressives Schreiben gewinnt im klinischen Alltag und in der psychosozialen Begleitung zunehmend an Bedeutung. Medizinische Einrichtungen und therapeutische Initiativen setzen Schreibprozesse gezielt ein, um Patientinnen und Patienten bei der Bewältigung schwerer Erkrankungen sowie seelischer Belastungen zu unterstützen.
Ein aktuelles Beispiel liefert die Universitätsmedizin Göttingen (UMG): Die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe startet in Kooperation mit dem UniversitätsKrebszentrum Göttingen (G-CCC) eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Gesundheitsförderndes kreatives Schreiben“, die sich gezielt an Brustkrebs-Patientinnen und Frauen mit gynäkologischen Tumoren richtet.
Strukturierte Schreibgruppen im klinischen Rahmen
Das Angebot der Universitätsmedizin Göttingen umfasst insgesamt neun Termine, die sich bis in den Sommer 2027 erstrecken. Neben dem Auftakt sind weitere Termine für den 24.11.2026, 15.12.2026, 26.01.2027, 23.02.2027, 30.03.2027, 27.04.2027, 25.05.2027 sowie den 29.06.2027 angesetzt.
Die Treffen finden jeweils am letzten Dienstag im Monat von 16:00 bis 18:00 Uhr statt, wobei die Sitzung am 25.05.2027 von 16:00 bis 19:00 Uhr als dreistündige Collage-Sitzung konzipiert ist. Veranstaltungsort ist das Casino der Gynäkologie der UMG an der Robert-Koch-Straße 40 in Göttingen; einzelne Einheiten werden zudem online durchgeführt.
Die Reihe steht unter der Schirmherrschaft der Regisseurin und Autorin Doris Dörrie. Die Leitung übernehmen Gika Demandt, Absolventin im Fach Biografisches und Kreatives Schreiben, zertifizierte Yogalehrerin und Cancer Survivor, sowie Susanne Diehm, ebenfalls Absolventin im Fach Biografisches und Kreatives Schreiben und zertifizierte Schreib- und Kunsttherapeutin.
Das Angebot ist flexibel gehalten: Eine Teilnahme ist je nach individuellem Befinden möglich, wenngleich eine regelmäßige Teilnahme als wünschenswert beschrieben wird. Die Gruppengröße ist auf 12 Personen begrenzt. Anmeldungen sind vor jedem Treffen bis spätestens freitags vor dem Termin bei Annika Dörner per E-Mail möglich.
Wissenschaftliche Grundlagen des expressiven Schreibens
Der therapeutische Einsatz des Schreibens basiert auf etablierten Modellen der Emotionsregulation. Bereits in einer Studie von 1986 beschrieb James W. Pennebaker, dass regelmäßiges Tagebuchschreiben eine positive Wirkung auf die geistige und körperliche Verfassung entfalten kann. Daraus formulierte er die Methode des expressiven Schreibens.
Der Ansatz sieht vor, an mindestens drei aufeinanderfolgenden Tagen jeweils 15 bis 20 Minuten am Stück über tiefste Gefühle und traumatische Erfahrungen zu schreiben, ohne den Stift abzusetzen. Durch diesen Prozess sollen unterdrückte Emotionen verarbeitet, Gedanken neu geordnet und das körperliche Stresslevel gesenkt werden.
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Das Lexikon der Psychologie beschreibt die Schreibtherapie – dort auch mit dem Begriff der Poesietherapie in Verbindung gebracht – als therapeutischen Umgang mit Literatur, dessen Ziel in der Selbstbefreiung, Selbstverwirklichung und der Aufarbeitung vergangener Frustrationen liege.
Gleichzeitig verweist das Nachschlagewerk auf klare Grenzen: Die Begriffsbestimmung treffe keine Aussagen über die generelle Wirksamkeit, Eignung oder den Ersatz für andere Behandlungen. Schreibtherapie dürfe demnach nicht als vollwertiger Ersatz für eine Psychotherapie dargestellt werden, und es dürfe kein Heilversprechen erfolgen.
Ergänzend deuten Überblicksarbeiten aus der psychologischen Forschung auf den Stellenwert kreativer Betätigung hin. Eine von Psychology Today aufbereitete Studienübersicht dokumentiert Zusammenhänge zwischen kreativen Tätigkeiten und einer messbaren Stressreduktion.
So senkte im Jahr 2024 ein vierwöchiges Kunstprogramm mit Freihandzeichnen, Basteln und Tonmodellieren den wahrgenommenen Stress bei College-Studenten signifikant, gemessen an der Perceived Stress Scale.
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Im Jahr 2025 zeigte zudem eine randomisierte kontrollierte Studie mit 76 College-Studenten zu angeleitetem Trommeln und Tanzen über zehn Wochen eine deutlich stärkere Stressreduktion in der Interventionsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe. Auch ein strukturiertes, galeriebasiertes Kunstbetrachtungsprogramm reduzierte 2024 den Stresspegel und steigerte Achtsamkeitswerte.
Künstlerische und biografische Zugänge zur Traumaverarbeitung
Schreibansätze werden in unterschiedlichen Kontexten zur Aufarbeitung schwerer Erlebnisse genutzt. So veröffentlichte Milena Rampoldi im Rahmen des Projekts ProMosaik das Buch „Starke Frauen zwischen Gewalt und Diskriminierung: Ein schreibtherapeutischer Ansatz“, für das für 2027 eine englische Übersetzung geplant ist.
In neun Fragmenten befasst sich das Werk mit Diskriminierung allgemein, muslimischer Gewalt gegen Frauen sowie Erfahrungen mit Islamophobie in Europa, ergänzt durch eine Interpretation des Films „Submission“ von Ayaan Hirsi Ali und Theo van Gogh.
In dem Projekt sollen Betroffene erlittene Verletzungen symbolisch verarbeiten, indem zerbrochene Erlebnisse in eine Mosaikstruktur transformiert werden. Bei einer zentralen Übung werden zerbrochene Spiegelstücke in Ton eingefügt, um scharfe Kanten zu schützen und neue Ausdrucksformen zu finden.
Auch historische und institutionelle Archive unterstreichen den fortlaufenden Stellenwert persönlicher Aufzeichnungen. Das Deutsche Tagebucharchiv im Alten Rathaus in Emmendingen bewahrt anonymisierte Aufzeichnungen für die Nachwelt auf. Mittlerweile haben rund 5.600 Autorinnen und Autoren Dokumente eingereicht; das älteste archivierte Dokument datiert aus dem Jahr 1760.
Die Projekte verdeutlichen die Vielgestaltigkeit schreibender und gestalterischer Ansätze. Ob im Rahmen onkologischer Nachsorgeprogramme wie an der Universitätsmedizin Göttingen oder in offenen Projekten: Das strukturierte Verschriftlichen eigener Empfindungen bleibt ein viel beachtetes Instrument, um Menschen bei der Bewältigung physischer und psychischer Krisen zu begleiten.
