Krankschreibung: Schwarz-Rot plant Attestpflicht ab Tag eins
Veröffentlicht am: 04.07.2026 um 08:45 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Künftig sollen Arbeitnehmer schon am ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest vorlegen müssen. Gleichzeitig steht die telefonische Krankschreibung vor dem Aus.
Das sind die konkreten Pläne
Bisher reicht eine ärztliche Bescheinigung in der Regel ab dem vierten Tag. Das soll sich ändern: Die Nachweispflicht gilt künftig ab dem ersten Tag – es sei denn, Betriebe regeln das individuell anders. Parallel dazu wollen Union und SPD die telefonische Krankschreibung wieder abschaffen. Die war während der Pandemie eingeführt und Ende 2023 dauerhaft etabliert worden.
Das Gesundheitsministerium plant zudem eine Novität: Teilkrankschreibungen. Arbeitnehmer sollen je nach Zustand zu 25, 50 oder 75 Prozent arbeiten können. Um Missbrauch zu verhindern, wird eine Verschärfung des Strafrechts für falsche Gesundheitszeugnisse geprüft.
Wirtschaft vs. Wissenschaft
Die Union begründet den harten Kurs mit den gestiegenen Krankenständen. Die liegen im Schnitt bei 18 bis 19,7 Tagen pro Jahr. Unions-Fraktionschef Friedrich Merz sieht einen Wettbewerbsnachteil für den Standort Deutschland. Die telefonische Krankschreibung müsse weg, um die Hemmschwelle für Krankmeldungen wieder zu erhöhen.
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Die SPD zeigt sich gespaltener. Die Parteispitze verteidigt den Kompromiss, verweist aber auf eine noch ausstehende Prüfung. Generalsekretär Klüssendorf bezeichnet die Attestpflicht als „das geringere Übel“ im Vergleich zu möglichen Karenztagen.
Doch die Wissenschaft zweifelt an der Wirksamkeit. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht keinen belegten Zusammenhang zwischen der telefonischen Krankschreibung und dem hohen Krankenstand. Daten der Barmer zeigen: Telefonische oder Video-Bescheinigungen machten nur 0,8 bis 1,2 Prozent aller AU-Bescheinigungen aus.
Das Gegenteil könnte eintreten
Die Forscher warnen sogar vor dem Gegenteil. Eine Attestpflicht ab Tag eins zwinge Patienten auch bei leichten Infekten in die Praxen. Das erhöhe das Ansteckungsrisiko im Wartezimmer und könne Krankheitswellen verstärken. Zudem sind rund 40 Prozent aller Fehltage auf Langzeiterkrankungen von über sechs Wochen zurückzuführen – die eine strengere Meldepflicht am ersten Tag nicht beeinflusst.
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Ärzte und Gewerkschaften laufen Sturm
Der Hausärzteverband spricht von „Symbolpolitik“ und warnt vor einer Überlastung der Praxen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) rechnet vor: Bereits jetzt deckt etwa ein Drittel der rund 116 Millionen jährlichen Krankschreibungen nur einen Zeitraum von bis zu drei Tagen ab.
Der DGB warnt vor dem Risiko des Präsentismus. Wenn die Hürden für eine Krankschreibung steigen, erscheinen Arbeitnehmer trotz Krankheit im Büro – mit schwereren Krankheitsverläufen und erhöhter Infektionsgefahr für Kollegen.
Die Bevölkerung ist mehrheitlich dagegen. Eine YouGov-Umfrage zeigt: 59 Prozent lehnen die Attestpflicht ab dem ersten Tag ab, 58 Prozent sprechen sich gegen das Ende der telefonischen Krankschreibung aus.
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