Krankschreibung: Ärzte warnen vor Chaos bei 25–75-Prozent-Abstufung
29.05.2026 - 05:30:22 | boerse-global.deRegierungen von Berlin bis Moskau setzen auf digitale Lösungen und administrative Reformen, um steigende Kosten zu bremsen und überlastete Systeme zu entlasten. Besonders in Deutschland sorgt ein umstrittener Vorschlag für hitzige Debatten.
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Deutsche Ärzte warnen vor Chaos bei Teil-Krankschreibung
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat scharfe Kritik an den Plänen für eine abgestufte Krankschreibung geäußert. KBV-Vize Stephan Hofmeister bezeichnete den Vorschlag, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen zwischen 25 und 75 Prozent auszustellen, als „völlig undurchführbar". Die fein abgestuften Stufen suggerierten eine medizinische Präzision, die objektiv gar nicht messbar sei, so Hofmeister. Die Folge wären erhebliche Haftungsrisiken und ein massiver Bürokratieaufwand für die Praxen.
Der Vorstoß ist Teil eines Sparpakets von Gesundheitsministerin Nina Warken. Ziel ist es, die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) bis 2027 um rund 16,3 Milliarden Euro zu entlasten. Doch der Widerstand wächst: Bereits am Donnerstag protestierten Beschäftigte mehrerer Universitätskliniken und regionaler Krankenhäuser. Die Gewerkschaft Verdi befürchtet Personalabbau und sinkende Versorgungsqualität.
Die MEDI-Verbände starteten zudem die Kampagne „Praxen in Not – Patienten in Gefahr" und rufen für den 10. Juni zu bundesweiten Praxis-Schließungen auf. Ärzteverbände aus Hessen und Sachsen-Anhalt warnen: Der Wegfall der extrabudgetären Vergütung und weitere Kürzungen könnten jährlich 600.000 Behandlungstermine kosten. Pro Praxis drohen finanzielle Einbußen von bis zu 68.000 Euro.
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Digitalisierung von Krankschreibungen in Russland und Großbritannien
Während Deutschland über die Struktur der Krankschreibung streitet, setzen andere Länder auf deren digitale Ausstellung. Russland plant bis Ende 2026 einen landesweiten Dienst: Bürger sollen Krankschreibungen und ärztliche Bescheinigungen künftig über den Messenger „Max" bestellen können. Nach Pilotprojekten in den Regionen Tjumen und Tschuwaschien sollen die Dokumente automatisch aus den elektronischen Patientenakten generiert werden.
In Großbritannien sorgt eine Konsultation zum „Fit Note"-System für Aufsehen. Zwei Drittel der Arbeitgeber halten das aktuelle Verfahren für ineffektiv. Nur 18 Prozent der Ärzte sehen in der Ausstellung der Bescheinigungen eine sinnvolle Nutzung ihrer Zeit. Ein geplanter Modellversuch soll im ersten Jahr bis zu 100.000 Termine abwickeln – mit detaillierteren Wiedereingliederungsplänen für Arbeitnehmer.
USA: Beschleunigte Genehmigungen und KI-Risiken
In den Vereinigten Staaten treibt die Gesundheitsbehörde CMS die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren voran. Seit dem 1. Januar 2026 müssen Versicherer bei dringenden Anfragen innerhalb von 72 Stunden entscheiden, bei Standardanträgen binnen sieben Tagen. Ein weiterer Vorschlag, dessen Kommentierungsfrist am 15. Juni endet, will diese Regeln auf Medikamente ausweiten.
Ab Juli 2026 startet zudem das ACCESS-Zahlungsmodell. Technologiefirmen erhalten feste Vergütungen, wenn sie messbare Behandlungserfolge bei chronisch Kranken erzielen. Doch die Kehrseite der Automatisierung zeigt ein Senatsbericht: Der Einsatz Künstlicher Intelligenz in einigen Bereichen führte zwischen 2020 und 2022 zu einer Verdopplung der Ablehnungsraten für Nachsorgeleistungen. Klagen werfen den automatisierten Programmen zudem hohe Fehlerraten vor.
Australien: Elektronische Einwilligung wird Pflicht
In Australien treten am 1. Juli 2026 neue Regeln für die Abrechnung in Arztpraxen in Kraft. Ohne elektronische Patienteneinwilligung gibt es künftig keine „Bulk-Billing"-Zahlungen mehr – das Papierzeitalter endet damit endgültig. Die Umstellung betrifft rund 7.000 Praxen und fällt mit weiteren Neuerungen zusammen, darunter ein SMS-Absenderregister und verschärfte Anti-Geldwäsche-Auflagen.
Weltweite Reformpausen und Sicherheitslücken
Nicht alle Reformen laufen wie geplant. In Südafrika hat Präsident Ramaphosa die Umsetzung des Nationalen Krankenversicherungsgesetzes (NHI) gestoppt. Das Verfassungsgericht prüft Klagen. Mediziner argumentieren, dass zuerst die Krankenhausinfrastruktur und Personalausstattung gestärkt werden müssten, bevor Finanzierungsreformen greifen können.
In Neuseeland fordert das Royal New Zealand College of GPs eine offizielle Zertifizierung für Patientenportale – ausgelöst durch einen Sicherheitsvorfall bei einem großen Anbieter. Datenschutzbehörden hatten festgestellt, dass die Sicherheitsvorkehrungen in den Systemen, die von 60 bis 70 Prozent der Allgemeinpraxen genutzt werden, unzureichend waren.
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