Krankenversicherung: 74,5 Millionen warten drei Wochen länger
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 21:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Debatte über das Nebeneinander von gesetzlicher und privater Krankenversicherung hat innerhalb der Regierungskoalition zu spürbaren Klarstellungen geführt. Nachdem Bundeskanzler Friedrich Merz ein Gerechtigkeitsproblem im dualen System gesehen und sich offen für Anpassungen gezeigt hatte, bemüht sich die Unionsfraktion um eine Einordnung der Aussagen.
Unionsfraktion stellt Position zum Versicherungssystem klar
Aus den Reihen der Unionsfraktion hieß es zur Auslegung der Kanzler-Aussagen, eine grundlegende Infragestellung des dualen Systems aus gesetzlicher Krankenversicherung (GKV) und privater Krankenversicherung (PKV) entspreche nicht der eigenen Politik und sei so nicht gemeint gewesen.
Unionsfraktionschef Thorsten Frei betonte, die Koalition arbeite vielmehr an Lösungen für zeitnahe Facharzttermine. Auch CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann erklärte, die Äußerungen hätten sich lediglich auf die Terminvergabe bezogen und hätten präziser formuliert werden können.
Ein Regierungssprecher hatte zuvor klargestellt, dass der Bundeskanzler das System der Krankenversicherung nicht grundsätzlich angezweifelt habe. Es gehe weder um eine Zusammenlegung beider Säulen noch um eine Abschaffung der PKV, sondern vorrangig um die ungleiche Wartezeit bei der Vergabe von Arztterminen.
Bundeskanzler Merz, der laut früheren Angaben sein gesamtes Leben privat versichert ist, hatte im Juli 2025 betont, dass Privatversicherte einen weit überproportionalen finanziellen Beitrag leisteten.
Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann hatte das Thema der ungleichen Terminvergabe zuvor im CDU-Präsidium angesprochen und ebenfalls ein verändertes Gerechtigkeitsempfinden in der Bevölkerung konstatiert, ohne dabei das duale Modell aufgeben zu wollen.
Reaktionen aus Politik und Verbänden
Die Diskussion stieß bei den Koalitionspartnern sowie der Opposition auf geteilte Reaktionen. SPD-Fraktionschef Matthias Miersch zeigte sich offen für grundlegende Systemänderungen und verwies auf das Konzept einer Bürgerversicherung.
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Auch der SPD-Gesundheitspolitiker Christos Pantazis begrüßte den Diskurs und regte einen finanziellen Ausgleich zwischen den Systemen im Rahmen der anstehenden Pflegereform an. Katharina Dröge von den Grünen bezeichnete die Kommunikation als Fehlleistung und schlug vor, die PKV in den Risikoausgleich der gesetzlichen Kassen einzubeziehen.
Widerstand formierte sich dagegen in der CSU sowie bei den Ärzte- und Branchenverbänden. CSU-Fraktionschef Klaus Holetschek warnte davor, über das Ziel hinauszuschießen. Bessere Patientensteuerung und ambulante Zugänge seien der richtige Weg, um Wartezeiten in der GKV zu verkürzen.
CSU-Gesundheitspolitiker Stephan Pilsinger wies darauf hin, dass eine Einheitsversicherung verfassungsrechtlich heikel sei und neue Belastungen schaffen würde. Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, sowie der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, warnten vor Einschnitten bei der PKV.
Zusatzerlöse aus der Privatversicherung sicherten moderne Ausstattungen in den Praxen ab, von denen alle Versicherten profitierten. Florian Reuther vom Verband der Privaten Krankenversicherung bezifferte den jährlichen Mehrbeitrag der Privatversicherten auf 15,5 Milliarden Euro.
Strukturelle Unterschiede und Wartezeiten im Vergleich
In Deutschland stehen rund 74,5 Millionen gesetzlich Versicherte etwa 9 Millionen Privatversicherten gegenüber. Laut einer Erhebung auf Basis von Berliner Termindaten warten gesetzlich Versicherte im Schnitt rund drei Wochen länger auf einen Facharzttermin als Privatpatienten.
Eine Datenanalyse aus dem Herbst 2025 mit fast 26.000 Praxen ergab, dass lediglich 43,5 Prozent Termine für Kassenpatienten digital freigeschaltet hatten; Kassenpatienten warteten dort im Mittel 49 Tage, Privatversicherte knapp 30 Tage.
Die Debatte um GKV und PKV zeigt vor allem eines: Wer gesetzlich versichert ist, muss sich selbst um seinen Termin kümmern. In einer Auswertung von fast 26.000 Praxen warteten Kassenpatienten im Mittel 49 Tage — Privatversicherte knapp 30. Dieser kostenlose Leitfaden erklärt Schritt für Schritt, wie Sie die Wartezeit verkürzen, ohne die Praxis zu wechseln: Dringlichkeit richtig einordnen, Terminservicestelle nutzen, Online-Vergabe gezielt einsetzen. Leitfaden gegen lange Wartezeiten jetzt sichern
Das Frühjahrsgutachten 2026 des Sachverständigenrats verdeutlicht zudem soziodemografische Differenzen: Demnach sind 44,4 Prozent der privat Vollversicherten Beamte. Während Arbeiter 20 Prozent der gesetzlich Versicherten stellen, liegt ihr Anteil in der PKV bei 3,3 Prozent. Das Pro-Kopf-Haushaltsnettoeinkommen liegt in der PKV rund 64 Prozent über dem Niveau der GKV.
Vor diesem Hintergrund sprachen sich laut einer Studie in BMC Health Services Research 79 Prozent der Bevölkerung für ein einheitlicheres System aus. Gesetzesinitiativen zur Primärversorgung und zur Pflegeversicherung sind für die kommenden Monate auf Regierungsebene avisiert.
