Krankenkassen-Defizit: 28 Millionen Versicherte zahlen mehr ab 2027
19.06.2026 - 01:48:49 | boerse-global.de
Schwarz-Rot will gegensteuern – und stößt auf breiten Widerstand.
Finanzloch größer als gedacht
Die wirtschaftliche Lage der gesetzlichen Krankenversicherung hat sich dramatisch verschärft. Für 2027 rechnet das Bundesgesundheitsministerium mit einer Finanzierungslücke von 18,8 Milliarden Euro. Ursprünglich ging der Kabinettsentwurf noch von 16,3 Milliarden Euro aus. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat das Sparziel deshalb nach oben korrigiert.
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Der GKV-Spitzenverband sieht die Lage noch düsterer. Nach seiner Einschätzung könnte das Defizit 2027 sogar 22,8 Milliarden Euro betragen. Grund sind die massiv gestiegenen Ausgaben. Allein im ersten Quartal 2026 legten die Kosten um acht Prozent zu. Besonders stark stiegen die Ausgaben in der Behandlungspflege (12,1 Prozent), bei Krankenhäusern (9,4 Prozent) und der ärztlichen Versorgung (7,3 Prozent).
Wo gespart werden soll
Das Sparpaket zielt auf die Vergütungsanstiege für Ärzte, Kliniken und die Pharmaindustrie. Besonders umstritten ist die Beteiligung der Arzneimittelhersteller. Deren Ausgaben sind von 27 Milliarden Euro (2012) auf 59 Milliarden Euro (2025) gestiegen. Die Industrie wehrt sich gegen weitere Abschläge – der Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) verweist auf bereits geleistete Sparbeiträge von 29 Milliarden Euro im Jahr 2025.
Konkret sind folgende Einschnitte geplant:
- Apotheken: Der Abschlag pro Medikament soll 2027 von 1,77 auf 2,07 Euro steigen. Abda-Präsident Thomas Preis nennt das gefährlich und verweist auf ausgebliebene Honoraranpassungen.
- Arzneimittel: Patienten könnten künftig bis zu 20 Euro pro Packung zuzahlen. Zudem steht eine Anhebung des Herstellerabschlags von 7 auf bis zu 15,5 Prozent im Raum. Sanofi zeigte sich unter Bedingungen offen für eine moderate Erhöhung.
- Versicherungsstruktur: Die Koalition erwägt, die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern einzuschränken und die Kostenübernahme für Homöopathie zu streichen.
Ende Juni ist eine Anhörung mit über 80 Verbänden geplant. Die finale Abstimmung im Parlament soll in der letzten Sitzungswoche vor der Sommerpause bis zum 10. Juli erfolgen.
Beitragszahler schon jetzt belastet
Bereits zum 1. Januar 2026 hatten 33 Krankenkassen ihre Zusatzbeiträge erhöht. Mindestens 28 Millionen Versicherte sind betroffen. Der durchschnittliche Zusatzbeitrag stieg auf 3,13 Prozent – und liegt damit über dem offiziellen Schätzwert von 2,9 Prozent. Ziel der Reform ist es, diesen Wert zu stabilisieren.
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Krankenkassenvertreter fordern als Alternative eine stärkere steuerliche Finanzierung, besonders für Bürgergeld-Empfänger. Oliver Blatt vom GKV-Spitzenverband plädiert für ein aufgestocktes Sparpaket, um die Beitragszahler nicht einseitig zu belasten.
Bevölkerung zeigt wenig Verständnis
Die Akzeptanz der geplanten Maßnahmen ist gering. Eine YouGov-Umfrage unter 2.154 Befragten Mitte Juni 2026 zeigt deutliche Skepsis. 61 Prozent lehnen das Ziel ab, steigende Gesundheitsausgaben primär durch Sparmaßnahmen zu bremsen. 72 Prozent empfinden die Lastenverteilung als ungerecht.
Besonders heftig fällt die Ablehnung bei höheren Zuzahlungen für Medikamente aus (72 Prozent). Auch die Einschränkung der Ehepartner-Mitversicherung lehnen 57 Prozent ab. Immerhin: Die Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze für Gutverdiener findet mit 69 Prozent breite Zustimmung. Und die Streichung der Homöopathie-Kostenerstattung befürwortet eine knappe Mehrheit von 53 Prozent.
Die Koalition steht vor der Herausforderung, den Sparzwang mit dem Wunsch nach fairer Lastenverteilung in Einklang zu bringen. Ob das gelingt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.
