Krankenfahrdienste, NRW

Krankenfahrdienste NRW: Fahrtenstopp gefährdet ältere Patienten

Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 09:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de

NRW-Fahrdienste begrenzen Transporte für gesetzlich Versicherte, während steigende Kosten und Vergütungsvorgaben die Branche belasten.

NRW-Krankenfahrdienste stoppen unrentable Kassenfahrten
Leere Zufahrt eines Krankenhauses in der Dämmerung mit architektonischen Betonsäulen. Illustration mit AI erstellt.

Der Verband der Kranken- und Behindertenfahrdienste NRW (VdBKf) hat seinen rund 160 Mitgliedsunternehmen empfohlen, nicht kostendeckende Krankenkassenfahrten einzuschränken oder ganz einzustellen. Erste Firmen haben diesen Schritt bereits vollzogen: Sie transportieren Patienten bei Krankenhausentlassungen sowie bei kurzfristigen, nicht planbaren Fahrten gesetzlich Versicherter nicht mehr.

Betroffen sind laut Verband auch Rollstuhl-, Tragestuhl- und Liegendfahrten. Beteiligt an diesem Rückzug sind Unternehmen aus dem Märkischen Kreis, Ostwestfalen-Lippe, dem Kreis Warendorf und Remscheid.

Was weiterhin gefahren wird

Der Verband betont, dass Serienfahrten zu Dialyse, Chemotherapie und Strahlentherapie aufrechterhalten werden sollen – diese Patientengruppen sind auf regelmäßige, planbare Termine angewiesen und sollen von den Einschränkungen ausgenommen bleiben. Privatpatienten sind von dem Fahrtenstopp ebenfalls nicht betroffen, da für sie höhere Tarife gelten als bei gesetzlich Versicherten.

Ausmaß des Problems

Der VdBKf vertritt Mitgliedsunternehmen, die zusammen etwa 150.000 Patiententransporte pro Monat und rund 1,8 Millionen Transporte pro Jahr durchführen. Die Vergütung pro Transport liegt je nach Vereinbarung zwischen 49 und 64 Euro. Verbandsvorsitzender Stefan van Asch beschrieb die wirtschaftliche Lage vieler Betriebe als dramatisch: Viele Unternehmen seien kurz vor der Pleite.

Als konkretes Beispiel nannte ein Unternehmer aus Ahlen, Adrian Blaschke, zusätzliche Kraftstoffkosten von 20.000 Euro seit Februar, die bislang nicht refinanziert worden seien. Auch auf kommunaler Ebene zeigen sich die Finanzierungsstreitigkeiten: Die Stadt Warendorf beziffert offene Forderungen gegenüber Krankenkassen im Streit um die Finanzierung von Rettungsdienstfahrten laut Kämmerer Torsten Fischer auf 598.000 Euro.

Kostentreiber CO2-Preis und Spritkosten

Als wesentlichen Kostentreiber nennt der Verband den CO2-Preis, der von 55 Euro auf einen Preiskorridor von 55 bis 65 Euro pro Tonne gestiegen ist – umgerechnet rund 3 Cent pro Liter Benzin und Diesel. Der Verband verweist darauf, dass E10 im bundesweiten Durchschnitt fast 2,30 Euro pro Liter kostet, Diesel vielerorts sogar über 2,00 Euro pro Liter.

Anzeige

Immer mehr Fahrdienste in NRW stellen Krankenhausentlassungen und kurzfristige Fahrten für gesetzlich Versicherte ein — betroffen sind auch Rollstuhl- und Liegendfahrten. Wer jetzt wissen will, welche Ansprüche trotzdem bleiben und wie man sie durchsetzt, findet im kostenlosen Leitfaden die wichtigsten Schritte. Kostenlosen Leitfaden jetzt anfordern

Gesetzliche Deckelung als zusätzliche Belastung

Verschärft wird die Lage durch das Beitragssatzstabilisierungsgesetz, das die Grundlohnrate für 2027 auf maximal 4,42 Prozent festlegt, nach § 71 Abs. 3 Satz 4 SGB V jedoch auf 3,42 Prozent verringert wird.

Der VdKBf NRW hält diese Deckelung für existenzbedrohend, da der Personalkostenanteil in der Branche zwischen 50 und 70 Prozent liegt. Die Mindestlohnerhöhungen von 8,42 Prozent im Jahr 2026 und 5,04 Prozent im Jahr 2027 übersteigen demnach die gesetzlich erlaubte Vergütungssteigerung deutlich.

Rechtsanwalt Dr. Tim Unger sieht in der Regelung eine Verletzung von Berufsfreiheit und Tarifautonomie und bemängelt, dass eine kostendeckende Vergütung nicht sichergestellt sei. Er empfiehlt, die restriktive Auslegung der Regelung anzufechten und die betriebswirtschaftlichen Kalkulationen grundlegend zu klären.

Christian Linz vom LVBTM kritisiert zudem Sondervereinbarungen zwischen einzelnen Anbietern und Krankenkassen, die unterhalb des Taxitarifs lägen und damit den Preisdruck in der Branche zusätzlich verschärften.

Folgen für den Rettungsdienst

Die Einschränkungen bei den Krankenfahrdiensten wirken sich nach Einschätzung von Dr. med. Markus Koyro von der MIGA auch auf den Rettungsdienst aus. Dieser sei bereits überlastet, weil Notarzteinsatzfahrzeuge und Rettungswagen häufig für nicht-notfallmäßige Transporte wie Entlassungen, Verlegungen und Dialysefahrten eingesetzt würden.

Anzeige

Wenn der Rettungswagen für eine geplante Entlassung oder Verlegung gerufen werden muss, fehlt er im Notfall — Fachleute warnen vor genau dieser Verschiebung. Angehörige brauchen deshalb einen klaren Plan, bevor die nächste Klinik-Entlassung ansteht. Der kostenlose Leitfaden zeigt, wie Sie vorsorgen und Widerspruch einlegen. Notfallplan für Angehörige jetzt sichern

Fallen reguläre Krankenfahrdienste weiter aus, dürfte sich dieser Druck auf den Rettungsdienst nach Einschätzung von Fachleuten weiter verstärken – mit Folgen für die Versorgung insbesondere älterer und mobilitätseingeschränkter Patienten in Nordrhein-Westfalen.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 70164329 |