Kopfschmerz, Fehldiagnosen

Kopfschmerz bei Kindern: Fast 19% sind Fehldiagnosen statt Migräne

Veröffentlicht am: 02.09.2026 um 12:03 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Studien und Kassendaten zeigen Fehldiagnosen bei Kindern, steigende ADHS-Fälle sowie häufige psychische Begleiterkrankungen bei Erwachsenen.

Neurologie und ADHS: Studien zeigen diagnostische Versorgungslücken
Ein modernes, unbesetztes Untersuchungszimmer in einer neurologischen Fachpraxis mit medizinischen Geräten. Illustration mit AI erstellt.

Die neurologische und psychiatrische Diagnostik bei Kindern und Erwachsenen steht vor neuen Herausforderungen und Erkenntnissen. Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen und Krankenkassendaten verdeutlichen, dass insbesondere die Abgrenzung zwischen Migräne, Epilepsie und ADHS sowie deren Begleiterkrankungen eine präzise klinische Einordnung erfordert.

Fehldiagnosen in der pädiatrischen Neurologie

Eine im Jahr 2026 in der Fachzeitschrift Neurology Clinical Practice veröffentlichte Studie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) liefert neue Daten zur Differenzialdiagnostik bei kindlichen Kopfschmerzen.

Die Untersuchung von 186 Kindern im Alter zwischen 3 und 14 Jahren, bei denen zunächst der Verdacht auf Migräne vorlag, ergab ein signifikantes Maß an Fehldiagnosen. Den Ergebnissen zufolge lag bei 18,8 % der Probanden tatsächlich eine gutartige form der Epilepsie (SeLEAS) zugrunde.

In 6,5 % der untersuchten Fälle – konkret bei 12 Kindern – konnte diese Form der Epilepsie eindeutig als Ursache für die Beschwerden identifiziert werden. Insgesamt erhielten 35 der 186 Kinder im Rahmen der Studie die Diagnose SeLEAS.

Die Bedeutung einer korrekten diagnostischen Abgrenzung zeigt sich in den Behandlungserfolgen: So ermöglichte die richtige Diagnose bei einem Patienten, der bereits seit 2017 unter täglichen Kopfschmerzen litt, eine gezielte Therapie mit dem Wirkstoff Lamotrigin. Der Patient gilt heute als symptomfrei.

Wachsende Fallzahlen und psychische Begleiterkrankungen bei ADHS

Parallel zur neurologischen Diagnostik verzeichnen gesetzliche Krankenversicherungen eine steigende Tendenz bei ADHS-Diagnosen. Daten der DAK für das Jahr 2024 belegen einen Anstieg der Neudiagnosen bei Kindern und Jugendlichen um 18 % gegenüber dem Vorjahr.

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Hochgerechnet ergaben sich allein für Rheinland-Pfalz rund 11.700 neue Fälle. Dabei zeigt sich eine geschlechtsspezifische Dynamik: Während die Diagnosen bei Jungen um 11 % (7.600 Fälle) stiegen, verzeichneten Mädchen ein Plus von 33 % (4.000 Fälle).

Insgesamt befanden sich in dieser Region 37.400 Minderjährige in entsprechender Versorgung, was einem Anteil von 6,4 % der 3- bis 17-Jährigen entspricht.

Die Komplexität des Störungsbildes setzt sich im Erwachsenenalter fort. Eine Metaanalyse in Psychiatry Research, die elf Studien mit insgesamt 2.120 Teilnehmern auswertete, zeigt eine hohe Rate an Komorbiditäten auf.

Demnach weisen 57 % der Erwachsenen mit ADHS in spezialisierten Kliniken mindestens eine Persönlichkeitsstörung auf. Als häufigste Begleiterscheinungen wurden passiv-aggressive Störungen (25,3 %), vermeidende Persönlichkeitsstörungen (23,1 %) und Borderline-Störungen (21,9 %) identifiziert.

Herausforderungen in der stationären Versorgung und Gesetzgebung

Die Versorgungslage bei schweren Kopfschmerzformen bleibt angespannt. Laut Auswertungen der AOK NordWest stiegen die Klinikaufnahmen wegen Migräne oder starker Kopfschmerzen in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2024 auf 16.169 Fälle. Dies entspricht einer Steigerung von 8,2 % im Vergleich zum Vorjahr (14.944 Fälle).

Frauen stellten mit 11.018 Aufnahmen den weitaus größten Anteil (über 68 %) dar. In diesem Kontext warnen Gesundheitsexperten vor einem Medikamenten-Übergebrauchs-Kopfschmerz, der eintreten könne, wenn Schmerzmittel an mehr als zehn Tagen pro Monat eingenommen werden.

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Zusätzliche Kritik kommt von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) bezüglich des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes, das Ende Juli 2026 in Kraft trat. Die Regelung sieht vor, dass CGRP-Antikörper und Gepante als Gruppe mit einer wirtschaftlich günstigsten Leitsubstanz behandelt werden.

Die DMKG gibt zu bedenken, dass in Deutschland 14,8 % der Frauen und 6 % der Männer von Migräne betroffen sind. Da die sogenannten Real-World-Responderraten bei den betroffenen Patientengruppen zwischen 56 % und 77 % schwanken, wird die pauschale Einordnung kritisch beurteilt.

Technologische Perspektiven in der Neuromodulation

Für die zukünftige Behandlung von ADHS rücken personalisierte medizinische Ansätze in den Fokus. Auf dem ADHD Forum im Oktober 2026 wird die transkranielle Hirnstimulation als ergänzende Therapieoption thematisiert. Dr. Stanis?aw Szlufik wird dabei über Verfahren wie die Gleichstromstimulation (tDCS) und die transkranielle Magnetstimulation (TMS) referieren.

Diese Technologien zielen darauf ab, neuronale Netzwerke zu modulieren, die für Aufmerksamkeit, Inhibition und Emotionsregulation verantwortlich sind. Trotz dieser technologischen Fortschritte bleibt die unmittelbare therapeutische Versorgung schwierig; Fallberichte verdeutlichen teils erhebliche Wartezeiten auf Therapieplätze in spezialisierten Praxen.

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