Konzentration, Gehirn

Konzentration: Gehirn braucht 23 Minuten nach jeder Unterbrechung

19.06.2026 - 09:51:47 | boerse-global.de

Studien zeigen: Nach Störungen braucht das Gehirn 23 Minuten zur Rückkehr. Experten setzen auf Kalender-Design und Achtsamkeit.

Arbeitswelt: Wie Unterbrechungen die Produktivität zerstören
Konzentration - Eine Person sitzt konzentriert vor einem Laptop in einem Büro, symbolisiert Fokus und Tiefenarbeit. 19.06.2026 - Bild: über boerse-global.de

Fokusphasen von mehr als 15 Minuten sind selten – mit gravierenden Folgen für komplexe Aufgaben.

Forscher der University of California, Irvine, haben es gemessen: Nach jeder Unterbrechung braucht das Gehirn durchschnittlich 23 Minuten, um zur ursprünglichen Aufgabe zurückzukehren. In der Praxis bleiben Wissensarbeiter im Schnitt nur 47 Sekunden auf einem Bildschirm, bevor sie wechseln.

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Das Problem: Komplexe Problemstellungen in der Softwareentwicklung oder Forschung benötigen zusammenhängende Zeitblöcke von ein bis zwei Stunden. Experte Magnus Hedemark wies Mitte Juni darauf hin: Eine ununterbrochene Aufmerksamkeitsspanne von mindestens 15 bis 20 Minuten ist nötig, um überhaupt in eine produktive Phase zu kommen. Ein Arbeitstag aus lauter 60-Minuten-Fragmenten lässt faktisch keine Tiefarbeit zu.

Der Kalender als Produktivitäts-Werkzeug

Die Lösung liegt nicht in mehr Willenskraft, sondern in der bewussten Kalender-Gestaltung. Immer mehr Fachleute nutzen ihren Terminplaner als Design-Dokument für die eigene Produktivität: Feste Blöcke für konzentriertes Arbeiten, die gegen Meetings und andere Unterbrechungen verteidigt werden.

Flankiert wird dieser Ansatz durch pädagogische Programme. Im Juni 2026 startete etwa das Programm „MeTAzeit“ an mehreren Leipziger Schulen. Es fördert Konzentration und Stressreduktion durch Achtsamkeit, Meditation und Bewegung. Vera Kaltwasser beschreibt in ihrem ebenfalls im Juni besprochenen Fachbuch wissenschaftlich fundierte Übungen zur Emotions- und Impulsregulation für den Alltag.

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Arbeitszeit: Flexiblere Regeln in Sicht?

Parallel zur individuellen Organisation steht die gesetzliche Arbeitszeit zur Debatte. Ein Referentenentwurf des Bundesarbeitsministeriums vom 18. Juni 2026 sieht vor, den Achtstundentag für tarifgebundene Unternehmen zu lockern. Statt einer täglichen Höchstarbeitszeit soll künftig eine wöchentliche Begrenzung vereinbart werden können.

Andrea Hammermann, Ökonomin am Institut der deutschen Wirtschaft (IW), befürwortete den Schritt. Die deutsche Regelung sei restriktiver als die EU-Richtlinie. Eine Umstellung auf Wochenarbeitszeit könne die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern und effizientere Modelle wie die Vier-Tage-Woche unterstützen. Eine IW-Studie ergab zudem: Längere Tagesarbeitszeiten stellen für Bürobeschäftigte keine unmittelbaren Gesundheitsrisiken dar.

Kritik kommt von Wirtschaftsverbänden: Die geplante Kopplung der Flexibilität an eine Tarifbindung sei zu kurz gesprungen, so Die Familienunternehmer.

Social Media killt das Gedächtnis

Nicht nur der Job raubt Konzentration – auch der private Medienkonsum. Eine im Juni veröffentlichte Studie der Camilo-José-Cela-Universität Madrid und der Universität Bergen mit 943 Erwachsenen zeigt: Problematische Social-Media-Nutzung korreliert direkt mit Gedächtnislücken im Alltag. Personen mit mehr als fünf Stunden täglicher Nutzung wiesen signifikant häufiger kognitive Probleme auf als jene mit weniger als einer Stunde.

Hitze kostet Milliarden

Auch das Klima spielt eine wachsende Rolle. Allianz Trade prognostiziert Hitzeschäden für die deutsche Wirtschaft von 112 Milliarden Euro bis 2030. Ab 30 Grad sinkt die Produktivität pro Grad um drei Prozent. Die Zahl der Krankschreibungen steigt bei Hitzewellen um etwa sechs Prozent.

Die „Stille Stunde“ als Gegenentwurf

Der Handel reagiert bereits. Das Unternehmen Billa weitet ab dem 24. Juni die sogenannte „Stille Stunde“ auf 73 weitere Standorte in Österreich aus. Jeweils mittwochs zwischen 14 und 15 Uhr bleibt das Licht gedimmt, die Musik aus und die Kassen laufen langsamer. Die Atmosphäre kommt besonders neurodivergenten Menschen mit ADHS oder Autismus entgegen – und bietet allen anderen eine seltene Oase der Ruhe.

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