Knieschmerzen, Hüfte

Knieschmerzen ab 50: Hüfte statt Arthrose kann die Ursache sein

Veröffentlicht am: 07.11.2026 um 14:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Kniebeschwerden können verschiedene Ursachen haben; Bewegung und Gewichtsmanagement bilden die Basis der Behandlung.
Ein minimalistischer, heller Behandlungsraum in einer orthopädischen Praxis mit einer leeren Untersuchungsliege. Illustration mit AI erstellt.

Wenn bei Personen ab 50 Jahren Beschwerden im Knie auftreten, werden diese im medizinischen Alltag gewöhnlich einer Arthrose zugeschrieben. Doch der Befund ist nicht immer die Hauptursache für die Beschwerden.

Zwar gilt die Osteoarthritis nach Angaben der Mayo Clinic als der häufigste Knorpelverschleiß des Kniegelenks, doch der Schmerz kann seinen Ursprung auch in völlig anderen anatomischen Strukturen haben.

Fachleute wie der Orthopäde Dr. Richard Wilk weisen darauf hin, dass Knieschmerzen auch übertragen sein können: So strahlen Veränderungen wie eine Hüftarthrose oder ein Hüftimpingement mitunter direkt in das Kniegelenk aus.

Das gesamte Gelenk im Blick: Schmerzquellen jenseits des Knorpels

Die reine Betrachtung des Gelenkknorpels greift bei der Diagnose oft zu kurz, da das Knorpelgewebe selbst über keine Nervenenden verfügt. Die Schmerzentstehung bei einer Arthrose ist vielmehr ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Sie resultiert unter anderem aus Veränderungen des Knochens unterhalb des Knorpels, einer Entzündung der Gelenkinnenhaut (Membrana synovialis) sowie der funktionellen Beteiligung von Bändern, der Gelenkkapsel und der Muskulatur.

Zudem reagiert das Nervensystem bei manchen Patienten empfindlicher auf Reize. Dies erklärt, warum Personen mit vergleichbaren Röntgenbefunden im Alltag extrem unterschiedliche Einschränkungen und Schmerzstärken erleben können. Auch der US-Rheumatologe Jean Liew von der Boston University hebt hervor, dass eine Kniearthrose stets das gesamte Gelenk betrifft.

Entsprechend sollte die Diagnosestellung primär über die Anamnese und die körperliche Untersuchung erfolgen; Röntgen- oder MRT-Aufnahmen seien nicht zwingend bei allen Betroffenen erforderlich, da Bildgebung und Schmerzintensität häufig nicht übereinstimmen.

Hohe weltweite Verbreitung und schleichender Verlauf

Die Erkrankung ist ein globales Gesundheitsproblem. Nach Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind mehr als 500 Millionen Menschen weltweit von Arthrose betroffen, wobei die Kniearthrose rund 60 % aller Fälle ausmacht.

Euronews beziffert die Zahl der betroffenen Erwachsenen weltweit auf rund 528 Millionen und beschreibt die Kniearthrose als häufigste Form der Arthritis. Nach Angaben von merkur.de leiden in Deutschland rund zwei Millionen Menschen an täglichen Schmerzen durch Arthrose.

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In Spanien liegt die Prävalenz der Kniearthrose laut Daten der Studie EPISER 2016 bei 13,9 % der Bevölkerung über 40 Jahre, wobei Frauen häufiger betroffen sind; bei über 70-Jährigen betrifft dies fast 1 von 3 Personen.

Der Traumatologe Óscar Ares betont, dass anhaltender Knieschmerz keinesfalls als normale Alterserscheinung hingenommen werden darf. Betroffene sollten auf einen schleichenden Verlust der Beweglichkeit achten und eine frühzeitige, individualisierte Abklärung anstreben.

Die Gonarthrose entwickelt sich in der Regel über längere Zeit und wird nach Kellgren und Lawrence in vier Stadien eingeteilt – von Grad 1 (geringfügig) bis zu Grad 4, der durch einen vollständigen Knorpelschwund gekennzeichnet ist. Ein zentrales Problem ist die Schonhaltung: Sie führt zu einem Teufelskreis aus Inaktivität, Muskelabbau und einem daraus resultierenden noch höheren Druck auf den Knorpel.

Konservative Therapie und Lebensstil als Behandlungsbasis

Da kein Medikament die Kniearthrose heilen kann, bilden Bewegung und ein gezieltes Gewichtsmanagement das Fundament jeder Therapie. Rheumatologe Jean Liew rät zu Kraft-, Ausdauer-, Beweglichkeits- und Gleichgewichtstraining sowie zur Gewichtsreduktion bei Übergewicht und Adipositas.

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Allgemein werden 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche empfohlen, die Betroffene schrittweise aufbauen sollten. Gelenkschonende Sportarten wie Radfahren, Schwimmen, Nordic Walking oder Aquagymnastik – welche das Gelenk um bis zu 80 bis 90 % entlasten kann – sind besonders geeignet, während Sportarten wie Squash, Tennis, Fußball, Basketball oder Joggen auf Asphalt vermieden werden sollten.

Reicht die Bewegungstherapie zur Schmerzkontrolle nicht aus, erfolgt eine medikamentöse Stufentherapie. Zum Einsatz kommen nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Naproxen.

Bestehen Begleiterkrankungen des Magens, des Herzens oder der Nieren, bieten sich topische NSAR wie Diclofenac sowie Lidocain oder Capsaicin an. Bei fortbestehenden Beschwerden können intraartikuläre Injektionen mit Kortikosteroiden oder Wirkstoffe wie Duloxetin in Betracht gezogen werden.

Demgegenüber steht die Evidenz für andere Behandlungsansätze in der Kritik: Für Verfahren und Ergänzungsmittel wie Hyaluronsäure, Glucosamin und Chondroitin, Vitamin D, Fischöl sowie Eigenbluttherapien (PRP) oder Stammzellen besteht laut aktuellen Übersichtsdarstellungen keine ausreichende Evidenz, weshalb sie von Fachleuten nicht routinemäßig empfohlen werden; die Studienlage zu Glucosamin und Chondroitin gilt als widersprüchlich.

Auch von einer Meniskus-Teilresektion, die allein aufgrund eines im MRT sichtbaren Risses bei bestehender Arthrose durchgeführt wird, raten Experten ab, da sie keinen Vorteil gegenüber physiotherapeutischen Maßnahmen bietet. Für Patienten mit therapierefraktären Schmerzen ohne Operationswunsch kann die Radiofrequenzablation eine Alternative darstellen.

Indikationen für den operativen Gelenkersatz

Spricht das Kniegelenk nicht mehr auf konservative Ansätze an, bleibt die Knieendoprothese (Knie-TEP) eine etablierte Option. Prof. Johannes Beckmann von den Barmherzigen Brüdern München nennt konkrete Warnzeichen, bei denen ein Gelenkersatz erwogen werden sollte: das Versagen aller konservativen Maßnahmen, anhaltende Ruhe- und Nachtschmerzen, eine deutliche Verkürzung der Gehstrecke sowie ein starker, im Röntgen oder CT nachgewiesener Knorpelverschleiß.

Vor einem solchen Schritt müssen jedoch die nicht-operativen Optionen wie Physiotherapie, gezielter Muskelaufbau, medikamentöse Therapien, Orthesen und gegebenenfalls Injektionsbehandlungen ausgeschöpft sein.

PD Dr. Johannes Schauwecker von der Dr. Lubos Klinik Bogenhausen unterstreicht, dass eine Operation nur bei strikter Notwendigkeit erfolgen sollte. Fällt die Entscheidung für einen Eingriff, sind eine frühe Mobilisation, strukturierte Physiotherapie und eine anschließende Rehabilitation entscheidend für den Behandlungserfolg.

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