Kniearthrose in Lübeck: 10.800 Menschen betroffen, Bewegung bleibt erste Wahl
Veröffentlicht am: 12.10.2026 um 14:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Chronische Kniegelenkschäden gehören zu den häufigsten orthopädischen Beschwerden, die den Alltag der Betroffenen maßgeblich beeinträchtigen. Aktuelle Berichte zeigen, wie der technologische Wandel die Behandlungsmöglichkeiten verändert: Neben dem zunehmenden Einsatz roboterassistierter Operationsverfahren rücken differenzierte konservative Ansätze sowie moderne Unterstützungssysteme in den Fokus, um Mobilität und Lebensqualität zu sichern.
Präzision im Operationssaal durch Roboterassistenz
Moderne chirurgische Eingriffe setzen vermehrt auf robotergestützte Systeme. Wie Dr. L. Andre Pontoh vom Krankenhaus RS Pondok Indah erläuterte, ermöglicht ein roboterassistierter vollständiger Kniegelenkersatz ein präzises dreidimensionales Mapping der individuellen Anatomie. Dabei behalte die operierende Person stets die volle Kontrolle über den Vorgang.
Das Verfahren sorge für eine exakte Platzierung des Implantats bei minimalem Knochenverlust. Ein anschließendes Geh-Training sei in der Regel bereits rund 24 Stunden nach dem Eingriff möglich, wenngleich dies individuell angepasst werde.
Ein vollständiger Gelenkersatz wird medizinisch vor allem bei fortgeschrittenem Verschleiß nach Kellgren-Lawrence Grad 4 angeraten. Pontoh wies darauf hin, dass es sich bei Arthrose im Gegensatz zu Osteoporose um einen reinen Knorpelschaden handele.
Das Risiko für die Erkrankung steige ab dem 50. Lebensjahr und treffe Frauen infolge hormoneller Veränderungen nach der Menopause häufiger. Weitere Risikofaktoren seien Übergewicht, Fehlstellungen wie X- oder O-Beine sowie frühere Verletzungen. Typische Symptome reichen von Schmerzen beim Gehen, Stehen oder Treppensteigen bis hin zu Schwellungen, Gelenkgeräuschen und Steifheit.
Wachsender Markt für Teilgelenkersatz
Die zunehmende Verbreitung technischer Hilfen spiegelt sich auch in Marktdaten wider. Ein Bericht des Analysehauses IndexBox vom 11. Oktober 2026 prognostiziert für den Weltmarkt des bikompartimentellen Teilgelenkersatzes im Zeitraum von 2026 bis 2035 eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 4,2 Prozent. Der Marktindex soll bis 2035 auf 148 steigen, ausgehend von einem Basiswert von 100 im Jahr 2025.
Als wesentliche Treiber gelten eine alternde Bevölkerung, steigende Adipositasraten und der Wunsch, einen Totalersatz hinauszuzögern, flankiert von roboterassistierten Plattformen. Zu den führenden Anbietern zählen Unternehmen wie Zimmer Biomet, Stryker, Smith & Nephew, DePuy Synthes und B. Braun Melsungen.
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Stationäre und teilstationäre Einrichtungen in Krankenhäusern machen dem Bericht zufolge geschätzte 55 Prozent des Marktes aus, während ambulante Operationszentren mit rund 20 Prozent das am schnellsten wachsende Segment darstellen. Hemmnisse bilden hohe Investitionskosten für Robotersysteme sowie regulatorische Hürden wie Zulassungsprüfungen und die europäische Medizinprodukteverordnung.
Konservative Maßnahmen und technische Unterstützung
Trotz operativer Fortschritte bleibt die konservative Therapie die erste Wahl. Einer Auswertung der AOK NordWest für das Jahr 2025 zufolge lebten allein in Lübeck rund 16.600 Menschen mit Arthrose in Hüfte oder Knie, darunter 10.800 Betroffene mit Kniegelenksarthrose, was 6 Prozent der dortigen Bevölkerung entsprach.
Die Krankenkasse betonte, dass Arthrose zwar nicht heilbar sei, Beschwerden sich jedoch durch Bewegung, gezielten Muskelaufbau sowie Physiotherapie lindern ließen, bevor eine Operation erwogen werden sollte.
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Auch im Rahmen eines Informationsvortrags am Evangelischen Kreiskrankenhaus Rotenburg betonten Dr. med. Markus Mende und Dr. Melanie Buchmann-Gassen, dass Bewegung und eine gut trainierte Muskulatur das Gelenk stabilisieren können. Operative Schritte sollten erst bei nicht beherrschbaren Schmerzen und massiven Bewegungseinschränkungen in Abhängigkeit von der individuellen Lebenssituation erfolgen.
Einen rein muskelbasierten Behandlungsansatz verfolgt Wolfgang Packi von der Packi Klinik: Seiner Ansicht nach verursachen Fehlfunktionen im Bereich von Fuß, Becken und Wirbelsäule den Knieschmerz, weshalb gezielte Muskeldehnungen im Rahmen einer einwöchigen Behandlung ansetzen sollen.
Für den Alltag ergänzen neue Entwicklungen das Therapiespektrum. Am MIRMI-Institut der TU München stellte Lorenzo Masia einen leichten Exosuit vor, dessen Krafteinsatz mittels künstlicher Intelligenz an Bewegungsabläufe beim Aufstehen oder Treppensteigen angepasst wird.
Bei sportlichen Aktivitäten wie dem Bergwandern können zudem Kniebandagen die Muskulatur bei langen Abstiegen entlasten. Kinesiotapes bieten laut Studienlage zwar eine leichte Unterstützung der Körperwahrnehmung und Schmerzlinderung für eine Tragedauer von drei bis fünf Tagen, ersetzen jedoch keinen Muskelaufbau oder ärztliche Diagnostik.
Bei Nahrungsergänzungsmitteln wie Glucosamin und Chondroitin zeigen wissenschaftliche Erhebungen uneinheitliche Ergebnisse: Während einzelne Untersuchungen Schmerzlinderungen oder einen verlangsamten Knorpelverlust nahelegen, wiesen größere Studien wie die GAIT-Untersuchung mit 1583 Teilnehmenden keinen eindeutigen Nutzen gegenüber Vergleichsgruppen nach.
