Kläranlagen, Filterleistung

Kläranlagen: EU verlangt bis Mitte 2027 mindestens 80 Prozent Filterleistung

Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 17:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Neue Filtertechniken und Ausbauprojekte sollen Spurenstoffe aus Abwasser entfernen; die Heidelberger Anlage soll 2027 in Betrieb gehen.

Kläranlagen rüsten gegen PFAS und Arzneimittelrückstände auf
Moderne industrielle Kläranlage mit großen runden Sedimentationsbecken und komplexen Rohrleitungssystemen bei Dämmerung. Illustration mit AI erstellt.

Arzneimittelrückstände, Industriechemikalien und PFAS gelangen trotz konventioneller Kläranlagen in Flüsse und letztlich ins Trinkwasser. Um diese sogenannten Spurenstoffe wirksamer zu entfernen, investieren Wasserverbände, Forschungseinrichtungen und Unternehmen derzeit in technische Nachrüstungen ihrer Anlagen.

Der Ruhrverband etwa berichtet laut einem Bericht von radiosauerland.de vom 30. September 2026, dass provisorische vierte Reinigungsstufen bereits eine sehr gute Wirkung zeigten – langfristig sei es jedoch sinnvoller, Spurenstoffe von vornherein zu vermeiden und die Herstellerverantwortung nachzuschärfen.

Neue Filterverfahren aus der Forschung

Das Fraunhofer-Institut UMSICHT hat mit ARKON ein werkstoffbasiertes Trennverfahren entwickelt, das Mikroschadstoffe wie Arzneimittelrückstände, Industriechemikalien und PFAS aus biologisch vorgeklärtem Abwasser entfernen soll – als Alternative zu etablierten Verfahren wie Ozonierung oder Aktivkohle, wie analytik.de am 29. September 2026 berichtete.

Das Verfahren arbeitet laut Fraunhofer UMSICHT dreistufig: Adsorption, Regeneration und Konzentration. Das eingesetzte Harz wird im Kreislauf geführt, die dabei anfallende Prozesswärme zurückgewonnen.

Erprobt wird die Technik bereits im größeren Maßstab auf der Kläranlage Wolfsburg, wo eine Teilstromanlage im Dauerbetrieb zwischen 25 und 50 Kubikmeter pro Stunde verarbeitet. Grundlage für solche Nachrüstungen ist die EU-Kommunalabwasserrichtlinie (KARL), die für größere kommunale Kläranlagen die Einführung einer vierten Reinigungsstufe vorschreibt.

Großprojekt in Heidelberg

Ein konkretes Beispiel für die Umsetzung liefert der Abwasserzweckverband Heidelberg. Das dortige Klärwerk wird seit 2024 um eine vierte Reinigungsstufe zur Phosphor- und Spurenstoffelimination erweitert, wie publicnow.com und bauforum24.biz Ende September 2026 berichteten.

Die Anlage ist für 360.000 Einwohner beziehungsweise Einwohnergleichwerte ausgelegt und behandelt Abwasser aus Heidelberg, Eppelheim, Neckargemünd und Dossenheim; mehr als 99 Prozent der Heidelberger Bevölkerung sind angeschlossen.

Die SCHACHTBAU NORDHAUSEN GmbH übernimmt dabei Rohrleitungsbau, Maschinentechnik und GAK-Filtration, inklusive Edelstahlrohren von DN 50 bis DN 1200, 18 Filterzellen, Gebläsen für die Luftrückspülung sowie zugehöriger Pump- und Dosiertechnik. Das Investitionsvolumen liegt laut Verband bei über 50 Millionen Euro, unterstützt durch einen Landeszuschuss.

Die Prozesskette umfasst Ozonierung, Fällung und Aktivkohlefiltration; das Abwasser wird dafür um rund 10 Meter gehoben. Die Inbetriebnahme ist für Herbst 2027 geplant, dann sollen laut Projektleiter Dominik Koch bis zu 6.600 Kubikmeter Abwasser pro Stunde behandelt werden.

Alternative aus Österreich: Nanocarbon

Als Alternative zur klassischen vierten Reinigungsstufe präsentierte die VTA Austria GmbH in Linz ihr Nanocarbon-Verfahren, für das Firmengründer Ulrich Kubinger eine Garantie übernimmt, wie oe24.at und meinbezirk.at Ende September 2026 berichteten.

Nach Angaben des Unternehmens eliminiert Nanocarbon Mikroplastik zu 95 Prozent und PFAS zu 85 Prozent; in ersten Praxismessungen seien sogar bis zu 99,9 Prozent Mikroplastik und über 99 Prozent PFAS zurückgehalten worden, die mittlere Spurenstoff-Elimination habe bei 93 Prozent gelegen, der Energiebedarf für die Belüftung sei bis zu 30 Prozent geringer gewesen.

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Das Verfahren ist laut VTA bereits in rund 100 von etwa 2.000 österreichischen Kläranlagen im Einsatz, ein weltweites Patent ist angemeldet. Für eine Kläranlage mit 100.000 Einwohnern beziffert das Unternehmen die Investitionskosten auf 350.000 bis 500.000 Euro – gegenüber 6 bis 9,5 Millionen Euro für eine klassische vierte Reinigungsstufe.

Kubinger forderte zudem echte Grenzwerte für Mikroplastik und PFAS und kündigte ein Pilotprojekt in Oberösterreich für Brauchwasser an. Die EU-Kommunalabwasserrichtlinie verlangt, dass Gemeinden bis Mitte 2027 mindestens 80 Prozent der Mikroschadstoffe entfernen.

Warum die Nachrüstung dringlich ist

Das Hessische Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie (HLNUG) verweist darauf, dass bei Niedrigwasser Stoffeinträge aus kommunalen und industriellen Kläranlagen zu höheren Konzentrationen führen können, da der Abwasseranteil im Fluss dann relativ größer ist, wie Holger Martin vom HLNUG Wiesbaden erläuterte.

Schwer abbaubare Stoffe wie Arzneimittelrückstände, Industriechemikalien und Süßstoffe gelangten trotz Kläranlagen in Gewässer; Stoffgemische könnten Summenwirkungen auslösen, mit Folgen für körperliche Abläufe, Verhalten und Immunsystem.

Eine vierte Reinigungsstufe mit Ozonung und/oder Aktivkohlefiltration könne solche Spurenstoffeinträge reduzieren. Sebastian Exner vom Landesverband Energie- und Wasserwirtschaft Hessen/Rheinland-Pfalz nannte insbesondere Nitrat und PFAS als problematisch, da Wasserressourcen dadurch schwerer für die Trinkwasserversorgung nutzbar werden könnten.

Verschärft wird die Lage laut HLNUG durch extreme Trockenheit, die zu Niedrigwasser führt; im Sommer kommen höhere Wassertemperaturen und schwankende Sauerstoffwerte hinzu, mit morgens niedrigem Sauerstoffgehalt und eingeschränkter Selbstreinigungskraft der Gewässer.

Die Problematik zeigt sich auch jenseits Deutschlands: Ein UNESCO/HELCOM-Bericht von Teams aus Schweden, Finnland, Litauen und Lettland wies in der Ostsee Paracetamol, Ibuprofen und Carbamazepin nach. Demnach gelangen jährlich rund 1.800 Tonnen pharmazeutische Verbindungen aus Kläranlagen in die Ostsee, wobei die meisten nicht vollständig entfernt werden.

Synthetische Östrogene und Diclofenac veränderten dabei Schlüsselarten; Carbamazepin bleibe zudem jahrelang bestehen. Als Lösungsansätze nennt der Bericht den gesamten Lebenszyklus der Medikamente, eine bessere Verschreibungspraxis sowie die Rückgabe ungenutzter Medikamente.

Lokale Risiken und weitere Verfahren

Auch auf lokaler Ebene zeigen sich Herausforderungen: Beim Zweckverband Gruppenwasserwerk Dieburg (ZVG) staut ein Biberdamm seit 2025 die Lache bei Babenhausen, in unmittelbarer Nähe liegen fünf Trinkwasserbrunnen. Der ZVG fördert aus 21 Tiefbrunnen täglich 18.000 Liter Wasser für rund 130.000 Menschen.

Zwischenzeitlich wurde PFAS in der Lache nachgewiesen. Laura Orschler vom ZVG erklärte, im Grundwasser sei aktuell kein PFAS nachgewiesen, gelange es jedoch dorthin, sei es zu spät. Die Dämme sollen – sofern die Naturschutzbehörde zustimmt – um 50 Zentimeter abgetragen werden.

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Weitere Ausbauprojekte laufen parallel: Die Stadtwerke Schramberg erweitern ihre Kläranlage auf bestehendem Gelände um Rechenanlage, Maschinentechnik und Vorklärung im Rahmen einer EU-weiten Ausschreibung, mit Angebotsfrist am 18. November 2026 und geplantem Vertragsbeginn am 11. Januar 2027. Auf einer Tagung im September in Teistungen (Thüringen) mit rund 60 Teilnehmern standen zudem die EU-Wasserrahmenrichtlinie, die Kommunalabwasserrichtlinie sowie die ab 2029 greifende Phosphorrecyclingpflicht für Klärschlämme im Fokus.

Boris Schulz von der EEW Energy from Waste GmbH rechnet für 2029 mit ausreichenden Monoverbrennungskapazitäten, wenngleich regionale Unterschiede möglich seien; eine Phosphorrückgewinnung aus Asche werde voraussichtlich erst ab 2032 möglich, die Übergangszeit erfordere Langzeitlagerung. Die Zusatzkosten des Phosphorrecyclings bezifferte er auf 40 bis 50 Euro pro Tonne Klärschlamm-Originalsubstanz.

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