Kindertherapie, Diagnostik

Kindertherapie in Österreich: 1.700 warten auf Diagnostik, bis zu zwei Jahre

Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 15:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de

In Österreich fehlen Therapieplätze und Diagnostikangebote für Kinder; in Linz entsteht ein Zentrum für Entwicklungsmedizin, dessen Eröffnung für 2028 geplant ist.

Kinder- und Jugendversorgung unter Druck: Österreich plant neues Zentrum
Ein leerer, minimalistischer Wartebereich in einer Kinderklinik mit einer Holzbank und sanftem Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

Die gesundheitliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen steht in Österreich und Teilen Deutschlands unter erheblichem Druck. Mit der Initiative #besserbehandelt.at wurde die Petition „Kinder stärken.

Zukunft gewinnen.“ gestartet, die auf tiefgreifende Mängel in der medizinischen und therapeutischen Betreuung aufmerksam macht. Experten warnen davor, dass gegenwärtig Kinder im System übersehen werden könnten, und fordern einen umfassenden Aktionsplan sowie eine Neugestaltung der Finanzierungsstrukturen.

Engpässe in der psychologischen Diagnostik und Therapie

Ein zentraler Kritikpunkt der Kampagne betrifft die psychologische Diagnostik, insbesondere bei Entwicklungsstörungen wie Autismus oder ADHS. In Oberösterreich warten laut Daten der Initiative knapp 1.700 Kinder auf einen entsprechenden Diagnosetermin, wobei die Wartezeiten teils bis zu zwei Jahre betragen. Diese Verzögerungen ziehen sich auch durch den Bereich der spezialisierten Therapieangebote.

Johannes Hofer, Obfrau-Stellvertreter der Politischen Kindermedizin, wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass das Problem weniger im Mangel an Fachpersonal liege, sondern primär in der Finanzierung und den Zugangshürden begründet sei. Die Kampagne fordert daher die Schaffung von mehr Kassenstellen, den Ausbau spezialisierter Ambulanzen sowie die Etablierung interdisziplinärer Zentren und einer zentralen Anlaufstelle für betroffene Familien.

Vergleich der Versorgungskapazitäten

Die Analyse der Kassenplanstellen offenbart eine deutliche Lücke zwischen dem Ist-Zustand und dem errechneten Bedarf. In Österreich existieren derzeit 1.075 Kassenplanstellen für Ergo-, Logo- und Physiotherapie. Um ein Versorgungsniveau zu erreichen, das bevölkerungsbereinigt dem in Deutschland entspricht, wären laut der Aussendung rund 6.972 Kassenstellen erforderlich – also mehr als das Sechsfache des aktuellen Bestands.

Erschwerend kommt hinzu, dass selbst die vorhandenen Stellen nicht vollständig besetzt sind; die Quote liegt aktuell bei 69 Prozent. Diese Unterversorgung trifft insbesondere sozial benachteiligte Gruppen.

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Knapp 1.700 Kinder warten allein in Oberösterreich auf einen Diagnosetermin – teils bis zu zwei Jahre. Wer nicht so lange tatenlos zusehen will, findet in diesem kostenlosen Ratgeber die wichtigsten Schritte: von der Antragstellung für einen Kassenplatz bis zu konkreten Ersthilfe-Maßnahmen für die Wartezeit. Kostenlosen Eltern-Ratgeber anfordern

Martin Schenk von der Diakonie Österreich betonte, dass das Risiko für psychische Erkrankungen bei Kindern aus einkommensschwachen Familien doppelt so hoch sei wie bei Kindern aus wohlhabenden Verhältnissen. Die Kinderliga berichtet zudem, dass etwa die Hälfte ihrer über 120 Mitgliedsorganisationen von Budgetkürzungen betroffen sei, was die präventive Arbeit zusätzlich erschwere.

Regionale Entwicklungen in Deutschland und Sachsen

Ähnliche Tendenzen zeigen sich in deutschen Bundesländern. Die Diakonie und die Caritas in Sachsen melden eine steigende Nachfrage nach Therapieplätzen bei gleichzeitig angespannten Strukturen. In Sachsen kann die Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz bis zu neun Monate betragen. Fachleute beobachten dort eine Zunahme von Diagnosen im Bereich der Angst- und Essstörungen sowie ein Ansteigen der Zahl von Schulverweigerern.

Laut Diakonie-Chef Dietrich Bauer verlassen in Sachsen jährlich mehr als 3.200 junge Menschen die Schule ohne Abschluss. Zudem verzeichnet die Diakonie Sachsen eine Zunahme von problematischem Mediennutzungsverhalten und den Konsum synthetischer Drogen wie Crystal unter Jugendlichen. Gleichzeitig führen finanzielle Engpässe in einigen Kommunen zu Kürzungen in der Sucht- und Migrationsberatung im Vergleich zum Jahr 2024.

Um das Thema Schulabsentismus zu adressieren, lädt die LWL-Elisabeth-Klinik in Dortmund für den 30.09.2026 zu einer Informationsveranstaltung ein. Unter der Leitung von Chefärztin Dr. Heidi Igl und der Psychotherapeutin Anja Esch sollen Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Schulverweigerung erörtert werden.

Investitionen in die Infrastruktur

Trotz der angespannten Gesamtlage gibt es Bestrebungen, die infrastrukturelle Basis zu verbessern. In Linz erfolgte im September 2026 der Spatenstich für ein neues Zentrum für Entwicklungsmedizin und Autismusfrühintervention. Das Gebäude in der Herrenstraße soll auf einer Fläche von 2.135 Quadratmetern Raum für die Behandlung neuronaler Entwicklungsstörungen bieten, von denen Schätzungen zufolge rund 15 Prozent aller Kinder betroffen sind.

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Nur 69 Prozent der Kassenstellen für Ergo-, Logo- und Physiotherapie sind besetzt – und einkommensschwache Familien trifft die Lücke doppelt. Dieser Ratgeber zeigt, welche interdisziplinären Anlaufstellen es gibt und wie Sie Ihr Recht auf Versorgung durchsetzen. Jetzt Schritt-für-Schritt-Plan sichern

Die Investitionskosten für das Projekt belaufen sich auf rund 16,9 Mio. Euro. Das Land Oberösterreich übernimmt davon 90 Prozent, während die Barmherzigen Brüder Linz zehn Prozent sowie die Kosten für eine Tiefgarage tragen. Die Inbetriebnahme des neuen Zentrums unter der Leitung von Johannes Hofer ist für September 2028 vorgesehen.

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