Kinder-Vitamine: Stiftung Warentest findet Mängel bei 17 von 18 Präparaten
Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 16:34 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel floriert, insbesondere Produkte für Kinder stehen bei Eltern hoch im Kurs. Doch Experten und Behörden äußern zunehmend Bedenken hinsichtlich der potenziellen Gefahren und gesundheitlichen Risiken, die mit der Einnahme solcher Präparate verbunden sein können.
Aktuelle Untersuchungen und Berichte beleuchten die Diskrepanz zwischen dem Versprechen einer Gesundheitsförderung und der tatsächlichen Notwendigkeit sowie Sicherheit dieser Mittel.
Hohe Verbreitung von Nahrungsergänzungsmitteln bei Kindern
Daten aus Langzeitstudien verdeutlichen, wie fest Vitamin-Präparate im Alltag von Familien verankert sind. Laut der DONALD-Studie des FKE Dortmund erhält jedes zehnte Kind täglich mindestens ein Nahrungsergänzungsmittel. Ähnliche Befunde liefert die EsKiMo-Studie: Demnach nehmen jedes zwölfte Kind im Alter von 6 bis 11 Jahren sowie rund 20 Prozent der 12- bis 17-Jährigen entsprechende Mittel ein.
Parallel dazu verzeichnet die Branche ein erhebliches wirtschaftliches Wachstum. Der Umsatz der Hersteller stieg zwischen 2018 und Anfang 2024 um 35 Prozent auf insgesamt 3,21 Milliarden Euro. Angesichts dieser Marktentwicklung bringen Pharmaunternehmen weiterhin neue Produkte auf den Markt.
So führt Zentiva derzeit die Linie ImunoXpert in Apotheken ein, die unter anderem Suspensionen für Kinder ab drei Jahren sowie Kautabletten und Kapseln umfasst. Die Präparate enthalten Inhaltsstoffe wie Vitamin C, Vitamin D3, Zink oder Beta-Glucan aus Austernpilzen.
Mängel und Überdosierungen in Produkttests
Trotz der weiten Verbreitung steht die Qualität vieler Produkte in der Kritik. Im Jahr 2025 testete die Stiftung Warentest 18 Kinder-Präparate bekannter Marken wie Centrum, Abtei und Orthomol.
Das Ergebnis war deutlich: Alle untersuchten Mittel wurden als überflüssig eingestuft, 17 wiesen Mängel auf, und fünf wurden stark abgelehnt. Besonders kritisch bewerteten die Prüfer, dass 15 der Produkte die empfohlenen Tagesmengen für Kinder überschritten.
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Ein konkretes Beispiel ist das Produkt Orthomol Junior C plus, das Kupfer enthält. Dies kann kurzfristig zu Erbrechen und Bauchschmerzen führen, während eine langfristige Einnahme Leberschäden begünstigen kann.
Zudem wurden in vier Mitteln – Doppelherz System Omega-3 Flüssig Family, Centrum Kids Multi Vitamin Gummies, Hübner Multivital Kids und Easyvit Easy Fishoil Multi – Vitamin-A-Werte festgestellt, die sogar über den Höchstwerten für Erwachsene liegen.
Neben der Überdosierung von Mikronährstoffen warnte die AOK vor dem hohen Zuckergehalt in Vitamingummibärchen; rund 100 Gramm dieser Produkte enthalten oft mehr als 50 Gramm Zucker.
Behörden warnen vor unnötiger Supplementierung
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) betont, dass Kinder im Regelfall keine zusätzlichen Gaben von Eisen, Kupfer, Mangan oder Zink benötigen. Ausnahmen bilden lediglich Vitamin D zur Vorbeugung von Rachitis sowie Fluorid zur Kariesprophylaxe.
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Angesichts der fehlenden Regulierung forderte die niedersächsische Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Miriam Staudte, auf der Agrarministerkonferenz in Würzburg gesetzliche Grenzwerte für Nahrungsergänzungsmittel.
Bisher sind diese Mittel in Deutschland lediglich anmeldungspflichtig, jedoch nicht zulassungspflichtig. Da das Lebensmittelrecht weitgehend Bundesrecht ist, drängt Staudte auf eine bundeseinheitliche Lösung, um verbindliche Höchstwerte für Inhaltsstoffe festzulegen.
Risiken bei Verzicht auf etablierte Prophylaxe
Während die Überversorgung mit Vitaminen kritisch gesehen wird, zeigt eine schwedische Studie in Jama Pediatrics die Gefahren auf, die durch den Verzicht auf medizinisch notwendige Gaben entstehen. Zwischen 2003 und 2021 stieg die Zahl der Neugeborenen in Schweden, die keine Vitamin-K-Spritze nach der Geburt erhielten, deutlich an. Waren es im Jahr 2006 noch 667 Kinder, so stieg die Zahl bis 2021 auf 1.619 an.
Die Kinderärztin Martina Dube vom Mälarsjukhuset Eskilstuna wies darauf hin, dass Kinder ohne diese Spritze ein dreimal höheres Risiko für Blutungen im Gehirn aufweisen. Im schlimmsten Fall könnten solche Blutungen tödlich verlaufen.
Vitamin K wird in Schweden seit den 1960er Jahren routinemäßig innerhalb der ersten sechs Stunden nach der Geburt verabreicht, um schwere innere Blutungen zu verhindern. Die Studie stellte zudem fest, dass der Anteil fehlender Dokumentationen über die Vitamin-K-Gabe bei Hausgeburten überproportional hoch ist.
