Produktivität, Programmierer

KI und Produktivität: Programmierer arbeiteten fast 20 Prozent langsamer

Veröffentlicht am: 04.10.2026 um 22:13 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Lesekompetenz nimmt ab, während Jugendliche KI häufig nutzen; eine Untersuchung zeigt zugleich langsamere Arbeit trotz digitaler Assistenz.

KI und Lesen: Studien zeigen Folgen für Denken und Produktivität
Ein altes, verstaubtes Buch liegt auf einem dunklen Holztisch in einem ruhigen Arbeitszimmer, beleuchtet durch weiches Sonnenlicht. Illustration mit AI erstellt.

Die zunehmende Verlagerung geistiger Aufgaben an Systeme der Künstlichen Intelligenz (KI) rückt die Folgen für die menschliche Denkfähigkeit und Lesekompetenz in den Fokus öffentlicher und wissenschaftlicher Debatten.

Medienberichte wie ein Beitrag im Deutschlandfunk-Format „Kulturfragen“ von Vera Linß und Christian Stöcker beleuchten die Mechanismen des sogenannten kognitiven Outsourcings und gehen der Frage nach, wie sich der schwindende Rückgriff auf eigenständiges Lesen auf das Gehirn auswirkt.

Sinkende Lesekompetenz und der Wandel der Lesekultur

Die empirischen Hinweise auf eine nachlassende Beschäftigung mit komplexen Texten nehmen zu. Der Literaturdidaktiker Christian Dawidowski von der Universität Osnabrück berichtet, dass die Lesefreude in Deutschland massiv zurückgegangen sei.

Selbst Studierende der Germanistik könnten anspruchsvolle Werke wie Goethes „Die Wahlverwandtschaften“ oder Texte von Droste-Hülshoff oft nicht mehr verstehen. Laut Dawidowski erhält das Fach mittlerweile Studienanfänger mit den schwächsten Abiturnoten. Durch digitale Medien werde das vertiefende Lesen („Deep Reading“) kaum noch beherrscht und zunehmend durch rein informatives Überfliegen ersetzt.

Dawidowski weist darauf hin, dass Schulabsolventen in China oder Polen teils mehr deutschsprachige Literatur gelesen hätten als deutsche Abiturienten, nachdem in Deutschland vor 15 bis 20 Jahren der verbindliche Lesekanon zugunsten einer Kompetenzorientierung abgeschafft worden sei.

Erhebungen stützen diesen Trend. Einer Studie der Universität Basel zufolge nehmen 18 Prozent der Schweizer Erwachsenen nie ein Buch in die Hand; die Soziologin Carolin Amlinger beziffert den Anteil derjenigen, die gar nicht oder nur selten lesen, auf 62 Prozent.

Zudem zeigt die Pisa-Studie, dass ein Drittel der Jugendlichen in der Schweiz nicht ausreichend lesen kann, um die Hauptaussage eines Textes zu erfassen.

Für Deutschland weist eine Sonderanalyse der Stiftung Lesen aus, dass rund 20 Prozent der Erwachsenen im Alter von 16 bis 65 Jahren – etwa 10,6 Millionen Menschen – nur unzureichend lesen und schreiben können. Auch hier fehlt laut Pisa jedem dritten 15-Jährigen eine grundlegende Lesekompetenz.

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Dieser Wandel spiegelt sich im Buchmarkt wider: Der Branchenumsatz sank 2025 um 2,7 Prozent auf 9,62 Milliarden Euro, in den ersten acht Monaten 2026 um weitere 3,0 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Bei den 10- bis 15-Jährigen sank die Zahl der Lesenden um über 30 Prozent, bei den 20- bis 29-Jährigen um knapp 18 Prozent.

Während Sach- und Reisebücher deutlich verloren, verzeichneten Formate wie New-Adult-Titel (plus 9,6 Prozent) und Hörbücher (plus über 13 Prozent) Zuwächse. Börsenverein-Vorsteher Sebastian Guggolz sieht darin direkte Parallelen zu den Pisa-Befunden, während Messe-Chef Juergen Boos von einer Transformation vom klassischen Leser zum Fan spricht.

Neurologische Folgen und der umgekehrte Flynn-Effekt

Aus kognitionswissenschaftlicher Sicht hat das Lesen weitreichende Konsequenzen. Der Psychologe Falk Huettig vom Max-Planck-Institut in Leipzig betont, dass Lesen die messbare Intelligenz steigere. Historisch betrachtet handle es sich beim Lesen um eine sehr junge Kulturtechnik; noch vor 250 Jahren sei die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland und der Schweiz des Lesens unkundig gewesen.

Huettig verweist zudem darauf, dass sich der sogenannte Flynn-Effekt mittlerweile umgekehrt habe: Der durchschnittliche Intelligenzquotient steige in Industriegesellschaften nicht mehr, sondern sinke.

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Welche plastischen Effekte das Lesen auf das Gehirn hat, verdeutlicht eine Untersuchung mit Frauen in Indien: Das Erlernen des Lesens im Erwachsenenalter verbesserte nicht nur deren Gesichtserkennung und allgemeines Denkvermögen, sondern führte auch zu im Magnetresonanztomografen nachweisbaren neuen neuronalen Verbindungen. Ein gut vernetztes Gehirn gilt in der Neurologie als ein Faktor, der das Auftreten von Alzheimer-Symptomen hinauszögern kann.

Steigende KI-Nutzung und Verzerrungen bei der Produktivität

Gleichzeitig greifen insbesondere jüngere Generationen immer selbstverständlicher auf algorithmische Assistenzsysteme zurück. Laut einer gemeinsamen Studie der DAK mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf nutzt etwa ein Viertel der 10- bis 17-Jährigen mehrmals pro Woche KI-Assistenten.

Eine Befragung von über 1.500 Schülern der Knowunity-Community aus dem September 2026 zeigt noch deutlichere Werte: 72 Prozent nutzen KI mehrmals pro Woche für schulische Belange, gut ein Viertel sogar täglich.

Fast die Hälfte der Befragten wendet sich bei schulischen Problemen zuerst an eine KI, während nur fünf Prozent zuerst die Eltern um Rat fragen. 78 Prozent gaben an, den Unterrichtsstoff durch KI besser zu verstehen, und 71 Prozent berichteten von Notenverbesserungen.

Allerdings kann die Auslagerung kognitiver Prozesse an KI auch zu einer verzerrten Selbstwahrnehmung führen. Eine Untersuchung der Non-Profit-Organisation METR aus dem Jahr 2025 ergab, dass erfahrene Open-Source-Programmierer durch den Einsatz von KI-Werkzeugen tatsächlich fast 20 Prozent langsamer arbeiteten – obwohl sie selbst davon ausgingen, über 20 Prozent schneller geworden zu sein.

Branchenexperten hatten zuvor noch Beschleunigungen von rund 40 Prozent prognostiziert. Die empirischen Daten verdeutlichen damit die Diskrepanz zwischen der wahrgenommenen Arbeitserleichterung durch kognitives Outsourcing und den tatsächlichen Auswirkungen auf Kompetenz und Performanz.

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