KI-Bilder auf Speisekarten verderben Gästen den Appetit
Veröffentlicht am: 05.11.2026 um 06:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSLieferando setzt KI-Bildtest aus
- Gastronomiebetriebe nutzen KI für Speisekarten, Menütafeln und Werbebilder.
- Ein Berliner Lángos-Stand erstellt sein Menü damit schneller und einfacher.
- Lieferando entfernte ungenaue Testbilder und setzte die Nutzung des Tools aus.
KI-Bilder prägen Speisekarten und Lieferplattformen
Immer mehr Restaurants, Cafés und Imbissstände nutzen Künstliche Intelligenz für Speisekarten und Menütafeln, doch manche Darstellungen lösen eher Unmut als Appetit aus. Besonders bei Burgern, Dönern, Croissants, Fleischspießen und Matcha Latte stoßen unnatürliche Texturen und Formen auf Kritik.
Für kleine Betriebe ist KI dennoch eine schnelle und günstige Möglichkeit, wechselnde Angebote zu bebildern. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband verweist zudem auf Zeitersparnis, Verfügbarkeit und kurze Produktionszeiten.
Kosten sprechen für digitale Gestaltung
Auf Plattformen wie Instagram beschreiben Nutzer KI-generierte Essensbilder teilweise als unnatürlich oder als «Einheitsbrei». Einige berichten, bestimmte Muster erinnerten sie an Löcher oder Insektenwaben und lösten dadurch Ekel aus.
Andere halten die Nutzung für nachvollziehbar, weil professionelles Grafikdesign für kleine Gastronomiebetriebe oft schwer zu finanzieren ist. Ein Berliner Lángos-Stand setzt die Technologie nach Angaben eines Mitarbeiters ein, weil sich das Menü damit einfacher und schneller gestalten lasse.
Lieferando stoppt Test mit fehlerhaften Motiven
Für Spott sorgten zuletzt KI-generierte Bilder auf der Bestellplattform Lieferando, die teils deutlich von den beschriebenen Produkten abwichen. Bei einem Chickenburger zeigte die Darstellung beispielsweise Buns aus Reis statt aus Brot.
Lieferando teilte mit, ein Test mit KI-erstellten Bildern habe in einigen Fällen nicht auf Anhieb funktioniert. Das Unternehmen entschuldigte sich für ungenaue Bilder, kündigte deren Entfernung an und setzte die Verwendung des Tools zunächst aus.
Studie prüft Realismus und Appetit
Der Psychologe und Postdoktorand Alexander Diel von der LVR-Universitätsklinik Essen und der Universität Duisburg-Essen untersuchte mit einem internationalen Team, wie Menschen KI- und Echtbilder von Lebensmitteln wahrnehmen. Die Studie im Fachmagazin «Nature» bezog 87 Personen ein.
Die Teilnehmer sahen 60 Bildpaare, jeweils mit einer echten und einer KI-generierten Darstellung desselben Lebensmittels. Sie bewerteten, wie echt das Bild wirkte, wie groß ihre Bereitschaft zum Essen war und wie gesund beziehungsweise kalorienreich sie das Lebensmittel einschätzten.
Zu perfekte Oberflächen können abschrecken
Die KI-Bilder wurden im Schnitt als weniger realistisch bewertet und lösten etwas weniger Appetit aus als die echten Fotos. Bei der Einschätzung von Kaloriengehalt und Gesundheit gab es dagegen keinen Unterschied.
Diel führt den Effekt unter anderem auf zu glatte oder symmetrische Oberflächen sowie sichtbare Bildfehler zurück. Menschen seien bei unbekannten oder ungewöhnlich aussehenden Lebensmitteln besonders vorsichtig.
Bild und Gericht müssen übereinstimmen
Nach Einschätzung des Forschers zeigen KI-Bilder nicht zwingend das tatsächliche Gericht eines Restaurants, sondern eine aus Trainingsdaten abgeleitete Variante. Das kann bei Gästen Frust auslösen, wenn die Bestellung deutlich von der Darstellung abweicht.
Der Dehoga bezeichnet Authentizität als Kern des gastronomischen Versprechens. Damit bleibt für Betriebe die zentrale Abwägung: KI kann die Gestaltung beschleunigen, darf aber nicht den Eindruck erwecken, ein beliebiges Symbolbild sei eine verlässliche Abbildung des angebotenen Essens.
KI-generierte Bilder verändern die Präsentation von Speisen, ohne bislang ein verlässlicher Ersatz für authentische Produktfotografie zu sein. Für kleine Gastronomiebetriebe liegt der Vorteil vor allem in geringeren Kosten, schneller Verfügbarkeit und der Möglichkeit, häufig wechselnde Angebote kurzfristig zu bebildern.
Gerade bei Lebensmitteln gelten jedoch andere Maßstäbe als bei vielen anderen Werbemotiven. Gäste achten auf Farbe, Oberfläche, Form und erkennbare Zutaten, weil das Bild Erwartungen an Geschmack, Frische und Portionsgröße weckt. Unnatürliche Symmetrien, glatte Texturen oder falsch dargestellte Bestandteile können deshalb nicht nur unprofessionell wirken, sondern das Vertrauen in das tatsächliche Gericht beeinträchtigen.
Authentizität entscheidet
Die Untersuchung mit 87 Teilnehmern deutet darauf hin, dass künstlich erzeugte Darstellungen im Durchschnitt weniger realistisch und etwas weniger appetitlich wirken als Aufnahmen echter Speisen. Zugleich wurden sie beim vermuteten Kaloriengehalt und bei der Einschätzung der Gesundheit ähnlich bewertet. Das spricht dafür, dass der wichtigste Nachteil nicht zwingend in einer falschen Ernährungsbewertung liegt, sondern in der visuellen Glaubwürdigkeit.
Für Restaurants und Bestellplattformen entsteht daraus ein praktisches Risiko: Weicht das gelieferte Essen deutlich vom Bild ab, kann die Enttäuschung größer ausfallen als bei einer rein textlichen Beschreibung. KI kann bei Entwürfen, saisonalen Tafeln und häufig wechselnden Menüs Zeit sparen. Bei zentralen Gerichten bleibt ein echtes, aktuelles Foto jedoch die sicherere Grundlage für eine faire Kundenerwartung.
