Katalonien warnt vor Medikamentenkaskaden: Fast die Hälfte der Fälle vermeidbar
Veröffentlicht am: 16.10.2026 um 02:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie gleichzeitige Verabreichung mehrerer Arzneimittel birgt erhebliche Gefahren, wenn unerwünschte Wirkungen nicht als solche erkannt werden. Gesundheitsbehörden warnen vor sogenannten therapeutischen Kaskaden, bei denen die Nebenwirkung eines Medikaments fälschlicherweise als neue Erkrankung diagnostiziert und in der Folge mit einem weiteren Präparat therapiert wird.
Laut einem Bericht vom 15. Oktober 2026 rückt die katalanische Gesundheitsbehörde diese Problematik mit einer Aufklärungsinitiative in den Mittelpunkt, um Fehlbehandlungen und vermeidbare Krankenhausaufenthalte einzudämmen.
Mechanismen und Gefahren der Verordnungskaskaden
Das Phänomen der therapeutischen Kaskade entsteht häufig schleichend. Wird das Symptom einer unerwünschten Arzneimittelwirkung fehlinterpretiert, verschreiben Behandelnde zusätzliche Substanzen, wodurch eine Kette neuer Risiken und Wechselwirkungen in Gang gesetzt wird.
Die katalanischen Behörden starteten dazu die Initiative „Pastilles, només les necessàries“ (Nur die notwendigen Tabletten). Nach Angaben der Behörde stehen 5 bis 10 Prozent der Krankenhausaufenthalte mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen in Verbindung. Nahezu die Hälfte dieser Fälle gelte als vermeidbar. Zudem erleide etwa einer von 20 Patienten einen vermeidbaren Schaden durch Medikation.
Besonders anfällig für diese Entwicklung sind fragile Personen sowie Patienten mit chronischen Leiden, die mehrere dauerhafte Therapien benötigen. Fachleute erforschen die Verordnungskaskaden auch international eingehend.
Fatma Karapinar, Professorin für Arzneimittelsicherheit am Universitätsklinikum Maastricht, untersucht das wachsende Problem in den Niederlanden, wo insbesondere ältere Menschen betroffen sind. Der genaue Umfang lasse sich laut Karapinar schwer beziffern.
Als typisches Beispiel nennt sie Blutdrucksenker, die geschwollene Knöchel verursachen, woraufhin entwässernde Tabletten verordnet werden. In einer Untersuchung der Wissenschaftlerin litt ein Patient zwei Jahre lang unter einem solchen Kreislauf. Als Folgen der Kaskaden treten vermehrt Stürze, Gedächtnisverlust und in Ausnahmefällen Klinikeinweisungen auf.
Polypharmazie und das Problem dauerhafter Verschreibungen
Eng verknüpft mit Verordnungskaskaden ist die generelle Zunahme der Polypharmazie. Amanda Mixon, Hospitalistin an der Vanderbilt University, verweist auf eine Untersuchung, wonach sich der Anteil der über 65-Jährigen in den USA mit fünf oder mehr Arzneimitteln zwischen 2000 und 2020 fast verdoppelt hat. Heute nehme mehr als ein Drittel der älteren Erwachsenen täglich fünf oder mehr Präparate ein.
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In ihrer Praxis betreue sie Seniorinnen und Senioren mit durchschnittlich 16 Medikamenten, die häufig von verschiedenen Ärzten stammen. Das gezielte Ausschleichen ungeeigneter Arzneien gewinne seit rund einem Jahrzehnt an Bedeutung, werde an medizinischen Ausbildungsstätten jedoch noch nicht flächendeckend gelehrt.
Ein weiterer Risikofaktor sind nicht überprüfte Fortführungen eigentlich kurzfristig gedachter Therapien. Der spanische Verband der Primärversorgungsapotheker SEFAP warnt vor solchen sogenannten Vermächtnis-Verschreibungen.
Verbandspräsidentin Mercedes Pereira betont, dass die Dauer einer Anwendung eine ebenso relevante Quelle für Fehlversorgungen darstelle wie Dosis, Interaktionen oder Doppelmedikation.
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Eine von der SEFAP angeführte kanadische Untersuchung mit mehr als 50.000 Erwachsenen zeigte entsprechende Muster: Bei 46 Prozent der Antidepressiva, 45 Prozent der Protonenpumpenhemmer und 14 Prozent der Bisphosphonate handelte es sich um solche fortgeschleppten Verordnungen.
Fachberichte weisen darauf hin, dass bei einer Hyperpolypharmazie von zehn oder mehr Substanzen die Häufigkeit potenziell ungeeigneter Medikamente bei über 80 Prozent liegt. Zu den riskanten Klassen zählen unter anderem Benzodiazepine, anticholinerge Mittel sowie nichtsteroidale Antirheumatika. Für die systematische Reduktion stehen Instrumente wie CEASE, SHARE sowie Kriterienkataloge wie STOP/START zur Verfügung.
Risiken in der häuslichen Versorgung
Die Komplexität mehrfacher Arzneimittelgaben führt auch im häuslichen Umfeld zu Belastungen. Eine bundesweite Erhebung des Zentrums für Qualität in der Pflege unter 1.012 pflegenden Angehörigen verdeutlicht dies: 50 Prozent der Befragten gaben an, dass Medikamente in den vorangegangenen sechs Monaten mindestens einmal falsch oder gar nicht angewendet wurden, 19 Prozent berichteten von wiederholten Vorfällen. 59 Prozent der Beteiligten versorgen Personen, die dauerhaft mindestens fünf Präparate nutzen. 26 Prozent schilderten wiederkehrende Probleme durch abgelaufene oder fehlende Rezepte. Zudem gaben 36 Prozent an, dass im vorangegangenen Jahr mindestens ein Sturz mit Verletzung aufgetreten sei.
Gesundheitsbehörden raten daher zu einer regelmäßigen strukturierten Prüfung sämtlicher Therapien. Treten neue Symptome auf, müsse zunächst überprüft werden, ob ein Zusammenhang mit der bestehenden Medikation besteht, bevor neue Präparate hinzukommen. Gleichzeitig warnen Experten vor eigenmächtigen Dosisänderungen oder Abbrüchen ohne ärztliche Rücksprache.
