Kalte Progression kostet 6 Milliarden: 62% fordern automatischen Abbau
Veröffentlicht am: 18.08.2026 um 03:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die aktuelle finanzpolitische Lage in Deutschland hat eine intensive Diskussion über die künftige Gestaltung des Steuersystems ausgelöst. Im Zentrum der Debatte stehen Konzepte namhafter Wirtschaftsforschungsinstitute sowie geplante Reformschritte der Bundesregierung, die sowohl Entlastungen als auch neue Finanzierungswege vorsehen.
Expertenvorschläge zur Anpassung der Mehrwertsteuer
Moritz Schularick, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW), brachte Mitte August 2026 eine deutliche Anhebung der Mehrwertsteuer ins Gespräch. Sein Vorschlag sieht eine Erhöhung um 3 Prozentpunkte vor, um staatliche Vorhaben künftig solide gegenfinanzieren zu können.
Parallel dazu veröffentlichte Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts, eine Analyse zur Struktur der Verbrauchssteuern. Er empfahl die vollständige Abschaffung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes von 7 Prozent. Stattdessen solle ein einheitlicher Steuersatz für alle Güter und Dienstleistungen eingeführt werden, um das System zu vereinfachen und Effizienzgewinne zu erzielen.
Regierungspläne und die Kritik der Opposition
Die Bundesregierung verfolgt mit der sogenannten Steuerreform nach Entwürfen von Lars Klingbeil ein stufenweises Modell. Für die Jahre 2027 und 2028 sind Entlastungen in einem Gesamtvolumen von 10 Milliarden Euro geplant.
In einer ersten Stufe sollen im Jahr 2027 insgesamt 3 Milliarden Euro an die Steuerzahler zurückgegeben werden, gefolgt von weiteren 7 Milliarden Euro im Jahr 2028.
Diese Pläne stoßen jedoch auf Widerstand bei der Opposition und Interessenvertretern. Der Bund der Steuerzahler sowie die Union bemängeln, dass der Ausgleich der kalten Progression im Entwurf fehle, was einem Volumen von 6 Milliarden Euro entspreche. Nach Berechnungen des Steuerzahlerbundes führe die Reform faktisch zu einer Nettobelastung von mindestens 6 Milliarden Euro.
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Konkrete Fallbeispiele verdeutlichen die Auswirkungen der kalten Progression: Alleinerziehende mit einem Kind und einem Bruttoeinkommen von 3000 Euro würden monatlich 2,60 Euro verlieren. Für Ledige mit 4000 Euro Bruttoeinkommen ergäbe sich ein Minus von 5 Euro, während eine Familie mit 6500 Euro monatlich 7,50 Euro weniger zur Verfügung hätte.
Carsten Linnemann von der CDU forderte in diesem Zusammenhang, die Schwelle für den Spitzensteuersatz von derzeit 69.879 Euro auf 80.000 Euro anzuheben. Auch innerhalb der Koalition werden Forderungen laut: FDP-Generalsekretär Hagen kritisierte den Entwurf und verlangte eine automatische Kopplung der Steuertarife an die Inflationsrate.
Eine Umfrage des Instituts Civey aus der Mitte des Monats August 2026 unterstreicht den Rückhalt für solche Maßnahmen in der Bevölkerung: 62 Prozent der befragten Bürger sprachen sich für einen automatischen Abbau der kalten Progression aus.
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Fiskalische Rahmenbedingungen und alternative Modelle
Der Hintergrund dieser Reformdebatte ist die angespannte Haushaltslage. Für das Jahr 2027 wird eine Rekordneuverschuldung von 118,7 Milliarden Euro kalkuliert. Unter Einbeziehung diverser Sondervermögen könnte die tatsächliche Verschuldung auf über 200 Milliarden Euro steigen.
Die mittelfristige Finanzplanung weist zudem wachsende Fehlbeträge aus: 22 Milliarden Euro im Jahr 2028, 38 Milliarden Euro im Jahr 2029 und 47 Milliarden Euro im Jahr 2030.
Als alternativen Lösungsansatz zur Finanzierung der staatlichen Aufgaben schlug DIW-Präsident Marcel Fratzscher die Einführung einer Vermögenssteuer vor. Sein Modell sieht einen Satz von 2 Prozent auf Nettovermögen oberhalb einer Grenze von 20 Millionen Euro vor.
Laut seinen Berechnungen könnten dadurch jährliche Einnahmen von circa 42 Milliarden Euro erzielt werden. Dem gegenüber bezifferte er die Kosten für eine umfassende Einkommensteuerreform auf jährlich 30 Milliarden Euro.
Die politische Stimmung spiegelt die Unzufriedenheit mit der aktuellen Finanzpolitik wider. Eine aktuelle INSA-Umfrage sieht die Union derzeit bei 20 Prozent, während die SPD auf 12 Prozent der Wählerstimmen kommt. Im Zuge der Haushaltsverhandlungen forderte die SPD zudem eine Änderung des Grundgesetzes für den Klimaschutz, um weitere Investitionsspielräume zu schaffen.
