Junge Menschen: 3,8 Millionen konfrontiert mit elterlicher Erkrankung
Veröffentlicht am: 20.09.2026 um 05:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Bereitstellung und Vermittlung von Präventionsangeboten zur mentalen Gesundheit wird zunehmend digitalisiert und strukturell neu geordnet. Ein zentrales Element dieser Entwicklung in Bayern ist der neu gestartete digitale Präventionspool.
Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU) stellte die Online-Plattform vor, die Angebote zu Themen wie Bewegung, Suchtprävention und allgemeiner Beratung bündelt. Nutzer können dort gezielt nach Ort, Thema und Altersgruppe suchen. Eine wesentliche Bedingung für die Aufnahme in den Pool ist die Gemeinnützigkeit; gewinnorientierte Angebote sind von der Listung ausgeschlossen.
Grenzübergreifende Ansätze zur digitalen Vermittlung
Ähnliche Bestrebungen zur digitalen Vernetzung von Versorgungsleistungen zeigen sich in Österreich. Der Berufsverband Österreichischer PsychologInnen (BÖP) betreibt die Plattform psyhelp.at. Diese dient der Vermittlung von jährlich 120.700 kostenfreien klinisch-psychologischen Kassenplätzen, die für Versicherte der ÖGK, SVS und BVAEB zur Verfügung stehen.
Rund 500 akkreditierte klinische Psychologinnen und Psychologen sind an diesem System beteiligt. Die Relevanz solcher Angebote unterstreicht der BÖP mit dem Hinweis, dass etwa ein Viertel der österreichischen Bevölkerung im Laufe des Lebens von einer psychischen Erkrankung betroffen sei.
Parallel dazu werden technologische Lösungen zur individuellen Vorsorge entwickelt. Das Forschungsprojekt LETHE-AT in Österreich arbeitet an einer personalisierten App, die Risikofaktoren für Demenz beeinflussen soll.
Laut dem Projekt lassen sich 45 Prozent aller Demenzfälle auf veränderbare Faktoren zurückführen. Ein begleitendes Konzept sieht die Etablierung von speziellen Zentren für die Gehirngesundheit vor. Eine entsprechende Teststudie mit Risikopatienten ohne Demenz war für den Herbst 2025 angesetzt.
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Fokus auf Kinder, Jugendliche und Bildungseinrichtungen
Im Bereich der schulischen Prävention forderte der BKK-Dachverband im September 2026 in einem Impulspapier die bundesweite Etablierung von Schulgesundheitsfachkräften sowie eine verlässliche Finanzierung dieser Strukturen. Der PKV-Verband unterstützt diese Forderung. Nach Angaben des BKK-Dachverbands sind derzeit über 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland übergewichtig.
Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) verwies zudem auf eine steigende psychische Belastung junger Menschen. Er stützte sich dabei auf die COPSY-Studie sowie das Deutsche Schulbarometer 2025/26, wonach die Belastungen erstmals seit der Corona-Pandemie wieder zunehmen.
Die PISA-Studie verzeichnete zudem die schlechtesten Ergebnisse seit ihrem Beginn. Auch die Kampagne „Schreiben statt Schweigen“ verdeutlicht die Problematik: Rund 3,8 Millionen junge Menschen in Deutschland sind jährlich mit einer psychischen oder Suchterkrankung eines Elternteils konfrontiert. Hilfeanfragen in der Online-Beratung stiegen dort zuletzt um 162 Prozent.
Klinische Spezialisierung und Krisenintervention
Im klinischen Bereich erweitert die Uniklinik Magdeburg ihr Angebot um Spezialsprechstunden und stationäre Konzepte für schwer behandelbare Depressionen und bipolare Störungen. In der Gesundheitspolitik forderte GMK-Chef Philippi zudem die Berücksichtigung von Gesundheitsaspekten in allen Politikbereichen.
Ein Schwerpunkt der aktuellen Debatte liegt auf der Suizidprävention. Das Bundesgesundheitsministerium legte dazu im Juli 2026 einen Gesetzentwurf vor. In Deutschland versterben jährlich mehr als 10.000 Menschen durch Suizid, wobei Männer drei- bis viermal häufiger betroffen sind.
Zum Vergleich: Im Jahr 2025 gab es 2788 Verkehrstote. Als internationales Vorbild gilt die niederländische Organisation „113 Zelfmoordpreventie“, die mit 173 Vollzeitkräften kostenlose Online-Therapien anbietet. Experten zufolge unternehmen 85 bis 95 Prozent der Personen nach einer erfolgreichen Intervention keinen erneuten Versuch.
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Hürden in der Beratung von Angehörigen und Alleinstehenden
Trotz des Ausbaus von Angeboten bestehen Hürden bei der Inanspruchnahme. Eine in der Fachzeitschrift „Psychology & Health“ veröffentlichte Auswertung von 29 Studien mit über 81.000 pflegenden Angehörigen zeigt, dass jede dritte pflegende Person Beratung wünscht, diese aber von weniger als jeder sechsten Person tatsächlich genutzt wird. In Deutschland gab es im Jahr 2023 rund 4,9 Millionen häuslich Pflegebedürftige und schätzungsweise 7,1 Millionen pflegende Angehörige.
Zusätzlich rückt das Thema Einsamkeit in den Fokus gesellschaftlicher Prävention. Laut einer Bertelsmann-Studie unter 16- bis 30-Jährigen glauben 60 Prozent der sich einsam fühlenden jungen Menschen nicht daran, gesellschaftlich etwas verändern zu können.
Eine US-Studie ergab zudem, dass Alleinlebende im Homeoffice besonders gefährdet sind. Als Reaktion auf diese Entwicklungen veröffentlichte die Stadt Essen einen Acht-Punkte-Plan gegen Einsamkeit.
