Jugendpsyche: 53.799 Befragte aus 92 Ländern zeigen geringe Resilienz
Veröffentlicht am: 06.11.2026 um 03:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deFachleute aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie verzeichnen eine spürbare Zunahme sozialer Ängste sowie psychischer Erkrankungen bei Heranwachsenden. Annegret Brauer, Jugendpsychiaterin aus Halle und stellvertretende Vorsitzende des Berufsverbands für Kinder- und Jugendpsychiatrie, schildert in einem Fachgespräch eine wachsende Belastung junger Patientinnen und Patienten. Neben schwereren Verläufen bei Ess- und Zwangsstörungen trete Schulvermeidung inzwischen bereits im Grundschulalter häufiger auf.
Ursachen, Risikofaktoren und Engpässe im Gesundheitssystem
Brauer gewichtet die Auslöser für die Zunahme psychischer Leiden zu etwa gleichen Teilen: Rund 50 Prozent seien auf Erziehung und Umwelteinflüsse zurückzuführen, die anderen 50 Prozent auf genetische Veranlagung.
Als relevante Umweltfaktoren benennt sie die Nachwirkungen der Corona-Pandemie, globale Krisen wie den Klimawandel und Kriege in Europa sowie eine sinkende Stigmatisierung von psychischen Leiden, die zu einer höheren Meldebereitschaft führe. Als schwerwiegendsten Risikofaktor stuft die Medizinerin jedoch Armut ein.
Zugleich verweist Brauer auf deutliche Engpässe in der Versorgung. Die Wartezeiten für ein Erstgespräch in kinderpsychiatrischen Praxen belaufen sich auf rund drei Monate. Für eine reguläre Richtlinien-Psychotherapie müssen Betroffene oft acht Monate oder länger warten.
Wer sich mit belastenden Situationen im Alltag konfrontiert sieht, kann durch gezielte Methoden die eigene psychische Widerstandskraft stärken. Dieser kostenlose Ratgeber zeigt, wie Sie mit minimalem Zeitaufwand mehr Achtsamkeit entwickeln und Stress reduzieren. Zertifizierte Achtsamkeits-Übungen jetzt kostenlos als PDF sichern
Auch der Wiener Kinderpsychiater Paul Plener berichtet, dass Minderjährige seit der Pandemie verstärkt unter Ängsten, Depressionen oder Essstörungen leiden, wobei sich die Situation in Wien in den letzten Monaten weiter verschärft habe.
Auf internationaler Ebene zeigen sich ähnliche Entwicklungen: Laut der Organisation Confederación Salud Mental España stieg die Diagnose sozialer Phobien bei Jugendlichen in Spanien über die letzten sechs Jahre um mehr als 30 Prozent. Die Psychologin Silvia Vidal ordnet soziale Ängste grundsätzlich als biologische Überlebensreaktion ein, die adaptiv oder desadaptiv wirken könne, und unterteilt sie in drei Schweregrade von leicht bis schwer.
Weltweite Befunde zu Einsamkeit und Lebenslagen
Dass Jugendliche global unter Druck stehen, bestätigen großangelegte wissenschaftliche Erhebungen. Eine in der Fachzeitschrift Social Indicators Research publizierte Untersuchung unter der Leitung von Kai Ruggeri von der Columbia University, an der über 260 Forschende und 53.799 Teilnehmende aus 92 Ländern beteiligt waren, attestiert insbesondere jungen Menschen geringe Werte bei Vitalität, emotionaler Stabilität und Resilienz.
Mentale Gesundheit und innere Ruhe sind die Basis, um Herausforderungen souverän zu begegnen und die eigene Lebensqualität nachhaltig zu verbessern. Erfahren Sie in diesem kostenlosen Leitfaden, welche Techniken Experten für mehr Gelassenheit im Alltag empfehlen. Kostenlosen Ratgeber für mehr Gelassenheit herunterladen
Ruggeri und Matthias Burghart vom Max-Planck-Institut in Freiburg appellieren vor diesem Hintergrund an politische Entscheidungsträger, der seelischen Gesundheit junger Generationen höchste Priorität einzuräumen.
Eine Analyse von OECD-Daten zu rund 2,15 Millionen 15-Jährigen durch eine Forschungsgruppe der japanischen Juntendo-Universität zeigt zudem, dass das Empfinden von Einsamkeit zwischen 2000 und 2022 weltweit zugenommen hat.
In wohlhabenderen Ländern stiegen die Raten bei Mädchen besonders stark an und übertrafen jene von Jungen; Heranwachsende mit geringem sozioökonomischem Status waren durchgehend am stärksten betroffen.
In Frankreich verzeichnet die Mentalo-Studie unter Leitung von Karine Chevreul bei einem Drittel von über 20.000 befragten Jugendlichen Anzeichen mittelschwerer bis schwerer anxio-depressiver Belastungen.
Einflussfaktoren im schulischen und digitalen Umfeld
Als ein zentraler Faktor für das seelische Befinden erweist sich der Schulalltag: In der Mentalo-Studie wurden schulische Ereignisse von 34 Prozent der Jugendlichen als Ursache für gesundheitliche Veränderungen genannt – bei einer Verschlechterung des Befindens lag dieser Anteil sogar bei 52 Prozent.
Hinsichtlich der Nutzung sozialer Medien differenzieren neuere Studien zwischen Nutzungszeit und Verhaltensweisen. Eine gemeinsame Untersuchung des Karolinska Institute und des Norwegischen Instituts für Public Health mit über 4.000 norwegischen Teenagern ergab, dass der soziale Vergleich auf Plattformen weitaus stärker mit Symptomen von sozialer Angst und Depression verknüpft ist als der reine Zeitvertreib oder erlebter Spott. Die Forscher raten daher dazu, digitale Medien bewusster wahrzunehmen und Vergleiche eher als Inspiration denn als Entmutigung zu begreifen.
