Jodmangel, Deutschland

Jodmangel in Deutschland: Vegane Ernährung wird zum Risikofaktor

25.05.2026 - 07:30:08 | boerse-global.de

Neue Daten belegen eine kritische Jodunterversorgung bei Veganern. Experten fordern Maßnahmen von Industrie und Politik.

Jodmangel in Deutschland: Vegane Ernährung wird zum Risikofaktor - Bild: über boerse-global.de
Jodmangel in Deutschland: Vegane Ernährung wird zum Risikofaktor - Bild: über boerse-global.de

Neue Daten zeigen: Immer mehr Menschen nehmen zu wenig von dem lebenswichtigen Spurenelement auf. Besonders betroffen sind Veganer.

Das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat und das RKI veröffentlichten im Oktober 2025 die Ergebnisse eines umfassenden Jodmonitorings. Der Befund: 32 Prozent der Erwachsenen und 44 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben ein erhöhtes Risiko für eine Unterversorgung. Deutschland gilt damit wieder als mildes Jodmangelgebiet.

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Die WHO definiert eine ausreichende Versorgung über die Jodkonzentration im Urin. Liegt der Wert unter 100 Mikrogramm pro Liter, droht ein Mangel. Das Problem: Jod ist essenziell für die Produktion von Schilddrüsenhormonen. Diese steuern den Energiestoffwechsel, das Herz-Kreislauf-System und bei Kindern die kognitive Entwicklung. Ein chronischer Mangel kann zur Vergrößerung der Schilddrüse führen – der sogenannten Kropfbildung.

Veganer in der Risikozone

Innerhalb der Bevölkerung sticht eine Gruppe besonders hervor. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) untersuchte im Rahmen des Projekts „Risiken und Vorteile der veganen Ernährung“ die Nährstoffversorgung von Mischköstlern und Veganern. Die Ergebnisse waren eindeutig.

Während die Vitamin-B12-Versorgung bei Veganern durch Supplementierung oft auf ähnlichem Niveau wie bei Mischköstlern lag, entpuppte sich Jod als das eigentliche Problem. Bei fast allen untersuchten Veganern lag die Jodausscheidung unter dem WHO-Grenzwert. Besonders alarmierend: Bei einem Drittel der vegan lebenden Teilnehmer fanden die Forscher eine schwere Unterversorgung mit Werten unter 20 Mikrogramm pro Liter.

Der Grund dafür liegt in der Zusammensetzung der westlichen Ernährung. In Deutschland nehmen Menschen Jod hauptsächlich über Milch und Milchprodukte auf. Das liegt daran, dass dem Tierfutter in der konventionellen Landwirtschaft seit Jahrzehnten Jod beigemischt wird. Ein Teil davon landet in der Milch. Werden diese Produkte ersatzlos gestrichen, fällt eine der verlässlichsten Jodquellen weg. Seefisch – eine weitere natürliche Jodquelle – spielt in der veganen Ernährung ebenfalls keine Rolle.

Industrie macht es den Veganern schwer

Hinzu kommt ein industrielles Problem. Das Max Rubner-Institut (MRI) legte 2024 in einem Produktmonitoring dar, wie gering der Einsatz von Jodsalz in der Lebensmittelproduktion tatsächlich ist. Bei Fleisch- und Wurstersatzprodukten – von Veganern häufig als Proteinquelle genutzt – verwendeten lediglich 5,7 Prozent der Hersteller jodiertes Speisesalz. Bei Bio-Produkten lag der Anteil mit 3,4 Prozent sogar noch niedriger.

Generell wird in der deutschen Lebensmittelindustrie nur bei etwa 30 Prozent der verarbeiteten Produkte Jodsalz eingesetzt. Bei Brot und Backwaren liegt die Quote bei gerade einmal zehn Prozent. Viele Unternehmen verzichten aus Kostengründen oder wegen Exportüberlegungen auf jodiertes Salz. Die Verbraucherzentrale wies im Dezember 2025 darauf hin: Für eine flächendeckend ausreichende Versorgung müssten mindestens 40 bis 45 Prozent aller industriell gefertigten Lebensmittel mit Jodsalz hergestellt werden.

Ein weiteres Problem sind Pflanzendrinks. Während Kuhmilch von Natur aus Jod liefert, enthalten Hafer-, Mandel- oder Sojadrinks ohne künstliche Zusätze kaum relevante Mengen des Spurenelements. Ein Marktcheck der Verbraucherzentrale NRW vom Dezember 2024 zeigte die rechtlichen Hürden: In Bio-Pflanzendrinks ist die Anreicherung mit isolierten Mineralstoffen derzeit untersagt. Auch die Verwendung jodhaltiger Algen wurde durch europäische Richtlinien erschwert. Das BfR schlug Ende 2025 vor, Höchstmengen für die Anreicherung von Milchersatzprodukten festzulegen – empfohlen wurden etwa 14 Mikrogramm Jod pro 100 Milliliter, was dem natürlichen Gehalt von Kuhmilch entspricht.

Medizinische Folgen werden sichtbar

Die klinischen Auswirkungen zeigen sich bereits. Der Berufsverband Deutscher Nuklearmediziner (BDN) berichtete im Januar 2026 von einer Zunahme an Schilddrüsenerkrankungen bei jungen Frauen, die sich strikt vegan ernähren. Professor Dr. Markus Essler vom Universitätsklinikum Bonn beobachtete vermehrt die Bildung von Schilddrüsenknoten als direkte Folge des Joddefizits. Oft blieben erste Anzeichen wie Müdigkeit oder Konzentrationsstörungen unbemerkt – bis strukturelle Veränderungen des Organs eintreten.

Besonders kritisch wird die Lage in der Schwangerschaft und Stillzeit bewertet. Ein Mangel in dieser Phase kann die neurologische Entwicklung des Ungeborenen nachhaltig beeinträchtigen. Studien aus dem Frühjahr 2026 deuten darauf hin, dass bereits milde Defizite während der Schwangerschaft mit messbaren Einbußen der kognitiven Leistungsfähigkeit im späteren Kindesalter korrelieren.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) reagierte im Herbst 2025 auf die veränderte Datenlage und senkte ihre Referenzwerte für die Jodzufuhr. Die Empfehlung für Erwachsene fiel von 200 auf 150 Mikrogramm pro Tag. Das bedeutet jedoch keine Entwarnung. Die DGE begründete den Schritt mit einer methodischen Neuausrichtung: Der Wert orientiert sich nun am tatsächlichen durchschnittlichen Bedarf einer gesunden Bevölkerung – nicht mehr an der Kompensation eines bereits bestehenden Mangels. Für Schwangere und Stillende bleiben die Empfehlungen mit 220 beziehungsweise 230 Mikrogramm pro Tag deutlich höher.

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Was jetzt getan werden muss

Experten fordern eine Kombination aus individueller Vorsorge und politischen Maßnahmen. Ernährungswissenschaftler betonten in einem Fachbericht vom Frühjahr 2026: Die Verwendung von Jodsalz im privaten Haushalt allein reicht nicht aus, da der Großteil der Salzzufuhr über verarbeitete Lebensmittel erfolgt.

Diskutiert wird eine stärkere Selbstverpflichtung der Industrie oder sogar eine gesetzliche Verpflichtung zur Jodierung von Salz in bestimmten Produktgruppen – wie in anderen europäischen Ländern bereits erfolgreich praktiziert. Für die wachsende Gruppe der Veganer bleibt die gezielte Ergänzung durch Algenprodukte mit deklariertem Jodgehalt (wie Nori) oder jodhaltige Nahrungsergänzungsmittel eine notwendige Strategie. Das BfR empfahl im Dezember 2025 für Supplemente eine Höchstmenge von 100 Mikrogramm pro Tag für Erwachsene – um sowohl Mangelerscheinungen als auch das Risiko einer Überdosierung zu vermeiden.

Die kommenden Jahre werden zeigen, ob es gelingt, das Bewusstsein für diesen „vergessenen“ Nährstoff in einer sich wandelnden Ernährungswelt wieder zu schärfen. Die Stabilisierung der Volksgesundheit erfordert eine enge Abstimmung zwischen Lebensmittelrecht, Industrie und medizinischer Aufklärung.

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