Job Hugging: Psychische Belastungen steigen trotz Jobsicherheit
Veröffentlicht am: 14.08.2026 um 22:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der aktuellen Arbeitsmarktanalyse zeichnet sich ein deutlicher Trend ab, der unter dem Begriff „Job Hugging“ zusammengefasst wird. Beschäftigte neigen verstärkt dazu, an ihren bestehenden Arbeitsverhältnissen festzuhalten, was Fachleute primär auf die Sorge vor potenzieller Arbeitslosigkeit zurückführen.
Diese Entwicklung lässt sich durch konkrete Kennzahlen untermauern. Daten der Bundesagentur für Arbeit belegen für das vierte Quartal 2025 insgesamt 1,64 Millionen beendete Beschäftigungsverhältnisse. Im Vergleich zum vierten Quartal 2019, als dieser Wert noch bei 1,79 Millionen lag, entspricht dies einem Rückgang der Fluktuation um 8 Prozent.
Langfristige Bindung und die Rolle der Flexibilität
Untersuchungen zur Mitarbeiterbindung stützen die Beobachtung einer abnehmenden Wechselbereitschaft. Laut einer WTW-Studie planten im Jahr 2026 rund 61 Prozent der Beschäftigten in Deutschland, für mindestens zwei weitere Jahre in ihrem aktuellen Unternehmen zu bleiben.
Zum Vergleich: Im Jahr 2022 lag dieser Wert noch bei 53 Prozent. Demgegenüber steht eine Erhebung von Xing, wonach etwa ein Drittel der Arbeitnehmer grundsätzlich wechselwillig ist.
Bei der Entscheidung für einen neuen Arbeitgeber stehen materielle und sicherheitsrelevante Aspekte im Vordergrund. Für 69 Prozent der Befragten ist das Gehalt das wichtigste Kriterium, gefolgt von der Jobsicherheit mit 46 Prozent und flexiblen Arbeitsmodellen mit 43 Prozent.
Letzteres stellt zudem einen wesentlichen Faktor für die Mitarbeiterbindung dar. Fehlt diese Flexibilität, sinkt das Engagement der Belegschaft deutlich: Während das Engagement bei vorhandenen flexiblen Strukturen bei 50 Prozent liegt, fällt es ohne diese Möglichkeiten auf 42 Prozent.
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Psychische Belastungen und steigende Fallzahlen bei Anpassungsstörungen
Trotz der Tendenz, in bestehenden Arbeitsverhältnissen zu verbleiben, nehmen Berichte über psychische Belastungen am Arbeitsplatz zu. Besonders deutlich zeigt sich dies in Regionalauswertungen.
In Sachsen-Anhalt verzeichnete die AOK, die dort mit 854.000 Versicherten die größte Krankenkasse ist, für das Jahr 2025 rund 22.100 Fälle von akuten Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen. Dies entspricht mehr als einer Vervierfachung gegenüber dem Jahr 2015, in dem lediglich 4.160 Fälle dokumentiert wurden.
Parallel dazu stiegen die Ausfalltage aufgrund psychischer Erkrankungen in dieser Region massiv an. Während im Jahr 2015 noch 110.000 Fehltage gezählt wurden, lag dieser Wert im Jahr 2025 bei 516.000 Tagen. Auch in anderen Regionen bleibt die psychische Gesundheit ein kritischer Faktor.
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Die AOK Rheinland/Hamburg registrierte im ersten Halbjahr 2026 zwar einen leichten Rückgang des Gesamtkrankenstandes auf 7,04 Prozent (Vorjahr: 7,22 Prozent), meldete jedoch eine Zunahme bei spezifischen Diagnosegruppen.
Psychische Erkrankungen legten dort um 7,0 Prozent zu, während Herz-Kreislauf-Erkrankungen einen Zuwachs von 9,4 Prozent verzeichneten. Der Langzeitkrankenstand von mehr als 42 Tagen stieg in diesem Bereich auf 1,76 Prozent.
Trends bei Krankenständen und wirtschaftliche Implikationen
Ein differenziertes Bild zeigt sich beim Blick auf die durchschnittliche Krankenstandsdauer, wie Daten aus Österreich für das Jahr 2025 verdeutlichen. Dort sank die Dauer pro Krankheitsfall auf einen historischen Tiefstand von durchschnittlich 9,1 Tagen.
In den Vorjahren lag dieser Wert mit 9,2 Tagen (2024) und 9,4 Tagen (2023) geringfügig höher, während im Jahr 1965 noch 18,6 Tage verzeichnet wurden. Die Anzahl der Krankenstandstage pro Person lag im Jahr 2025 bei 14,7 Tagen, nach 15,1 Tagen im Jahr 2024.
Diese statistische Abnahme wird von Arbeitnehmervertretern jedoch kritisch bewertet. Der ÖGB warnte vor einer trügerischen Entspannung und verwies auf die Gefahr von Präsentismus, also dem Erscheinen am Arbeitsplatz trotz Krankheit. Es wurde die Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen und verstärktem Gesundheitsschutz laut.
Auf der anderen Seite forderte die Wirtschaftskammer (WKO) strengere Kontrollen, da jeder Ausfalltag Kosten von mindestens 300 Euro verursache. Schätzungen zufolge belasten Langzeitkrankenstände die Wirtschaft jährlich mit bis zu 14,7 Milliarden Euro.
Die aktuelle Lage verdeutlicht somit ein Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach beruflicher Stabilität und einer zunehmenden gesundheitlichen Belastung der Belegschaften.
