Jakobustherapie: 20 km täglich heilen psychische Belastungen
Veröffentlicht am: 09.09.2026 um 03:53 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Massentourismus in Santiago de Compostela, ein Pilgerprojekt für Psychiatriepatienten und Jahrhunderte alte Wallfahrtstraditionen in Deutschland – die vielfältigen Formen des Pilgerns werfen aktuell die Frage auf, welche Wirkung das Gehen auf religiösen Routen tatsächlich entfaltet.
Eine Dokumentation des WDR nimmt sich des Phänomens am Beispiel des Jakobswegs an und zeigt dabei sowohl die spirituelle Anziehungskraft als auch die Kehrseite eines inzwischen massenhaft frequentierten Pilgerwegs.
Der Jakobsweg zwischen Anziehungskraft und Überlastung
Die Reportage „Kritisch Reisen: Jakobsweg – Ich bin dann mal anstehen“ dokumentiert, dass täglich rund 5000 Pilger am Grab des heiligen Jakobus in Santiago de Compostela ankommen. Diese Größenordnung hat nach Angaben der Dokumentation längst Spannungen mit der lokalen Bevölkerung ausgelöst: Anwohner protestieren gegen die Touristenmassen, die der einst beschauliche Pilgerweg mittlerweile anzieht.
Die Bürgermeisterin der galicischen Stadt strebt deshalb einen qualitativen statt rein quantitativen Tourismus an – ein Balanceakt zwischen dem spirituellen Erbe des Weges und seiner touristischen Vermarktung.
Der Fall Santiago de Compostela macht deutlich, dass das Pilgern längst nicht mehr nur eine Nischenpraxis religiös motivierter Wanderer ist, sondern zu einem Massenphänomen geworden ist, das ganze Stadtstrukturen belastet.
Therapeutisches Gehen: Das Beispiel Jakobustherapie
Abseits des Massenandrangs setzen einzelne Institutionen bewusst auf die therapeutische Dimension des Pilgerns. Am St. Marien-Hospital Herne-Eickel startete eine Gruppe von 20 Psychiatriepatienten eine Etappe des Pilgerprojekts „Jakobustherapie“ in Frankreich, bei der täglich 20 Kilometer zurückgelegt werden.
Chefarzt Peter Nyhuis brachte den Ansatz des seit 30 Jahren bestehenden Projekts auf die Formel, dass aus Kranken Pilger werden. Die lange Laufzeit des Programms deutet darauf hin, dass das gemeinsame Gehen über weite Strecken als Ergänzung zur klassischen psychiatrischen Behandlung etabliert ist – auch wenn das Event-Log keine quantifizierten Wirksamkeitsdaten zu diesem konkreten Projekt liefert.
Wer sich mit dem Thema Pilgern und Wandern befasst, weiß, wie wichtig die körperliche Fitness für lange Strecken ist. Dieser kostenlose Ratgeber eines Experten zeigt, wie Sie mit nur 6 einfachen Übungen zuhause gegensteuern und Ihre Kraft erhalten können. Krafttrainings-Übungen kostenlos als PDF herunterladen
Wallfahrten in Deutschland als lebendige Tradition
Parallel zu den großen internationalen Pilgerrouten bestehen in Deutschland zahlreiche regionale Wallfahrtstraditionen fort. Im Bistum Münster nahmen rund 60 Pilger an der 375. Stadtwallfahrt von Münster nach Telgte unter dem Leitwort „Raum geben“ teil, organisiert von Weihbischof Stefan Zekorn und Stadtdechant Ulrich Messing – eine Tradition, die bis ins Jahr 1651 zurückreicht.
Auch im unterfränkischen Raum ist die Wallfahrtskultur lebendig: Die Pfarreiengemeinschaft Marienhain radelte zum zehnten Mal zur Wallfahrtskirche „Maria im Sand“ in Dettelbach, diesmal mit 51 Teilnehmern und dem Motto „Hab Mut, fürchte dich nicht“.
Parallel dazu unternahmen Untereisenheimer Pilger einen Wallgang zum selben Ziel unter dem Leitwort „Hab Mut, steh auf, behalte die Hoffnung“, mit einer gemeinsamen Messe zusammen mit Versbacher Pilgern.
Ein weiteres Beispiel ist die Ida-Wallfahrt in Ostinghausen-Herzfeld, bei der gut 20 Pilger unter dem Motto „Da, wo das Licht wohnt“ eine sogenannte Prayer-Box mit Rosenkranz, Weihwasser und Gebeten erhielten, bevor die Wallfahrt in der Basilika Herzfeld endete.
Damit lange Märsche und Wallfahrten nicht zur körperlichen Belastung werden, empfiehlt ein renommierter Sportmediziner gezielte Vorbereitung. Erfahren Sie in diesem Gratis-PDF, wie Sie mit minimalem Aufwand maximale Ergebnisse für Ihre Beweglichkeit erzielen. 17 einfache Wunderübungen jetzt gratis anfordern
Individuelle Motivation: Der Fall des Pilger-Profis
Neben institutionalisierten Programmen und traditionellen Wallfahrten gibt es auch Einzelpersonen, für die das Pilgern zur Lebensaufgabe geworden ist. Yves-Marcel Wagner aus Sankt Sebastian startete am ersten September-Wochenende seine 35. Tour auf dem Jakobsweg – eine Zahl, die zeigt, wie sehr wiederholtes Pilgern für manche Menschen zu einer festen Praxis werden kann, die weit über eine einmalige spirituelle Erfahrung hinausgeht.
Zwischen Massenphänomen und persönlicher Praxis
Die verschiedenen Beispiele – vom überlaufenen Jakobsweg über die therapeutisch ausgerichtete Jakobustherapie bis zu traditionsreichen deutschen Wallfahrten – zeigen ein Spannungsfeld auf: Während der internationale Pilgertourismus zunehmend mit den Herausforderungen von Massenandrang und lokaler Belastung kämpft, wird das Gehen auf Pilgerwegen in kleineren, oft institutionell begleiteten Kontexten weiterhin als Praxis mit persönlicher und mitunter therapeutischer Bedeutung gepflegt.
Beide Entwicklungen verlaufen unabhängig voneinander, verweisen aber auf dieselbe zugrunde liegende Anziehungskraft des gemeinsamen, langsamen Gehens.
