Internetsucht: Versuchung, nicht Zeit, treibt pathologische Nutzung
Veröffentlicht am: 01.08.2026 um 15:40 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Wissenschaftliche Untersuchungen zum digitalen Medienkonsum rücken zunehmend die psychologischen Mechanismen hinter einer übermäßigen Online-Zeit in den Fokus. Eine Ende Juli 2026 im Fachjournal PLOS One veröffentlichte Studie der Universität Duisburg-Essen liefert neue Erkenntnisse darüber, wie problematische Internetnutzung mit dem individuellen Wohlbefinden korreliert. Im Zentrum der Analyse steht dabei nicht allein die verbrachte Zeit, sondern vor allem ein subjektiv empfundener innerer Drang.
Der Faktor Versuchung als zentraler Treiber
Die Forschungsgruppe um den Hauptautor Andreas Oelker und die Forschungsleiterin Silke Müller untersuchte über einen Zeitraum von drei Jahren das Verhalten von 900 Erwachsenen in Deutschland. Ein wesentlicher Teil der Erhebung bestand aus einer zweiwöchigen intensiven Begleitung, in der die Probanden täglich Fragebögen zu ihrem Nutzungsverhalten und ihrem Befinden ausfüllten.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die sogenannte Versuchung – ein subjektiv empfundener Drang, online zu gehen – die entscheidende Rolle für eine fortgesetzte, problematische Nutzung spielt. Laut den Autoren der Studie seien Stress und eine negative Stimmungslage zwar Faktoren, die diesen Drang verstärken können, jedoch sei der Moment der Versuchung selbst ausschlaggebend dafür, ob Nutzer pathologische Muster entwickeln. Andreas Oelker erläuterte hierzu, dass die Unterstützung beim Erkennen und Bewältigen dieser spezifischen Momente effektiver sein könnte, als sich lediglich auf die Reduktion von Stress zu konzentrieren.
Auswirkungen auf Stimmung und Alltag
Problematische Internetnutzung wird in der Untersuchung als ein übermäßiger Gebrauch definiert, der mit funktionellen Beeinträchtigungen im Alltag einhergeht. Die Studie stellt fest, dass eine größere Schwere dieses Verhaltens mit einer schlechteren Stimmung, einem höheren Stresslevel und der Vernachlässigung anderer Lebensbereiche verbunden ist. Betroffene neigten dazu, wichtige Aktivitäten wie körperliche Bewegung, soziale Kontakte im realen Leben oder Zeit an der frischen Luft zugunsten der Online-Zeit zu reduzieren.
Silke Müller betonte, dass zwar nur ein kleiner Teil der Internetnutzer tatsächlich von krankhaften Mustern betroffen sei, die gesundheitlichen Folgen für diese Gruppe jedoch erheblich sein könnten. Die Internetnutzung an sich könne durchaus Freude und Entspannung bringen, solange sie nicht zur Vernachlässigung grundlegender Bedürfnisse führe. Gefühle von Vergnügen oder kurzzeitiger Erleichterung beim Online-Gang könnten das problematische Verhalten zudem verstärken und automatisieren.
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Wachsende Relevanz bei Jugendlichen und im globalen Kontext
Die Relevanz dieser Forschungsergebnisse wird durch ergänzende Daten verdeutlicht. So zeigt eine Studie der DAK, dass sich der Anteil von Jugendlichen mit einem krankhaften Nutzungsverhalten seit dem Jahr 2019 mehr als verdoppelt hat. An Wochentagen verbringen Jugendliche demnach durchschnittlich 2 Stunden und 26 Minuten online, während dieser Wert an Wochenenden auf 3 Stunden und 21 Minuten ansteigt.
Auch auf internationaler Ebene wird das Phänomen intensiv beobachtet. Eine in der Fachzeitschrift Public Health veröffentlichte Untersuchung, die 12.449 Jugendliche in 26 Ländern einbezog, beziffert die globale Prävalenz von Internetabhängigkeit in dieser Altersgruppe auf 38,4 Prozent. Die rechtliche Dimension der Plattformgestaltung wurde zudem in den USA deutlich, wo Unternehmen wie Meta und Google aufgrund einer als fahrlässig eingestuften Gestaltung ihrer Dienste verurteilt wurden.
Strategien zur Prävention und Kontrolle
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Aus psychologischer Sicht werden verschiedene Ansätze zur Bewältigung des Nutzungsdrangs empfohlen. Ein zentrales Element sei das Erkennen individueller Auslöser, die das Verlangen nach Internetnutzung triggern. Fachleute raten dazu, in Momenten akuter Versuchung bewusst eine Pause einzulegen – etwa durch eine Fünf-Minuten-Regel –, bevor dem Impuls nachgegeben wird.
Warnsignale für einen drohenden Kontrollverlust seien Schwierigkeiten beim Abschalten sowie spürbare Beeinträchtigungen im beruflichen oder privaten Alltag. Da Belohnungsmechanismen im Gehirn dazu beitragen können, dass der Griff zum Smartphone oder PC automatisch erfolgt, sei die Sensibilisierung für diese Prozesse ein wichtiger Baustein für künftige Präventions- und Behandlungsstrategien. Die Autoren der Duisburg-Essener Studie plädieren dafür, die Problematik künftig verstärkt als eigenständige Störung zu klassifizieren, um die therapeutische Versorgung zu verbessern.
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