Ingwer gegen Reisekrankheit: Fachübersichten sehen keinen verlässlichen Schutz
Veröffentlicht am: 22.10.2026 um 10:13 Uhr | Redaktion boerse-global.deOb als Tee, Kapsel, Erfrischungsgetränk oder Bonbon: Ingwer gilt seit Langem als traditionelles Hausmittel gegen Reisebeschwerden und Unwohlsein. Verschiedene Berichte beleuchten die tatsächliche Wirksamkeit der Wurzel. Die wissenschaftliche Datenlage zur Reisekrankheit wird in aktuellen Fachübersichten jedoch als gemischt bewertet; ein verlässlicher Schutz vor Symptomen ist demnach nicht belegt.
Ursachen der Kinetose und praktische Maßnahmen
Die Reisekrankheit entsteht durch widersprüchliche Signale, die das Gleichgewichtsorgan im Innenohr und die Augen an das Gehirn senden. Dies löst typische Beschwerden wie Übelkeit, Schwindel und Erbrechen aus.
Zu den allgemeinen Empfehlungen zählen leichte, fettarme Mahlzeiten vor Fahrtantritt, regelmäßige Pausen, frische Luft und der feste Blick auf den Horizont. Auch das Vermeiden von Bildschirmen und Büchern sowie Sitzplätze weit vorne oder am Fenster können Erleichterung verschaffen.
In Studien zur Reisekrankheit wird meist eine Dosierung von 1 bis 1,5 Gramm Ingwer pro Tag genannt, aufgeteilt auf zwei bis drei Dosen, beziehungsweise eine Einnahme etwa eine Stunde vor Reisebeginn. Auf Schiffen greifen Reisende neben Akupressurbändern häufig zu Ingwerbonbons, auch wenn vor dem Ablegen oft zu etablierten Medikamenten wie Scopolamin-Pflastern, Bonine oder Dramamine geraten wird.
Zudem ist Cinnarizin (Stugeron) in Europa, der Karibik und auf den Bahamas rezeptfrei erhältlich, wobei Berichte über Preise von etwa 85 US-Dollar pro Kapsel im Online-Handel bis zu 250 US-Dollar in Apotheken informieren.
Flugreisende trinken derweil gerne Ginger Ale. Da Markenprodukte oft nur Spuren von echtem Ingwer enthalten, beruht die lindernde Wirkung im Flugzeug vor allem auf der Kohlensäure und dem Placebo-Effekt. Zudem dämpfen veränderter Kabinendruck und trockene Luft den Geruchs- und Geschmackssinn um bis zu 30 Prozent, was scharfe Noten erfrischender erscheinen lässt.
Wirksamkeit bei Schwangerschaft und anderen Beschwerden
Während der Nutzen bei Reisekrankheit wissenschaftlich uneinheitlich bleibt, gilt die Datenlage bei morgendlicher Schwangerschaftsübelkeit als fundierter. Eine Übersichtsarbeit im American Journal of Clinical Nutrition aus dem Jahr 2022 stellte die stärksten Belege für Übelkeit in der Schwangerschaft sowie für Arthrose-Beschwerden und die Blutzuckerregulation fest.
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Die im Ingwer enthaltenen Gingerole entspannen die Magen- und Darmmuskulatur. Berichten zufolge können ein Gramm Ingwer täglich über vier Tage die Häufigkeit von Schwangerschaftserbrechen um das Fünffache senken. Eine Einnahme in der Schwangerschaft sollte jedoch nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen; schwere Formen wie eine Hyperemesis gravidarum lassen sich nicht allein mit Ingwer behandeln.
Bei Übelkeit infolge von Chemotherapien oder operativen Eingriffen fallen die Resultate hingegen gemischt aus. Ingwer darf bei Tumortherapien allenfalls ergänzend zu verordneten Antiemetika verwendet werden.
Regulatorische Einstufung, Produktformen und Risiken
Eine Auswertung von 109 klinischen Studien im Fachjournal Nutrients aus dem Jahr 2020 zeigte zwar positive Tendenzen, bescheinigte jedoch nur einem Teil der Untersuchungen eine hohe Qualität. Eine weitere Übersicht in Frontiers in Pharmacology aus dem Jahr 2025 verwies auf sinkende Entzündungsmarker, mahnte aber größere Studien an.
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In der Europäischen Union existiert derzeit keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe für Ingwer. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) erkennt die Wurzel lediglich als traditionelles pflanzliches Mittel bei leichten, krampfartigen Magen-Darm-Beschwerden an, rät Schwangeren, Stillenden sowie Personen unter 18 Jahren jedoch ab.
Fachleute warnen zudem vor Risiken bei Gallensteinen, Reflux oder Magengeschwüren. Besondere Vorsicht gilt bei der gleichzeitigen Einnahme von Blutverdünnern: Ein dokumentierter Fallbericht in Case Reports in Medicine schilderte einen Anstieg des INR-Werts von 2,7 auf 8,0 unter Warfarin nach Einnahme eines 48-Milligramm-Ingwer-Supplements.
Auch handelsübliche Zubereitungen erfüllen selten therapeutische Ansprüche. Fertige Ingwer-Shots bestehen häufig überwiegend aus Apfel- oder Orangensaft mit hohem Zuckeranteil. Kandierter Ingwer wiederum weist mit 361 Kilokalorien je 100 Gramm einen hohen Brennwert auf, verglichen mit rund 80 Kilokalorien bei frischer Wurzel.
Bei ernsten Warnzeichen wie Erbrechen über mehr als 24 Stunden, Blutbeimengungen, Dehydrierung oder neurologischen Ausfällen ist eine unmittelbare ärztliche Abklärung unerlässlich.
