Impfreaktionen: Darmbakterien beeinflussen Fieber, nicht die Antikörperbildung
Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 15:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Das menschliche Darmmikrobiom beeinflusst die Intensität von Entzündungsreaktionen und das Auftreten von Nebenwirkungen wie Fieber nach einer Impfung. Zu diesem Ergebnis kommt eine wissenschaftliche Untersuchung unter Führung des Max-Planck-Instituts für Biologie Tübingen, die im Fachjournal Science veröffentlicht wurde.
An der Arbeit waren zudem Forschende des Exzellenzclusters CMFI der Universität Tübingen, des Institut Pasteur, des Inserm sowie von Universitäten in den USA und Kanada beteiligt. Die Daten legen nahe, dass die Zusammensetzung der Darmbakterien eng mit der körpereigenen Reaktion auf Vakzine verknüpft ist.
Mikrobiom-Zusammensetzung prägt Entzündungsreaktionen
Im Zentrum der sogenannten µHEAT-Studie unter der Leitung von Ruth Ley standen 171 gesunde Erwachsene im Alter von 18 bis 40 Jahren. Untersucht wurden die Reaktionen vor und nach der Verabreichung einer dritten dosis des Biontech-mRNA-Impfstoffs gegen SARS-CoV-2 während der Impkampagnen in den Jahren 2021 und 2022. Die Probanden maßen ihre Körpertemperatur jeweils dreimal täglich über einen Zeitraum von einer Woche vor sowie einer Woche nach der Injektion.
Die Analysen des Max-Planck-Instituts für Biologie Tübingen zeigten ein deutliches Muster: Teilnehmer, bei denen die Temperatur nach der Immunisierung um mindestens 0,8 Grad Celsius anstieg, wiesen bereits vor dem Eingriff mehr bakterielle Motilitätsgene beziehungsweise Flagelline auf. Dies ging mit einer entzündlicheren Baseline im Sinne einer niedriggradigen Darmentzündung einher.
Als maßgeblich beteiligt identifizierten die Forschenden Bakterien aus der Familie der Lachnospiraceae, darunter insbesondere die Gattung Waltera. Deren Flagelline aktivieren im Körper den Immunrezeptor TLR5.
Bestätigung im Tiermodell und in Kohorten
Um den ursächlichen Zusammenhang zu überprüfen, übertrugen die Forschenden des Tübinger Max-Planck-Instituts Stuhlproben auf keimfreie Mäuse. Tiere, die das Mikrobiom von Personen mit starker Fieberreaktion erhalten hatten, entwickelten nach der Impfung ebenfalls eine ausgeprägtere Entzündung.
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Dieser Effekt war teilweise von der Flagellin-Erkennung abhängig: Bei Versuchstieren, denen die Rezeptoren TLR5 und NLRC4 fehlten, fiel die Reaktion geringer aus, blieb jedoch nachweisbar.
Eine Validierung gelang zudem anhand einer unabhängigen Kohorte von 1.014 Erwachsenen in Kanada. Personen, die nach der Impfung über Symptome wie Fieber, Kopfschmerzen und Muskelschmerzen berichteten, wiesen ebenfalls eine höhere Abundanz von Lachnospiraceae und Bakterien der Gattung Waltera auf.
Ernährungsgewohnheiten und Antikörperbildung
Die Daten des Max-Planck-Instituts für Biologie Tübingen lieferten zudem Hinweise auf den Einfluss der Ernährungsweise. Bei einer selbstdeklarierten Untergruppe von 46 Personen zeigten Vegetarier und Veganer seltener oder schwächere Fieberschübe als Probanden mit omnivorer Ernährung.
Hochverarbeitete Nahrungsmittel wiederum verstärkten die entzündliche Aktivität. In Laborexperimenten erhöhten bestimmte Lebensmittelzusätze die Flagellinproduktion in vitro, während eine fettreiche westliche Ernährungsweise die impfinduzierte Entzündung bei Mäusen verstärkte.
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Entscheidend für den Impferfolg ist jedoch, dass das Auftreten von Impffieber nicht mit der Bildung von Antikörpern korrelierte. Die festgestellten mikrobiellen Unterschiede modulierten zwar die akute Entzündungsantwort, verhinderten die Antikörperproduktion jedoch nicht. Generell gilt der Nutzen von Immunisierungen als immens: Demnach haben Impfungen in einem halben Jahrhundert weltweit mehr als 154 Millionen Todesfälle verhindert.
Einordnung durch die Fachwelt
Hinsichtlich praktischer Handlungsempfehlungen mahnt die Studienleiterin Ruth Ley zur Zurückhaltung. Es sei bislang nicht bewiesen, dass eine gezielte Ernährungsumstellung die Nebenwirkungen einer Impfung verlässlich verhindere; hierfür seien zunächst kontrollierte Interventionsstudien am Menschen erforderlich.
Auch externe Experten betonen die Notwendigkeit differenzierter Bewertungen. Bali Pulendran von der Stanford University, der nicht an der Erhebung beteiligt war, merkte am 8. Oktober 2026 an, dass die Ergebnisse kontextabhängig seien. Yvelise Barrios von der Spanischen Gesellschaft für Immunologie äußerte laut Berichten vom selben Tag zudem Zweifel an der realen Tragweite der Ergebnisse für die klinische Praxis.

