Immunalterung, Analyse

Immunalterung: Analyse von 12,4 Millionen Zellen zeigt große Unterschiede

Veröffentlicht am: 19.10.2026 um 21:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Studien zeigen individuelle Veränderungen der Immunabwehr; bei Adipositas kann eine Diät die beschleunigte Immunalterung wieder umkehren.
Mikroskopische Aufnahme von biologischen Zellstrukturen, die komplexe Zellmembranen und Faserstrukturen zeigt. Illustration mit AI erstellt.

Chronische Entzündungen gelten in der Medizin seit Langem als maßgeblicher Treiber von Verschleiß und Degeneration im Alter. Neuere wissenschaftliche Arbeiten stellen dieses Bild jedoch zunehmend differenzierter dar.

Forschende, darunter Professor Fülöp Tamás von der Université de Sherbrooke, hinterfragen die Annahme, dass solche Prozesse lediglich eine schädliche Begleiterscheinung des Älterwerdens darstellen. Untersuchungen an Hundertjährigen zeigen demnach, dass selbst bei sehr alten Menschen mit gutem Gesundheitszustand teils ausgeprägte Entzündungsmarker nachweisbar sind.

Als Erklärung dient eine parallel verlaufende, starke entzündungshemmende Gegenaktivität. Das Immunsystem baut sich über die Lebensspanne hinweg vielmehr um und passt sich kontinuierlich an lebenslange Einflüsse an – ein Prozess, der in der Fachwelt als Immunobiografie beschrieben wird, anstatt von einer bloßen generellen Abwehrschwäche auszugehen.

Zelluläre Kartierung und individuelle Unterschiede

Dass dieser Umbau nicht bei jedem Menschen nach demselben Schema abläuft, belegen groß angelegte Analysen. Eine in der Fachzeitschrift Immunity veröffentlichte Untersuchung von Blutdaten von über 2000 Erwachsenen und rund 12,4 Millionen Immunzellen ergab eine detaillierte Karte der menschlichen Immunalterung.

Die Forschenden stellten fest, dass bei einem Teil der älteren Individuen die entzündungsassoziierten Immunzellen im Blut deutlich vermehrt vorkamen, was die erheblichen individuellen Unterschiede im Alterungsprozess erklärt.

Ergänzende Befunde lieferte eine 2025 in der Fachzeitschrift International Journal of Molecular Sciences publizierte Studie des Unternehmens FANCL an 632 japanischen Männern und Frauen im Alter von 40 bis unter 60 Jahren. Darin stieg der Anteil immunseneszenter Zellen innerhalb der Gruppe der Killer-T-Zellen mit zunehmendem Alter signifikant an, während der Anteil naiver Zellen zugleich sank.

Gleichzeitig verweist María Mittelbrunn vom Centro de Biología Molecular Severo Ochoa (CSIC) in Madrid darauf, dass Immunseneszenz und das als Inflammaging bekannte Phänomen sowohl Ursache als auch Folge des Alterns darstellen. Diese Prozesse treiben altersassoziierte Erkrankungen wie kardiovaskuläre Beschwerden, metabolische Störungen und Alzheimer voran.

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Zusammen mit Forschenden von IMDEA Alimentación zeigte Mittelbrunn zudem funktionelle Anpassungen: Bei Personen mit Adipositas wies das Immunsystem eine beschleunigte Alterung auf, verjüngte sich jedoch nach einer gewichtsreduzierenden Diät wieder.

Mechanismen auf zellulärer Ebene und Forschungsansätze

Auf zellulärer Ebene geraten spezifische Abbauwege in den Fokus. Forschende um Dipali und Yousefzadeh am Columbia University Medical Center sowie eine Arbeitsgruppe um Sereda in der Fachzeitschrift Nature Aging untersuchten die Chaperone-vermittelte Autophagie (CMA). Dieser von J. Fred Dice im Jahr 1982 erstbeschriebene Prozess nimmt mit fortschreitendem Alter ab.

In der Folge versagt die Makrophagen-Efferocytose, wodurch sich seneszente Zellen im Gewebe anreichern und die Immunüberwachung gestört wird. Während eine Gentherapie zur Unterstützung dieses Signalwegs in Tierversuchen Organfunktionen verbesserte, greifen sogenannte Senolytika nach Ansicht der Columbia-Forschenden bisher vor allem an den Folgen und nicht an den eigentlichen Ursachen an.

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Auch an der University at Buffalo konzentriert sich die Forschung auf entzündungshemmende Proteine: Bei gealterten Mäusen steigerte die Erhöhung des Proteins Tristetraprolin die körperliche Leistungsfähigkeit wie Griffkraft und Gehstrecke.

Bis zu einer klinischen Anwendung am Menschen sind derartige Ansätze jedoch noch weit entfernt. Bis zum Jahr 2050 wird fast ein Viertel der US-Bevölkerung der Altersgruppe ab 65 Jahren angehören, was einem Zuwachs von 40 Prozent gegenüber dem aktuellen Stand entspricht.

Gleichzeitig warnen Fachleute vor vermeintlichen Abkürzungen. Für Methoden zur gezielten künstlichen Steigerung der Immunabwehr existieren keine soliden wissenschaftlichen Belege; als nachgewiesene Schutzfaktoren gelten vielmehr ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung, Schlafdauer, Stressreduktion und Impfungen.

Auch Trends wie unregulierte Peptidpräparate aus dem Graumarkt bergen erhebliche Risiken: Die US-Arzneimittelbehörde FDA verschickte 2025 Warnbriefe an Händler, nachdem es im Umfeld von Peptidanwendungen wiederholt zu schweren Zwischenfällen und Verdachtsfällen gekommen war.

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